XXVIII. Maiandacht - Immortelle

 

Gelb und weiß ist die Immortelle oder Strohblume, die die besondere Eigenschaft hat, dass sie nicht verwelkt. Diese Unverwelklichkeit hat sie zum Sinnbild des Himmels gemacht, dessen Freuden nie vergehen, ewig dauern. Die Guten werden eingehen in die ewige Freude, sagt Jesus Christus, und der heilige Apostel Paulus spricht: Wir wissen, dass wenn dieses unser irdisches Wohngebäude abgebrochen sein wird, wir ein anderes empfangen nicht von Menschenhänden gemacht, sondern ein ewiges im Himmel.

Dieser Blume gleicht die allerseligste Jungfrau Maria. Ihr Wirken und ihr Sehnen war eine Immortelle, d.h. sie arbeitete für den Himmel, sie sehnte sich nach dem Himmel und darum sind ihre Werke unsterblich und der Lohn ihrer Sehnsucht der ewige Himmel! – Möchte es mir gelingen durch die heutige Betrachtung der Immortelle in euren Herzen, liebe Christen, mit unauslöschlichen Zügen einzuschreiben, was eins der große Erzbischof von Köln Clemens August ins Stammbuch seines Freundes geschrieben hat: Durch gute Werke und Sehnsucht wirst du hier und dort unsterblich! –

Das Kleid, das die göttliche Mutter ihrem geliebten Sohn selbst gesponnen und gewebt, hat sich wunderbarer Weise bis auf unsere Zeiten erhalten. Der Rock, um den die Henker bei der Kreuzigung Christi das Los geworfen hatten, ist aufbewahrt zu Trier noch heutigen Tages und wie ihr wisst, sind vor einigen Jahren zu seiner Verehrung, als er öffentlich ausgestellt wurde, viele Millionen Menschen aus allen Ländern fromm gepilgert. Dieses Kleid, aus einem Stück gewebt, ohne Naht, eine Arbeit der heiligen Jungfrau, ist wie die heiligen Väter sagen, ein Symbol der einen, ungeteilten, heiligen Kirche.

Es ist aber auch ein herrliches Bild der unvergänglichen, unsterblichen Dauer aller Werke Mariens, sie arbeitete und wirkte nicht für die Erde, sondern für den Himmel, darum wo immer der Namen Mariens verkündet ist, im Norden des Eismeeres und unter der heißen Sonne Brasiliens, an den Ufern des Nils oder am blauen Strom von China, da wird erzählt, was Maria getan hat. Ihr frommes Leben im Tempel, ihr stilles Leben mit Josef, ihre Muttersorgfalt für Jesus, ihr Besuch bei Elisabeth, ihr tätiges arbeitsames Wirken in Nazareth und in Ägypten, ihre Nächstenliebe auf der Hochzeit in Kana, ihre Gottergebung auf Kalvaria, ihre treue Freundschaft für Johannes und Magdalena, ihre Unterstützung der jungen Kirche durch Rat und Tat, all ihre guten Werke sie vergehen nicht, sie dauern immer und ewig, sind Immortellen, die nie verblühen! –

So sollen auch wir nach dem Beispiel Mariens nicht für die Erde, sondern für den Himmel arbeiten, wozu uns der Herr selbst ermahnt mit den Worten: Sammelt euch Schätze, die weder Rost noch Motten verzehren und die euch keine Diebe rauben. – Aber ach, blutige Tränen möchte man weinen, wenn man die Christen unserer Tage betrachtet und sieht, wie sie für alles eher sorgen, als für den Himmel, nur für ihren Leib sich abmühen, der in die Grube muss, um zu verfaulen, für ihre Seele aber gar nichts tun, die doch Rechenschaft geben muss am Tag des Gerichtes, deren ganzes Dichten und Trachten, Arbeiten und Wirken nur allein dahin zielt, zeitlichen Nutzen und irdischen Vorteil zu erlangen, nach Seifenblasen, die in der Luft zerplatzen, nach Spreu, die der Wind verweht, nach Wassertropfen, die im Meer der Ewigkeit verschwinden. Die da vergessen, dass sie nichts mitnehmen ins Grab, als ihre Sünden und guten Werke und wehe ihnen, wenn jene mehr sind als diese.

