XXV. Maiandacht - Veilchen

 

Das Veilchen ist das Sinnbild der Demut und weil Maria die demütige Jungfrau heißt, so hat der heilige Bernhardin Recht, wenn er die allerseligste Jungfrau das schönste Veilchen nennt. Lasst uns aber, liebe Christen, heute drei Blicke tun. Zuerst auf das Veilchen, die irdische Blume, dann auf Maria, das himmlische Veilchen, und zuletzt auf uns selbst, wie auch wir dem Veilchen gleichen und Maria ähnlich werden, d.h. wahrhaft demütig werden sollen.

Das Veilchen hat nicht das glänzende Weiß der Lilie und nicht den prachtvollen Purpur der Rose und nicht das herrliche Farbenspiel der Tulpe, nein, wie ihr es selbst wisst, sein Kleid ist ärmlich und schmucklos von dunkelblauer Farbe, ohne Glanz und Abwechslung, schlicht und einfach blüht es empor unter dem Schatten anderer Gesträuche: Und darum ist es ein Sinnbild der Demut, weil die wahre Demut ebenfalls einfach und schlicht im Äußeren erscheint. Schaut hin auf Maria, sie die Tochter der Könige von Juda, trägt ein dunkles wollenes Kleid. – Blickt hin auf Maria, sie, dem Haus Davids entsprossen, hat die Spindel in den Händen und verrichtet alle Hausgeschäfte, wie die niedrigste Magd! – Horcht auf die Worte Mariens und ihr hört sie sagen: Ich bin eine Magd des Herrn! und ihr hört sie singen: Weil du angesehen hast die Niedrigkeit deiner Magd! – Wollt ihr daher, liebe Christen, dem Veilchen gleichen, Maria ähnlich sein, so müsst ihr demütig sein in der Kleidung, in den Worten, in eurem ganzen Benehmen. Unter den Moden wählt stets die einfachere, unter den Kleidern immer die schlichteren, unter den Farben allzeit die weniger auffallenderen und merkt euch recht wohl die schöne Lehre des heiligen Franz von Sales: Dass das Kleid der Aushängeschild der Seele sei. Wie die Kaufleute außen an ihre Läden schreiben, was bei ihnen zu haben ist, so sagt ein eitles, übertriebenes, nicht standesmäßiges Kleid, dass bei dieser Seele wenig Tugend zu finden ist, während ein zwar reinliches, aber schlichtes, einfaches Gewand laut verkündet, dass unter dieser Hülle ein demütiges Herz schlägt. – Auch deine Worte sollen demütig sein und da merkt euch den Ausspruch eines großen Geistesmannes: Wie der Jäger immer nur von der Jagd redet und der alte Soldat stets seine mitgemachten Schlachten und Feldzüge wiedererzählt, so redet der Hochmütige immer nur von sich selbst, von seinem eigenen Lob. Der Demütige aber schweigt, redet nie von sich selbst, am allerwenigsten aber von seinem Lob und wenn wirklich von ihm die Rede geht, so sucht er das Gespräch stets auf etwas anderes zu lenken. – In unseren Beschäftigungen und Handlungen soll auch die Demut durchblitzen, wie die Sonne durch das Laub der Bäume.

Liebe Christen, wenn wir den heiligen Josef Pflüge machen und den göttlichen Heiland die Holzspäne sammeln und Wasser tragen und die allerseligste Jungfrau Maria spinnen und aus Blättern der Dattelpalme oder aus Schilf von den Ufern des Jordans Matten zur Dachbedeckung des Hauses flechten und den Weizen und die Gerste selbst malen sehen, wie der heilige Ambrosius uns erzählt, könnt ihr dann noch ungern eure häuslichen Arbeiten, die niedrigen Beschäftigungen des täglichen Lebens verrichten, müsst ihr nicht sogar mit desto größerer Freude sie tun, je geringer, verächtlicher und erniedrigender sie sind? Ihr wisst ja, dass dies die Speise der wahren Demut ist, dass ihr dadurch Maria ähnlich werdet und dieser Gedanke bewog die heilige Elisabeth, die Landgräfin von Thüringen, die Königstochter von Ungarn, zu gewissen Zeiten ihr Schloss zu verlassen, barfuß und in einem wollenen Rock von Haus zu Haus zu betteln, im Schweiß des Angesichtes ihr Brot sich zu verdienen und mit den Dienstboten zu essen, nur um Maria zu gleichen, um die Demut zu üben und die Wonne und die innere Freude und Seligkeit einer wahren demütigen Seele zu genießen! –

