XXIX. Maiandacht - Weiße Rosen

 

Wohl eine der schönsten Blumen ist die weiße Rose, die unter allen Rosenarten am Stärksten wächst, so dass man mit leichter Mühe Rosenbäume daraus ziehen kann. Diese weiße Rose ist aber das Sinnbild der Freuden Mariens und insofern lasst uns sie heute näher betrachten.

Die Geschichte erzählt uns von der edlen Römerin Lucretia, dass sie einstmals um ihre Schätze und Kostbarkeiten gefragt wurde. Da ließ sie ihre Kinder kommen und indem sie auf sie zeigte, sprach sie: Das sind meine Schätze! Und wenn ihr, liebe Christen, jenes beste Mutterherz, die allerselige Jungfrau Maria fragt: Maria, was ist denn deine Freude? So wird sie euch antworten: Jesus und ihr! – Werft einen Blick auf Maria und seht sie, wie sie ein Kind geboren hat zu Betlehem, wie sie vor ihm kniet, es umfängt und küsst, es umarmt und drückt, es bedeckt und anhaucht, es streichelt und liebkost, es niederlegt und wieder in die Höhe hebt, über das Kind sich hinbeugt und mit Tränen es benetzt, während ihr Herz pocht und ihr Auge funkelt und ihre Wange sich rötet! – Wer ist dieses Kind? – Es ist Jesus, ihre Freude, ihre größte Freude, ihre einzige Freude! –

Im tiefsten Schmerz und Herzensleid über den Tod Christi irrte die heilige Magdalena im Garten ganz betrübt umher und hatte keinen anderen Ausdruck für ihren Kummer als bittere Tränen und die Worte: Sie haben meinen Herrn fortgenommen und ich weiß nicht, wo sie ihn hingetan haben. Auf einmal steht der Heiland vor ihr und ruft: Maria! – Sie sieht auf, erkennt ihn, namenlose Freude erfüllt ihr Herz bei dem Wort. Aller Schmerz ist vergangen, alle Trauer ist vorüber, alles Leiden ist vorbei, alle Klagen sind verstummt. Christen! fasst nun, wenn ihr dazu im Stande seid, begreift nun, wenn es euch möglich ist, die Freude, die Wonne, das Entzücken des heiligsten Herzens Mariens, als das Kindlein in der Krippe zum ersten Mal sie mit dem süßen Namen Mutter begrüßte, als es die Händlein nach ihr streckend und voll Sehnsucht nach ihr verlangend zum ersten Mal den Namen der Liebe: Mutter, rief! – Die Engel haben die Pulsschläge ihres Wonneerfüllten Herzens gezählt und die seligen Geister des Himmels ihre Freudentränen gesammelt in diesen heiligen Augenblicken.

Auf einem hohen Hügel saß die Mutter des frommen Tobias und spähte umher und schaute die ganze Gegend durch und voll Sehnsucht wollte ihr Herz gar nicht mehr schlagen und ihr Puls stockte, da sieht sie etwas kommen von ferne, immer näher, sie springt rasch auf, stellt sich auf die Zehen, reibt sich die Augen, er ist’s, er ist’s, mein Kind, mein Stab, meine Stütze, mein Trost! – Liebe Christen, diese Freude, sie ist nur ein Traum gegen jene, die Maria fühlte, als sie nach drei bangen Nächten, nach drei furchtbaren Tagen ihren Jesus wiederfand, als sie ihn lehrend fand im Tempel, eine Freude, die wie der heilige Bernhard sagt, alle Begriffe übersteigt, eine Freude, die kein menschliches Wort genügend ausdrücken kann.

Denkt euch, liebe Christen, eine irdische Mutter, deren Sohn studiert hat und zum Priester geweiht wurde und nun sein erstes heiliges Messopfer Gott darbringt, was geht in dem Herzen dieser Mutter vor, welche Gefühle beseelen sie, wenn sie ihn sieht mit den heiligen Gewändern angetan die Scharen des niederknienden Volkes segnen, wenn sie ihn sieht zum Altar schreiten, um dort die erste Heilige Messe zu feiern, wenn sie am Morgen seines Ehrentages von ihm den heiligen Segen bekommt und unter dem Hochamt aus seinen Händen die heilige Kommunion, wenn sie ihn hört zum ersten Mal das Wort Gottes verkündigen und alle, die sie kennen, sie um das Glück beneiden, Mutter eines Priesters zu sein, wie viele Tränen der Freude vergießt sie da und wie denkt sie nicht mehr an die Schmerzen, mit denen sie dieses Kind geboren und wie fühlt sie sich für allen Kummer und alle Sorgen, für alle Unkosten so überreich belohnt! –

Liebe Christen, glaubt ihr wohl, nun ahnen zu können die Freude der allerseligsten Jungfrau Maria! Als Jesus sein Lehramt antrat und sie zu Nazareth besuchte, als sie ihren Sohn sitzen sah auf derselben Matte, auf der er als Kind gesessen hatte, das Brot essen, das er segnend gebrochen hatte; ihn hingehen an das Bett irgend eines Kranken, dem er die Gesundheit wiedergab, als sie ihn sah den Tausenden, die zu ihm strömten, aus fern und nah, Worte des ewigen Lebens spenden, ihre Tränen trocknen und ihre Wunden heilen! Ahnen und fühlen können wir es wohl, aber begreifen und ganz erfassen nicht, ewig nicht, denn dazu müssten wir eine solch heilige Mutterliebe, eine solch glühende Sohnesliebe haben! –