Darum seid doch wenigstens ihr klüger, liebe Christen, arbeitet für den Himmel durch gute Werke, sprecht wie der große Maler Correggio: Ich male nicht für die Zeit, sondern für die Ewigkeit und macht den Wahlspruch des Kaisers Ludwig des Bayern zu dem eurigen: Man soll vor allem nach solchen Schätzen trachten, die mit dem, der Schiffbruch erleidet, ans Ufer schwimmen. – Ein Leichenzug ging einst durch Wien, doch was sage ich, ein Leichenzug? Es waren nur der Priester und die Träger, die den Toten trugen, sonst niemand, denn es war ein armer, unbekannter Mensch. Da kam der Kaiser Franz I. desselben Weges gefahren und als er dieses armselige Leichenbegräbnis sah, stieg er aus dem Wagen und ging dem Sarg nach. Da erschallte es durch alle Straßen: Der Kaiser geht mit der Leiche! – und in einem Augenblick schlossen sich ihm Tausende an und als man zum Friedhof kam, war es eine unermessliche Menge, ein unübersehbarer Zug. So lange Wien steht, hat es noch kein solches Leichenbegräbnis gesehen und so lange es stehen wird, wird auch von ihm gesprochen werden. – Selig, die im Herrn sterben, denn ihre Werke folgen ihnen nach. Das wird sich auch an dir erfüllen, lieber Christ, wenn du auf Erden für den Himmel arbeitest, deine guten Werke werden dir, wie die Menge Menschen dem Leichenzug jenes Armen, folgen und dir ein Monument setzen, das kein Zeitensturm zerstört und einen Immortellenkranz auf dein Grab legen, der ewig nie verblüht. Dein frommes Gebet, deine heiligen Kommunionen, sie werden dir folgen, die Armen, die du gekleidet und gespeist, die Kranken, die du besucht und getröstet, das Kind, das du angenommen, der Sünder, den du auf den rechten Weg gebracht, die Tränen, die du getrocknet, die Wunden, die du geheilt, das Almosen, das du gespendet hast, der Schmuck der Altäre, die Zierden der Kirche, die Unterstützung christlicher Vereine, das sind, wenn du auch längst gestorben bist, die Perlenschnur, die diamantene Kette, die Zeit und Ewigkeit verbinden und dir ein ewiges Andenken schon hier auf Erden sichern. Alles andere wird vergessen auf Erden, wird nicht belohnt im Himmel. Nur die guten Werke sind Immortellen hienieden, sie sterben nicht, sind Immortellen im Himmel, sie lohnen mit ewigem Leben.

Nach dem Tod Christi zog Maria mit Johannes und Magdalena nach Ephesus in Griechenland, aber vor ihrem Ende sehnte sie sich noch einmal mit dem ganzen Verlangen ihrer Seele nach ihrem Vaterland, nach dem Land ihrer Heimat zurück. Und Johannes erfüllte ihren Wunsch und reiste mit ihr nach Jerusalem. – So sollen auch wir nach unserem eigentlichen Vaterland, dem Himmel verlangen, sollen rufen mit dem heiligen Paulus: Wer wird mich befreien von dem Leib dieses Todes; sollen seufzen mit dem heiligen Augustin: O Land der Ruhe, wie sehne ich mich nach dir, von den Ufern dieses Lebens schaue ich voll Verlangen nach dir, o himmlisches Vaterland! Denn die Größe unseres Lohns und die Gewissheit desselben für uns, sagt der heilige Ambrosius, richtet sich nach dem Maß unserer Sehnsucht danach. Als der heilige Einsiedler Arsenius dem Tod nahe war, wurde er von seinen Brüdern gebeten, ihnen doch zum Andenken und Abschiedsgruß einen heilsamen Spruch zu hinterlassen. Da sprach er nur die zwei Worte: Dort – wo – ? und verschied. Die Brüder ließen einen greisen Diener Gottes um die Deutung dieser Worte fragen und der schrieb ihnen zurück: Sie sagen nichts anderes als: Dort, wo die reinsten Freuden auf uns warten, sollen schon jetzt unsere Herzen sein!

O himmlische Immortelle, allerseligste Jungfrau Maria, die du nun im Himmel ewig glückselig bist, weil du auf Erden nur für den Himmel gewirkt und gearbeitet hast, erbitte uns von Gott die Gnade, dass wir aus Sehnsucht nach dem ewigen Leben durch gute Werke unsere Seligkeit gewiss machen. Amen.

 

Was gibt dem Christen Stärke,

Was stählet seinen Sinn? –

Sehnsucht und gute Werke,

Das macht unsterblich ihn!

 

Das ist des Lebens Quelle,

Das Bild der Immortelle,

Drum wirkt und lebt nicht für die Zeit,

Arbeitet für die Ewigkeit! –