XXX. Maiandacht - Lonicera

 

Schon neigt sich der Monat Mai zum Ende und mit ihm enden die schönen Tage, die wir durch die Überreichung von Blumen an das Mutterherz Mariens heiligten. Deshalb kann ich diese Andacht nicht vorübergehen lassen, ohne euch nicht die Übung jener Tugend ans Herz gelegt zu haben, ohne die alle anderen nichts sind. Diese Tugend ist: die Beharrlichkeit in der Liebe Mariens und zum Sinnbild derselben soll uns dienen das sogenannte Geißblatt.

Das Geißblatt ist eine bekannte Schlingpflanze. Sie dient gewöhnlich zur Bekleidung von Lauben, Sommerhäuschen und dergleichen, an deren Wänden es sich hinaufrankt. Es hat wohlriechende, meist rötliche und weißliche, auch gelbliche Blüten, die sich in fünf Teile, einem gekrümmten Finger gleichend, trennen. Ihre Blätter wachsen so zusammen, dass der Stängel oft mitten durch geht.

Das Geißblatt wird auch Rose von Jericho genannt und darum passt es auf die Muttergottes, die ja auch, wie ihr wisst, von den heiligen Vätern die Rose von Jericho genannt wird.

Das Geißblatt heißt aber auch noch: Je länger, je lieber und drückt dadurch auf wunderliebliche Weise die Tugend aus, von der ich heute reden will: die Beharrlichkeit. Denn je länger man bei dieser Blume verweilt, desto lieber wird sie einem durch ihren herrlichen Wohlgeruch, den sie besonders abends ausduftet. Und die allerseligste Jungfrau, sie ruft gleichsam durch diese Blume uns zu: Je länger, je lieber! Je länger du mich liebst, desto lieber bist du mir! Je länger du mich verehrst, desto angenehmer bist du mir! Je länger du mein Kind bist, desto lieber will ich hier und in der Ewigkeit deine Mutter sein!

Liebe Christen, lasst diese Stimme nicht umsonst erschallen, die Stimme jener Mutter, die dir sagt: Komm, mein Kind, nimm einen Rat von mir an und rette deine Seele. Der heilige Joseph von Kupertin fragt sie: Wodurch? Und sie gab ihm die Antwort: Durch treue Liebe zu mir bis in den Tod!

Ihr alle, die ihr mir zuhört, wollt doch eure Seele retten und in den Himmel kommen. Deshalb hört, was der heilige Augustin sagt: Es ist ein sicheres Zeichen der Vorerwählung, der Bestimmung für den Himmel, wenn man beharrlich Maria liebt und ein anderer Heiliger tut den Ausspruch: Eine, wenn auch noch so kleine, aber beharrlich geübte Andacht zu Maria ist imstande, uns selig zu machen.

Schon wollte ein junger Mensch, der ein leichtsinniges Leben führte, entfliehen, als er hörte, die Missionare seien in seiner Vaterstadt angekommen. Schon war er im Begriff, sich im Eilzug einen Platz zu bestellen, als ihn etwas, was er sich selbst nicht erklären konnte, eine innere Stimme, ein unwiderstehlicher Drang, gleichsam festbannte, zu bleiben, eine Predigt zu hören, die ihn so rührte, dass er alle hörte und unter den schönsten Zeichen der aufrichtigsten Reue, seine Lebensbeichte ablegte. Als ihn der Beichtvater fragte, ob er nie eine Liebe zur Muttergottes getragen habe, gab er zur Antwort: Ich habe alle Gebete vergessen, selbst das Vaterunser kann ich nicht mehr. Nur das Ave Maria betete ich täglich, weil es mir meine sterbende Mutter aufgetragen hat.

Liebe Christen, zweifelt ihr daran, dass dieses Ave Maria es war, das dem jungen Menschen die Gnade der Bekehrung erwarb? Ja dieses kurze Gebet, diese wenn auch lau, aber doch beharrlich verrichtete Andacht, dieses Ave Maria war der Anker, der seine Seele im Sturm des Lebens nicht untergehen ließ. Dieses Ave Maria war der Stern, der ihm zu einem besseren Leben leuchtete. Dieses Ave Maria war das Band, mit dem ihn Maria vom Rande des Abgrunds zurückriss an ihr Mutterherz und an die Brust seines göttlichen Vaters.

Macht euch daher den festen Vorsatz, eure gewohnten Andachtsübungen zu Maria beharrlich zu üben, wenn sie auch noch so klein, so gering, so unbedeutend wären, die Beharrlichkeit vergoldet sie. Die Beharrlichkeit gibt ihnen den Wert und vielleicht hat dein lieber Gott an diese Andacht dein ewiges Wohl, dein ewiges Weh geknüpft.

