XXVI. Maiandacht - Colocasia

 

Eine ganz besonders schöne Blume, vorzüglich zum Kirchenschmuck geeignet, wegen ihrer Größe, ist die Colocasia oder der Hirtenstab. An einem langen Stängel mit breiten länglichen Blättern rollt sich ein schneeweißer Kelch mit dem herrlichsten Duft allmählich auf. Die Gestalt sowohl als der Namen dieser Blume zeigen deutlich hin auf ihr Sinnbild. Die Colocasia ist das Bild der christlichen Erziehung. Hirten seid ihr Eltern und eure Kinder sind die Schäflein, die ihr mit Hirtensorgfalt bewachen sollt. Gute Hirten sollt ihr sein nach dem Beispiel des besten Hirten Jesus Christus, der dem einzigen verlorenen Schäflein nacheilte über Berg und Tal und nicht rastete und ruhte, bis er es wiedergefunden hatte! – Gute Hirten sollt ihr sein, weil der Herr die Schäflein mit seinem teuren Blut erkauft und sie euch nur geliehen hat als Pfänder seiner Liebe. O wie gern hat Gott die Kinder! – Schlagt auf die Heilige Schrift und lest, wie er den kleinen Mose im Binsenkörblein beschützt, wie es von dem verschmachtenden Ismael heißt: Und Gott erhörte die Stimme des Jungen, und von dem kleinen Jakob, der Rebekka Sohn: Also spricht der Herr, Jakob habe ich geliebt! – und von dem kleinen Samuel: Samuel war geliebt von dem Herrn seinem Gott. – Lasst die Kinder zu mir kommen, sprach der Heiland, wehe dem Menschen, der eines von diesen Kleinen ärgert, wenn ihr nicht werdet, wie die Kinder, so könnt ihr nicht eingehen ins Himmelreich! – Aus dem allen geht deutlich die Wahrheit des Ausspruchs des heiligen Paulus hervor: Wer keine Sorge trägt für die Seinigen, verleugnet den Glauben und ist schlechter als ein Heide. Je größer die Liebe Gottes zu den Kindern, sagt der heilige Chrysostomus, desto schärfer die Rechenschaft dafür am Tag des Gerichts. –

Der Hirtenstab ist weiß und mahnt die Eltern, die Herzen ihrer Kinder rein zu erhalten, ihr weißes Unschuldskleid zu bewahren. Die göttliche Mutter wich nie von ihrem Kind, stets war sie an seiner Seite und als sie es einst verloren hatte, wie rastlos suchte sie drei Tage und Nächte ohne zu ermüden, bis sie Jesus wieder gefunden hatte. – Gleichen dieser Muttersorgfalt jene Eltern, die ihre Kinder allein und unbewacht lassen, die sich nicht kümmern, mit wem sie umgehen, was sie für Gespräche führen, wo sie sich herumtreiben, die sie bis spät in den Abend, oft bis nach dem Gebetläuten auf den Straßen herumlaufen und lärmen lassen? – Was nützen da die besten Gesetze der geistlichen und weltlichen Obrigkeit, wenn es solche Eltern gibt! – Aber der Gott, der gesagt hat: Von jedem unnützen Wort werde ich Rechenschaft fordern, wird an jenem Tag, wo auf den Posaunenschall die Toten aus ihren Gräbern kommen und ins Tal Josaphat zum Gericht gehen, von dir o Vater, o Mutter, seine Kinder fordern. Da werden jene unbewachten Winkel, wo eure Kinder durch eure Sorglosigkeit verführt wurden, jene Straßen und Wege, wo sie die ersten Keime des Bösen empfingen, jene Häuser und Plätze, wohin ihr sie ohne Aufsicht bis spät in die Nacht gelassen habt, wider euch aufstehen und wider euch zeugen. O wie schnell werden da wie die Regentropfen im Weltenmeer verschwinden jene gottlosen Reden, mit denen manche Eltern sich zu entschuldigen pflegen: „Ich kann auch nicht überall sein, ich habe nichts gesehen, ich kann sie nicht immer zu Hause behalten, sie sind selbst alt genug und wissen, was sie zu tun haben! – Der kleine Philipp, Kronprinz von Frankreich, sprach einst zu seinem Vater, dem heiligen Ludwig: Du bist mein guter Hirt, wache über mich, dass ich nicht verloren gehe! – So spricht gleichsam jedes Kind aus der Wiege zu Vater und Mutter, bittet mit seinen kleinen Händlein, fleht mit seinem unschuldigen Herzen vereint mit dem Engel, den Gott an seine Seite gestellt hat: Eltern, liebe Eltern, seid an mir gute Hirten! – Darum wehe euch, wenn ihr dieses Kindesflehen verachtet, wenn durch eure Schuld dieses Glaubenslicht erlöscht, dieses weiße Kleid zerreißt, dieses reine Herz entweiht wird! – Doch nein, bewahrt die Unschuld eurer Kinder und müsstet ihr selbst das Leben dafür lassen, seid streng, wachsam und gewissenhaft, sprecht wie die Königin Blanca zu ihrem Sohn Ludwig: Lieber will ich dich tot zu meinen Füßen sehen als eine Todsünde begehen. Dieses Wort seiner Mutter hörte der fromme König, wie er selbst gesteht, immerfort, im Meeressturm vor der Insel Zypern, in seiner Gefangenschaft bei den Sarazenen, in seinem Hinscheiden zu Tunis, denn aus liebendem Herzen ein Mutterwort, tönt wieder im Kinde fort und fort!

