XXIV. Maiandacht - Narzisse

 

Außer der Anbetung, die nur Gott allein gebührt, sind wir Maria alles schuldig, die höchste Liebe, die größte Andacht, die innigste Zuneigung, den herzlichsten Dienst. Diese Verehrung Mariens, eine Lehre der Kirche, die weder der Schrift, noch der Überlieferung, noch der Vernunft widerspricht, begann am Grab Mariens, das die ersten Christen mit Andacht umgaben, und hat sich alle Jahrhunderte hindurch von Geschlecht zu Geschlecht bis auf unsere Tage vererbt und wird dauern bis ans Ende der Welt! – Diese Verehrung, die die Königin der Propheten selbst mit den Worten voraussagt: Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter, diese Verehrung Mariens nennt der heilige Franz von Sales das Frühlingsleben der heiligen Kirche, das immer neue Blüten treibt, alle Herzen lebendig und frisch in der Liebe zu Gott erhält und durch den lieblichen Duft alle Christen begeistert und zu den herrlichsten Tugenden entflammt. Daher ist auch das Sinnbild der Andacht zu Maria eine Frühlingsblume, die Narzisse, deren Gestalt schon auf diejenige hinweist, die der Gegenstand unserer Liebe und Verehrung sein soll. Erhaben und zum Himmel strebend, gleich der Himmelskönigin und ihren Kelch ein wenig nach unten senkend, wie die Muttergottes vom Himmel auf die Erde niederschaut auf ihre Kinder in Liebe und Erbarmen. Ihre schneeig weißen Blätter deuten auf die Reinheit des unbefleckten Herzens Mariens. Der gelb und rote Kranz in ihrer Mitte sinnbildet die goldene Krone der Herrlichkeit, mit der sie die heiligste Dreifaltigkeit im Himmel, mit der sie die ganze katholische Christenheit auf Erden gekrönt hat. Ihr lieblicher Duft atmet die Liebe und Barmherzigkeit jener aus, die die Menschen als die Zuflucht aller Sünder und die Trösterin der Betrübten begrüßen und ihr Blühen im Frühling sagt laut und deutlich, dass dort, wo Andacht zu Maria sich findet, ein Frühling herzlicher Gottesliebe erwacht und die Blumen aller Tugenden blühen.

Die Narzisse erhebt sich hoch von der Erde, strebt himmelan und die Andacht zu Maria ist erhaben. Hat uns der Glaube gelehrt, dass Maria Gottesmutter ist, so sagt uns die Vernunft, dass ihr nach Gott die größte Verehrung gebührt. Darum besteht diese Verehrung nicht blos in der Nachahmung ihrer Tugenden, sondern in einem ihr eigenen Dienst. Wie die heilige Kirche durch das vom Geist Gottes geleitete Konzil von Trient sich ausspricht, dass wir die Muttergottes verehren, sie anrufen und um ihre mächtige Fürbitte bei Gott bitten dürfen. – Sie ist unter allen Geschöpfen das Heiligste, deshalb dürfen wir sie auch mehr verehren, als alle Engel und Heiligen, denn sie hat ja den geboren, der allen Heiligen die Gnade der Heiligkeit gab. Sie hat ja den geboren, ohne den wir alle zugrunde gegangen wären, den Erlöser unserer Seelen, das Heil der ganzen Welt. Die heilige Jungfrau, die die Propheten verkündigt, der die Heiligen gedient und die die Engel verehrt haben, rief, als Elisabeth sie als Muttergottes begrüßte, voll heiliger Freude aus: Groß hat er mich gemacht, der da mächtig ist und dessen Name heilig! Ja, erhoben hat er sie zur Königin des Himmels, denn alle himmlischen Geister müssen ihr dienen, weil sie die Mutter ihres Königs ist. Erhoben hat er sie zur Königin der Erde, denn alle Menschen müssen ihr dienen, weil der Herr selbst vom Kreuz herab sie ihr übergab mit den Worten: Sieh, hier deine Mutter! – Erhaben also ist der Dienst Mariens, denn er erhebt den Menschen zur Verehrung des erhabensten Geschöpfes und durch diese Verehrung zur Anbetung des allerhöchsten unerschaffenen Wesens selbst.