Wenn man Ingeburgis, die Königin von Kastilien von dem Grab ihres Sohnes hat wegreißen müssen, weil sie darauf vor Schmerz gestorben wäre, welch ein Schmerz muss Maria durchbohrt haben, eine solche Mutter am Grab eines solchen Sohnes! – Schließt daraus auf die Freude des Wiedersehens auf Erden, des Wiedersehens im Himmel! Während die frommen Frauen bestürzt über das leere Grab staunten, stand Maria unbeweglich vor Freude in einiger Entfernung an einem alten Ölbaum gelehnt. Ein junger Mann redete leise mit ihr, dieser junge Mann war er, der glorreiche Besieger der Hölle, Jesus Christus, wie der heilige Ambrosius sagt. Niemals wurde kund, was bei dieser heiligen Zusammenkunft vorgegangen ist, gewiss aber ist es, dass Maria, deren starke Seele einen übermenschlichen Schmerz ausgehalten hat, auch eine Freude fühlte, die wir ohne zu sterben, nicht ertragen könnten.

Und als Maria begann, gleich einer müden Schnitterin, die den Schatten und die Ruhe sucht in der Mittagshitze, nach dem kühlen Schatten des Lebensbaumes zu seufzen, der am Thron des Herrn wächst und nach den lebendigen heiligen Quellen, die ihn bewässern, wurde ihr Flehen erhört. Sterbend sah sie den Himmel offen und den Menschensohn kommen auf einer lichten Wolke. Welche Freude! Bei diesem Anblick färbte sich ihr Antlitz in Purpurrot und ihre Augen strahlten im Glanz der Mutterliebe und Mutterfreude und anbetend ging sie hinüber in die Ewigkeit zu ihrem Sohn jubelnd das Wonnelied, singend den Freudengesang: Mein Geist frohlockt in Gott, meinem Heiland! – Liebe Christen, das sind die Freuden, die Maria an Jesus hatte; doch wir, auch wir sind ihre Freude!

Dass wir die Kinder Mariens sind, wisst ihr, weil sie zur Mutter der ganzen Menschheit bestimmt wurde. Dass sie unsere Mutter ist, wisst ihr, weil Jesus vom Kreuz herab gesagt hat: Sohn, siehe deine Mutter! – Dass wir aber als Kinder ihre Freude sind, will ich euch beweisen. Wir sind ähnlich ihrem Jesus, weil wir nach seinem Ebenbild erschaffen sind. Wir tragen dasselbe Kleid wie Jesus, weil auch er die menschliche Gestalt angenommen hat. Das Blut ihres geliebten Kindes hat auch unsere Seelen reingewaschen und unsere Heimat ist die gleiche wie die ihres Sohnes Jesus, der Himmel. Diese Ähnlichkeit in Gestalt, Kleidung, Beschäftigung und Bestimmung bringt schon auf Erden ein freudiges Gefühl hervor, und darum sagte auch Maria zur heiligen Brigitta: Wisse, Tochter, dass die Menschenkinder meine größte Freude sind.

Doch, liebe Christen, wie wird sich diese Freude ins Unendliche vermehren in dem Mutterherzen Mariens, wenn zu dieser mehr äußeren Ähnlichkeit auch die innere eines frommen und tugendhaften Lebens kommt, wenn eure Herzen weiße Rosen sind, weiß in keuscher Gesinnung und blättergrün in zuversichtlichem Vertrauen auf die Liebe Mariens! Liebe Christen, dann wird ihr Herz in Freude aufjubeln und wie einst der heilige Paulus an die Thessalonicher schrieb: „Wer ist unsere Freude? – Ihr seid unsere Freude und unsere Ehrenkrone“, so wird Maria zu euch sagen: Ihr seid meine Freude, meine größte Freude!

Dreißig Jahre lebte Augustin ein leben der Sünde, presste seiner Mutter bittere Tränen aus, war ihr Schmerz, ihr einziger Kummer. Als er sich aber bekehrte, kniete er nieder vor seiner Mutter, bat sie um Verzeihung und rief: Du hast mich geboren in Schmerzen, ich aber dankte dir nicht. Du hast mich wiedergeboren in Tränen und Gebet, nun will ich sein deine Freude und dir ewig bleiben dein Trost! – Erkennt euch alle in Augustin, ihr Christen, mehr oder weniger hat euch die Fürbitte Mariens geboren zu einem besseren Leben, aus dem Laster, aus dem Elend der Sünde gehoben, ruft nun auch mit Augustin: Jetzt will ich sein und bleiben deine Freude zum Dank für deine unendliche Liebe! Ich will fleißig beten, oft die heiligen Sakramente würdig empfangen, ich will die Gelegenheit meiden, besonders aber die Unreinigkeit fliehen, ich will dich in jeder Not mit Vertrauen anrufen und aus Liebe zu dir Almosen geben, die Kranken besuchen und Werke der Nächstenliebe üben, ich will ein förmliches Studium daraus machen, dir nur lauter Freude zu bereiten, dann wird aus meinem Herzen jene weiße Rose erblühen, das Sinnbild deiner Freude und wie einst der himmlische Vater bei der Taufe Jesu Christi herabrief: Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe, wirst dann du über mich rufen: Das ist mein geliebtes Kind, an dem ich meine Freude habe. Amen.

 

Dein Bild, o weiße Rose,

Dem Herzen Freude gibt,

Du sagst: Die Makellose

Uns arme Sünder liebt!

 

Wie sie voll Freud geküsset

Ihr liebstes Jesuskind,

So sie auch uns umschließet,

Wir ihre Freude sind!

 

O macht, dass niemals scheide

Von ihr uns eine Sünd,

Dass wir stets ihre Freude

Und lieben Kinder sind! –