Der Hirtenstab hat einen prachtvollen Wohlgeruch und sinnbildet den herrlichen Duft des guten Beispiels. Nicht die Schule, nicht die Lehrer, nicht die Priester, nicht die Bücher erziehen die Kinder, sondern das gute Beispiel der Eltern. Groß war die Glaubenskraft des heiligen Gregor des Wundertäters. Er sprach zum Berg: Heb dich hinweg und es geschah. Größer noch ist die Kraft des guten Beispiels. Es wirkt Wunder, besonders wenn die Eltern es geben. Wenn die Eltern fleißig ihr Morgen- und Abendgebet verrichten, gerne in die Kirche gehen, öfters die heiligen Sakramente empfangen, in Frieden leben, so werden es die Kinder auch. Wenn aber der Vater über die Religion spottet und nicht betet, wenn die Mutter stets mit ihm zankt und streitet, beide schimpfen und fluchen, wie können die Kinder anders sein? – Die Kinder sind der Aushängeschild ihrer Eltern. Wie die Kaufleute Schilder aufhängen, um anzuzeigen, was bei ihnen zu haben ist, so zeigen die Sitten der Kinder gewöhnlich die Tugenden oder Laster ihrer Eltern an. – Der Bekehrer der Angelsachsen, der heilige Augustinus, sprach eines Tages zu den Briten: Helft mir die Sachsen bekehren; doch sie verneinten es. Da sprach Augustin, mit prophetischen Blick die Zukunft enthüllend: Weil ihr mir nicht beisteht den Sachsen den Weg des Lebens zu zeigen, so werden sie durch Gottes gerechtes Urteil an euch zu Werkzeugen des Todes werden! – Das erfüllt sich an vielen Eltern, die ihren Kindern in der Jugend statt durch ein gutes Beispiel den Weg des Lebens zu zeigen, ihnen durch Ärgernis zum Fall werden. Ihre eigenen Kinder werden an ihnen zum Werkzeug des Todes. Gib daher dem Schmerz über den rohen ausgearteten Sohn, dem Kummer über die ungeratene Tochter niemanden andern Schuld, als deinem eigenen bösen Beispiel, das du den Kindern in ihrer Jugend gegeben hast. Der Pfeil, den du durch abscheuliche Reden und Flüche vor deinem Kind, durch Zwietracht und Unfrieden, durch nächtliches Ausbleiben und Trunkenheit, durch Lauigkeit in der Religion auf dein Kind abgezielt hast, kehrt um und durchbohrt deine eigene Brust. –

O liebe Eltern, gleicht daher der Blume Colocasia durch den Wohlgeruch eines guten Beispiels vor euren Kindern. Wie diese Blume unten eng und nach oben weit ist, verschließt ihre jungen Herzen vor der Welt und öffnet sie nur für den Himmel, erzieht sie fromm und gut. Was ist euch lieber, dass sie einst gehen auf den Gottesacker und euch im Grab noch verfluchen und verwünschen, weil sie durch euer schlechtes Beispiel selbst schlecht geworden sind, weil sie durch eure Schwachheit und Nachgiebigkeit moralisch zu Grunde gegangen sind; oder dass sie betend einst an eurem Grab knien und es mit den Tränen ihrer dankbaren Liebe befeuchten, weil ihr durch eine strenge christliche Erziehung Schuld seid an dem Glück ihres Lebens? Was ist euch lieber, Eltern, wählt! –

Bittet daher alle Tage die heiligste Mutter Maria, die uns das herrlichste, erhabenste Beispiel einer guten Erziehung gegeben hat, dass sie euch von Gott die Gnade erlange, eure Kinder so zu erziehen, dass keines durch eure Schuld zu Grunde gehe, sondern alle mit euch im Himmel wieder vereinigt werden. Amen.

 

Eltern, o vergesst die große Pflicht

Der Erziehung eurer Kinder nicht,

Dass nicht eure Seele bitter klage,

Wenn der Herr am letzten aller Tage

Von euch fordert seine lieben Kleinen,

Ihr vor ihm mit ihnen müsst erscheinen.

 

Sie zu retten lasst nichts unversucht,

Dass euch keines noch im Grabe flucht,

Reißt aus ihrem Herzen böse Triebe,

Zieht sie bald mit Ernst und bald mit Liebe,

Dann wird einst der Herr mit euren Kleinen

Wieder euch im Paradies vereinen.