Das Veilchen wächst nicht hoch und sein Haupt, sein Kelch ist immer zur Erde geneigt und ist darum auch in dieser Beziehung ein Bild der Demut. Der Demütige strebt nicht nach Ehre und Ruhm, nach Glanz und Auszeichnung, nach hohen Stellen und Würden, er ist zufrieden mit dem Stand, mit dem Amt, mit dem Beruf, Wirkungskreis, Vermögen und der Lage, in die ihn Gott versetzt hat. Er ist dabei seelenvergnügt und verlangt sich nichts anderes. Schaut hin auf das himmlische Veilchen Maria, ihr Ahnherr ist der König David, sie ist königlichem Blut entsprossen und ihre Voreltern saßen auf königlichem Thron. Desungeachtet hat Maria nicht das geringste Verlangen, nicht die leiseste Sehnsucht nach Ehre und Auszeichnung. Es ist ihr wohl, unendlich gut in ihrer armen Hütte, auf ihrem dürftigen Lager, bei ihrem armen Bräutigam, bei ihrem geringen Einkommen, bei ihrem armen Kind. Ja wie dem Gefangenen die Freiheit und dem Kranken die Gesundheit und dem Durstigen der kühle Trank das einzige Verlangen ist, so sagt der heilige Bernhard, war der Muttergottes die demütige Lage, in der sie Gott versetzte, ihre einzige Freude, ihr einziger Trost. Wollt ihr daher Maria gleichen, so liebe du Bauersmann deinen Stand und du Dienstbote deinen Dienst und du arme Witwe deine Lage und du Kranker deine Schwäche und du Handwerker dein Geschäft, seid zufrieden und verlangt nicht mehr und strebt nicht nach höheren Dingen und größerem Einkommen und nach einer bequemeren Lage, denn sonst zeigt ihr, dass ihr keine Demut habt und also auch auf den Himmel, wohin nur die Demütigen kommen, keinen Anspruch machen dürft. – Das Veilchen hat aber auch sein Köpfchen zur Erde gesenkt und so ist das Herz des wahrhaft Demütigen immer gebeugt. Seht Maria an, als ihr der Engel die Botschaft brachte, dass sie Mutter Gottes werden sollte, da kniete sie eben, wie der heilige Ambrosius sagt, das Haupt zur Erde gebeugt und betete ihr Abendgebet. Und wisst ihr warum, dass die Demut die Blicke senkt? – Weil nach den Worten des heiligen Bernhard, Himmel und Erde demütig machen, Himmel und Erde. Der Himmel mit seinen Gnaden und Wohltaten, Gott mit dem Gewicht seiner Liebe drücken die Seele nieder zur Erde und wenn sie diese erblickt, so sieht sie den Staub, aus dem sie besteht und das Weh, das sie umgibt, lauter Gründe, sich zu demütigen. – Desungeachtet macht die Demut nicht verzagt und lähmt die Tatkraft nicht, denn die Demut ist Wahrheit, sagt die heilige Theresia und die Wahrheit stählt den Willen. Die wahre Demut ist kühn, weil sie, ihre Schwäche kennend, immer und durchaus nicht sich selbst, immer und einzig der Kraft Gottes vertraut. Sie ist kühn, weil Vertrauen Liebe gibt und Liebe stark ist wie der Tod. Ihre Glut ist feurig, eine Flamme des Herrn. Kein Heiliger steht auf einer Stufe, nach der wir nicht streben dürfen, streben sollen! – Die Demut zeigt uns, wie weit wir vom Ziel entfernt sind, nicht um unseren Mut zu dämpfen, sondern um unseren Eifer zu entflammen.

O himmlisches Veilchen, demütigste Jungfrau Maria, erflehe uns von Gott die Tugend der Demut, die du so herrlich geübt hast, die uns liebenswürdig macht vor Gott und den Menschen und uns den Himmel erwirbt, denn es heißt: Wer sich erniedrigt, der wird erhöht werden. Amen.

 

Das Veilchen uns die Demut lehrt,

Die Tugend, die der Heiland ehrt,

Und die Maria treu bewährt,

Und die uns macht des Himmels wert!

 

Drum lasst uns recht demütig sein,

In Wahrheit und nicht bloß zum Schein,

Vor unsern Augen niedrig, klein,

Dann gehn wir einst in Himmel ein!