Die Narzisse ist weiß wie das unbefleckte Herz der reinsten Jungfrau, die nichts so sehr liebt als die Keuschheit und nichts so sehr verabscheut als die Unreinigkeit. Wollen wir also Maria gefallen, so müssen wir die Tugend der Reinigkeit lieben. Zwei Seelen liebte Maria besonders auf Erden: Johannes und Magdalena. Bewahren wir wie jener die Unschuld unserer Seele oder beweinen wir die verlorene Unschuld wie diese, alle Gelegenheit zur Sünde sorgfältig meidend, so wird Maria auch uns lieben und unter den Schutzmantel ihrer Mutterliebe nehmen. Das Herz, das Maria verehrt, muss rein sein. Dann dürfen also die Sünder sie nicht anrufen, werdet ihr entgegnen? Diejenigen freilich nicht, die Sünder bleiben wollen, wohl aber jene Sünder, die ihr Elend erkennen, es bereuen und den Wunsch und das Verlangen haben, aus ihrer traurigen Lage herauszukommen und deshalb an Maria sich wenden. Nur in dieser Hinsicht ist sie eine Zuflucht der Sünder, denn ewig bleibt es wahr, dass Maria eine Patronin der Sünder, aber keine Patronin der Sünde ist. –

Die Narzisse hat in ihrer Mitte einen goldgelben Kranz, der die Krone sinnbildet, den Lohn, den uns die wahre Verehrung Mariens erwirbt. Ich liebe, die mich lieben, diese Worte der Heiligen Schrift wendet die Kirche auf Maria an, und kann es in diesem Tränental einen größeren Lohn geben, als von Maria geliebt zu werden? Ihre Liebe, sagt der heilige Bernhard, ist der Inbegriff aller Gnaden, und wie kann der verschmachten, der die Gnadenquelle für sich hat? Die Heiligen lehren uns besonders drei Gnaden von Maria zu erbitten, die sie auch am liebsten bei ihrem göttlichen Sohn für uns erbittet: die Gnade der Bekehrung, die Gnade der Beharrlichkeit im Guten und die Gnade einer glückseligen Sterbestunde. Und ist ein Christ, der diese Gnaden erlangt, für seine Liebe und Andacht zu Maria nicht hoch belohnt? –

Die Narzisse ist eine Frühlingsblume und in dem Herzen, das Maria wahrhaft liebt, erwacht ein geistiger Lenz. Liebe zu Maria und die Sünde können in ein und derselben Brust nicht beisammen wohnen. Eines von beiden muss weichen. Siegt Maria, dann bricht das Eis der bösen Gewohnheit, dann schmilzt der Schnee der Lauigkeit und Trägheit, dann schweigt der Sturm der Leidenschaft, dann flieht der Winter der Sünde. Es weht die milde reine Frühlingsluft der Gottesliebe und alles blüht im frischen Grün des herzlichsten Vertrauens zu Maria. Die Erfahrung lehrt uns durch alle Jahrhunderte, dass gerade in unsern größten Heiligen die Liebe zur Muttergottes am hellsten und glänzendsten leuchtete, während alle die, die aufhören Maria zu verehren, anfangen, sich vom Glauben und von der Tugend zu trennen.

O himmlische Narzisse, allerseligste Jungfrau Maria, erwirb uns von Gott die Gnade, dass in unseren Herzen die Andacht und Verehrung zu dir frisch und lebendig wie das Leben im Frühling erwache und dauernd bleibe bis zu jenem Augenblick, wo wir durch deine Liebe ins Land des ewigen Frühlings, in den Himmel kommen. Amen.

 

Schnell vergeh’n der Sünde Finsternisse,

Sonnenhell wird, was zuvor umtrübt,

Wenn zu blühen anfängt die Narzisse,

Wenn ein Herz Maria wahrhaft liebt.

 

Unerhört ist’s, dass die Sünde bliebe

In der Seele, die Maria liebt.

O frohlocke, denn für diese Liebe

Jesus Christus dir den Himmel gibt!