XXIII. Maiandacht - Gelbe Rose

 

Die Sage erzählt von Gottfried dem Rauhen, Grafen von Barcelona, dass er, nachdem er an Ludwig des Frommen Seite mit Mut und Glück gegen die Sarazenen gefochten hat, dem König seinen vergoldeten Schild dargereicht habe, damit ihm dieser die Erlaubnis verleihe, ein Wappen darauf zu führen. Wie nun der König ihn ganz mit Wunden bedeckt sah, aus denen das Blut noch quoll, tauchte er, ohne etwas zu sagen, seine fünf Finger in das Blut des tapferen Kriegers, fuhr damit über den Schild und zeichnete somit fünf rote Linien darauf, die fortan das Wappenbild der Grafen von Barcelona blieben.

Und euer Wappenbild, liebe Christen, soll sein die gelbe Rose, besprengt mit dem Blut, durch das unsere und die Seelen aller Menschen erlöst worden sind. Die gelbe Rose ist das Sinnbild des Seeleneifers.

Die gelbe Farbe dieser Rose deutet auf das Feuer, das uns verzehren soll für das Heil unserer Seele, zu deren Rettung uns die geistliche Rose Maria selbst antreibt: Komm, mein Sohn, nimm einen Rat von mir an und rette deine Seele! – O wie schön ist die Seele! – Der heilige Bernardin sagt: Ich wage es zu sagen, dass wenn es möglich wäre, dass der Mensch mit seinen leiblichen Augen sehen könnte seine glorifizierte Seele, er es kaum glauben würde, dass Gott schöner sein könnte. Der heilige Thomas von Villanova sagt: Wenn der Allmächtige so viele Himmel der Herrlichkeit erschaffen würde, als es im Meer Tropfen und Sandkörner an seinen Ufern gibt, all ihre Herrlichkeit zusammen genommen wäre nichts gegen die Schönheit einer einzigen Seele. Eine solche Seele hast du, o Mensch, eine Seele nach Gottes Ebenbild erschaffen und für die ewige Seligkeit bestimmt, für die der göttliche Heiland so viel getan und gelitten und sein kostbares Blut für sie hingegeben hat, eine einzige und eine unsterbliche Seele – und du sollst nicht vom Feuer des Eifers flammen und glühen, diese Seele zu retten, um sie nicht auf ewig zu verlieren? –

Die gelbe Rose ist selten und auch ihr Sinnbild: der Seeleneifer. Man klagt, wenn man ein Geldstück verloren hat. Man jammert, wenn man verfolgt wird. Man weint, wenn der Tod eines unserer Lieben nimmt. Für alles hat man Tränen, nur für die Seele nicht, wenn sie durch eine Todsünde stirbt. Und tönt doch so laut und so oft an unsere Ohren: Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, an seiner Seele aber Schaden leidet. – Wie ist man um einen kranken Leib bekümmert. So viele Sorge, sagt der heilige Augustin, hat man, um langsamer zu sterben. Wie viele Sorge aber hat man, um niemals auf ewig zu sterben? – Du liebst dein Kleid und willst, dass es ordentlich sei. Du liebst dein Eigentum und willst, dass es im guten Stand sei. Du liebst dein Kind und willst, dass es fromm sei. Du liebst deine Seele und willst nicht, dass sie hier und dort glücklich sei, denn statt sie durch Gebet, öfteren Empfang der heiligen Sakramente, durch Meidung der Sünde und Flucht der bösen Gelegenheit zu retten suchen, tust du vielleicht das Gegenteil und machst den Ausspruch zur Wahrheit: Wenn die Menschen nur halb so viel tun würden zur Rettung ihrer Seele, was sie tun zu ihrem Verderben, so würden alle in den Himmel kommen. Die Sorglosigkeit für das Heil der eigenen Seele schließt auch meistens die für die Rettung fremder Seelen mit ein. – Hierin gleichen sehr viele Christen dem Propheten Jona, der den Untergang der Stadt Ninive verkündigen musste. Auf dem Weg dahin legte er sich unter einer Kürbisstaude nieder und schlief ein. Ein Wurm aber zernagte die Staude, sie verdorrte und die Sonne brannte heiß auf Jona. Er erwachte und als er die Ursache erkannte, klagte er bitterlich, dass ihm der Wurm den Schatten genommen hatte. Das schmerzte ihn, doch darüber hatte er keinen Schmerz, dass so viele Tausende in Ninive zu Grunde gehen sollten.