Oder verdient Maria nur eine kurze Liebe, eine monatlange Andacht? Verdient sie nicht eine ganze Liebe, eine treue Liebe bis in den Tod? – Hat sie uns nicht als Kind geliebt, als sie uns zu Liebe im Tempel sich Gott weihte? Hat sie nicht als Jungfrau uns geliebt, als sie Jesus für unser Heil geboren hat? Hat sie nicht in späteren Jahren uns geliebt, als sie ihren Sohn für uns ans Kreuz schlagen ließ? Hat sie nicht im hohen Alter uns geliebt, als sie bis in das 60. Jahr für unser Seelenheil gelebt hat? – Liebt sie uns nicht jetzt vom Himmel herab mit einer Liebe von der Wiege bis zum Grab? –

Kennt ihr im Spätsommer und Herbst jene silberweißen Fäden, die in der Luft herumfliegen und sich an die Kleider anhängen und uns ganz bedecken? Die Naturforscher wissen sie bis auf den heutigen Tag nicht genügend zu erklären und die fromme Legende nennt sie Muttergottesfäden, die Muttergottes spinnt, es sind ihre Gespinste! Ein herrliches Bild ihrer Wohltaten und Liebesbeweise, mit denen sie den Menschen überdeckt, auch wenn er sie nicht verdient, überhäuft, auch wenn er sie nicht haben will, wenn er ihr nicht dankt. Geht hinaus jetzt im Frühling auf die Wiesen und zählt die Blumen, wenn ihr im Stande seid, zählt die Blätter und die Blüten, wenn es euch möglich ist, seht, ebenso unzählbar, ebenso unermesslich sind die Wohltaten und Liebesbeweise Mariens! –

Drum liebt Maria mit einer treuen, mit einer beharrlichen, mit einer ewigen Liebe! Als die Hungersnot im Lande Juda vorüber war, kehrte Noemi wieder zurück. Ihre zwei Schwiegertöchter Orpha und Ruth begleiteten sie. Als sie zur Mitte des Weges gekommen waren, sprach Noemi: Kehrt nun wieder um, ich finde jetzt den Weg allein, ich danke für eure Liebe. Orpha ließ sich bereden, nicht aber Ruth. Die sprach: Nein, Mutter, ich gehe mit dir und bleibe bei dir. Nichts soll mich trennen von dir. Die Hütte, die dich beherbergt, soll auch mich beherbergen. Diejenigen, die dich lieben, die will auch ich lieben und das Grab, das dich aufnimmt, soll auch einst mich aufnehmen.

Seht, Christen, im schönsten Bild, wie unsere Liebe zu Maria beschaffen sein soll. Gerade so sollen wir zur heiligen Jungfrau sagen: Nein, Mutter, nichts trenne uns von dir, dir wollen wir dienen alle Tage unseres Lebens. Dort, wo du wohnst, dort wollen auch wir gerne sein. Diejenigen, die dich lieben, die sollen auch unsere lieben Freunde sein, bis zum Tod, bis zur letzten Stunde, bis dieses Herz zu schlagen aufhört, wollen wir dein sein und dein bleiben! –

Ihr wisst, liebe Christen, aus der Heiligen Schrift, wie einst der Feldherr Josua rief: Steh still, Sonne zu Gideon und du Mond im Tal Ajalon! Und siehe, die Gestirne standen still und es wurde nicht Nacht zu jener Zeit. – Hätte ich, liebe Christen, die Glaubenskraft des Feldherrn Josua, so würde ich rufen: Monat Mai, bleibe stehen, weiche nicht du Monat, in dem sich eure Liebe, eure Andacht zu Maria so schön und rührend gezeigt hat, bleibe immer! Liebe Christen, nie vergehe diese Liebe in eurem Herzen, nie erkalte diese Andacht, sondern immer mehr und mehr nehme sie zu, wachse sie, vermehre sie sich bis zu jenem Augenblick, wo wir durch die Verehrung Mariens eingehen werden in jenes Land, wo es keinen Wechsel mehr gibt! Amen.

 

O nimm hinweg den Geist, der wetterwendig

Bald eifrig ist, bald wiederum erlaut,

Mach fest uns in der Tugend und beständig,

Gib uns ein Herz, das immer dir vertraut.

Beharrlichkeit im Guten uns erflehe,

Dass uns nicht trifft einst des Erlösers Wehe!