Die gelbe Rose duftet einen herrlichen Wohlgeruch aus und deutet uns dadurch an, dass wir nicht blos für uns auf der Welt, sondern auch für andere da sind. Die Worte, die Christus der Herr zu Petrus gesagt hat: Liebst du mich, dann weide meine Lämmer, sind, wie der heilige Chrysostomus sagt, in einer gewissen Hinsicht auch zu uns allen gesprochen. Wir sollen Sorge tragen für das Seelenheil unserer Mitmenschen, ausatmen den Wohlgeruch eines guten Beispiels, für sie beten, sie ermahnen, für das Gute zu gewinnen suchen und vom Weg der Sünde zurückbringen. Wir können Maria keine größere Freude machen und sie auf keine Weise besser nachahmen, als wenn wir ihr gleichsam in die Hände arbeiten und von glühendem Eifer für das Heil der Seelen entflammt sind. Sie, die Zuflucht der Sünder, liebt diejenigen am meisten, sagt der heilige Alphons, die mit ihr die verirrten Schäflein aufsuchen und sie zu retten suchen. Diese herrliche Aufgabe aber hat sich die Bruderschaft des heiligsten Herzen Maria gestellt, darum soll kein Christ, kein wahrer Verehrer Mariens in dieser Bruderschaft fehlen. Welch eine Freude, Maria helfen zu können, welch ein Trost, einen Sünder gerettet zu haben! – Maria wird Sie doch noch bekehren, sprach einst ein junges Mädchen aus einer vornehmen Familie Deutschlands zu einem ihrer nächsten Verwandten, einem jungen Mann, der ein wüstes Leben führte. Dann muss sie ein Wunder wirken, antwortete er spottend und seit dem sahen sie sich nicht mehr wieder. Das Mädchen hatte von Jugend auf eine große Liebe zu Maria und ein Vertrauen auf ihre mächtige Fürbitte, das nichts imstande war zu erschüttern. Auf die Rettung dieser Seele verwendete sie all ihre Kräfte. Sie betete und fastete, sie opferte für ihn oft die heilige Kommunion auf, sie kniete stundenlang vor dem Bild Mariens und es verging kein Tag, an dem sie ihn nicht dem heiligsten Herzen Mariä empfahl. Unterdessen führte dieser junge Mann in einem großen Handlungshaus zu Straßburg sein leichtsinniges Leben fort, ohne sich im Geringsten zu bessern. Da starb der Vater und das Mädchen glaubte, dieser Tod würde die Stunde seiner Bekehrung sein. Doch sie täuschte sich. Dieses Unglück machte keinen Eindruck auf die Seele des Sünders. – Das Vertrauen des Mädchens wankte nicht, sie verdoppelte ihr Gebet. Da gingen auf einer Reise die Pferde mit ihm durch, er stürzte aus dem Wagen und verwundete sich schwer und musste lange liegen, bis er geheilt war. Doch auch dieser Fingerzeig Gottes rührte ihn nicht, er blieb der Alte. Nun kam er zufällig in eine Stadt, in der gerade Mission gehalten wurde. Mit seinen Freunden ging er aus Spott und böser Absicht abends in die Predigt. Der Prediger sprach von der Macht und Liebe Mariens. Er hörte zu und vernahm, dass kein Sünder so groß sei, dessen diese Mutter sich nicht erbarmte. Tief ergriffen fing er zu schluchzen an, er eilte aus der Kirche und weinte sich satt – und bekehrte sich. Einige Tage später bekam jenes Mädchen einen Brief mit dem Inhalt: Erinnern Sie sich noch, wie ich auf Ihre Frage: Maria wird Sie doch noch bekehren, die spottende Antwort gab: Dies kann nur durch ein Wunder geschehen! Freuen Sie sich mit mir, jubeln und frohlocken Sie mit mir. Dies Wunder ist geschehen, Maria hat mich bekehrt, ich bin gerettet! –

O allerseligste Jungfrau Maria, lass in unserem Herzen die gelbe Rose blühen, lass uns erglühen vom Feuereifer für die eigene Seele und die Rettung fremder Seelen, damit sich an uns das heilige Wort erfülle: Wer die Seele seines Bruders rettet, rettet seine eigene. Amen.

 

Nur eine Seele haben wir,

Brich ihrer Freiheit Kette,

Dies sagt die gelbe Rose dir,

Sie für den Himmelrette!

 

Für dich und andre sollst du glüh‘n

Vom Eifer heiß entflammet,

Sein Feuer wird zu Gott dich zieh‘n,

Weil es vom Himmel stammet. –