XXII. Maiandacht - Totenblume

 

Als die Ärzte dem Kaiser Rodolph von Habsburg sagten, dass er dem Tod nahe sei, sprach er: Wohlan denn, nach Speier! – Dort war das gewöhnliche Begräbnis der deutschen Kaiser. Zwischen zwei Geistlichen ritt der sterbende Greis heiter zu seinem Grab. Vom ganzen Land an beiden Ufern des Rheins eilte das Volk an die Straße herbei, noch einmal zu sehen ihn, der so sehr geliebt und geehrt war. Auf dieser Reise starb Rudolph zu Germersheim am 15. Juli 1291. Auch wir, liebe Christen, eilen mit jeder Stunde, mit jedem Augenblick unaufhaltsam dem Tod entgegen, denn was ist unser Leben anders, sagt der heilige Augustin, als ein Lauf zum Tod und zwar ein fortwährender! – O möchten wir auch so ruhig, heiter und gefasst dem Tod entgegengehen. Um dies zu können, lasst uns den Tod betrachten und zwar in seinem Bild der Totenblume. Dies ist eine einfache, gelbe Blume mit einem hohlen Stängel, der Milch enthält, wächst fast wie ein Unkraut und ist besonders auf den Gräbern zu treffen, weshalb sie für das Sinnbild des Todes genommen wird.

Die Totenblume mahnt an den Tod Mariens! – Wenn nach einem schönen Frühlingstag die Sonne untergeht und ihre Strahlen das Land nicht mehr erleuchten und ihre Gluten die Erde nicht mehr erwärmen, wenn sie hinabsinkt, alles ruhig wird und still, so ergreift ein wehmütiges Gefühl das Herz und man wird traurig gestimmt. – Doch was ist gegen den Untergang der irdischen Sonne das Scheiden jener, die der heilige Ephrem die Sonne des Lebens nennt, gegen das Scheiden Mariens! – Nach ihrer Rückkehr aus Griechenland zog sich Maria in Jerusalem auf den Berg Sion zurück unfern dem verfallenen Palast der Fürsten ihres Geschlechtes, in das Haus, das durch die Sendung des heiligen Geistes geheiligt war. Hier erwartete sie ihre letzte Stunde. Alle Apostel, Jünger und Frauen, die ganze Gemeinde drängte sich um ihr Sterbebett. Der heilige Jakobus, der ernste und strenge Mann, suchte vergebens die Tränen zurückzudrängen. Der heilige Petrus, der den Sohn Gottes im Leben so geliebt hatte, weinte laut vor Schmerz. Der heilige Johannes barg sein Gesicht in seinen Mantel und schluchzte still. In der ganzen Versammlung war kein Auge, das nicht feucht, kein Herz, das nicht gebrochen gewesen wäre. Da richtete Maria zum letzten Mal den Blick auf ihre Lieben, die alle eins waren in der Liebe Christi und bald alle ihre Liebe mit ihrem Blut und Martertum besiegeln sollten und segnete sie, indem sie sprach, dass sie jetzt eingehen werde in das himmlische Jerusalem, um mehr für sie tun zu können, denn wenn sie auch scheide von ihnen, werde sie doch ihrer im Himmel nicht vergessen. Wenn der heilige Stephanus vor seinem Tod den Himmel offen gesehen und der heilige Johannes das Paradies geschaut hat, wird wohl Maria nicht, sie die Königin aller Heiligen, den Himmel sich öffnen und den Thron ihres Sohnes gesehen haben? Ja, Jesus Christus selbst kam sie abzuholen, sagt der heilige Hieronymus, und die Engel und Heiligen jubelten und sangen ihr entgegen. Welch ein schöner Tod! –

Die Totenblume mahnt uns an den Tod der Unsrigen. So groß auch der Kreis unserer Lieben immer sein mag, er wird mit jedem Jahr kleiner, denn der Tod mäht unerbittlich in seinen Reihen. Was Maria bei Tod ihrer teuren Eltern, beim Tod ihres geliebten Sohnes empfunden hat, diesen Schmerz müssen wir alle empfinden und haben ihn größtenteils schon gefühlt, denn ein Blick auf den Gottesacker ruft uns laut ins Gedächtnis, dass der Tod alle Bande zerreiße. Liegen nicht auf den Gräbern unendlich viel zerrissene Bande, das Band der ehelichen und kindlichen Liebe, das Band der Liebe und Freundschaft? – Der Landgraf Ludwig von Thüringen starb auf einem Kreuzzug zu Otranto am Fieber den 11. September 1227. Diese Schreckensstunde kam auf die Wartburg zur heiligen Elisabeth, seiner Gemahlin. Händeringend und auf die Knie niedersinkend, klagte die Ärmste: Jetzt ist mir die Welt gestorben, und alles, was sie Liebes hat, ist tot für mich. O wehe mir armen, trostlosen Witwe! Nun tröste mich derjenige, der Witwen und Waisen tröstet! – Diesen Schmerz haben viele von euch schon empfunden, als der sterbende Vater, die scheidende Mutter zum letzten Mal euch die Hand gaben, als man das tote Kind in den Sarg legte und den verstorbenen Freund ins Grab hinabsenkte. War es euch damals nicht, als ob ihr selbst sterben müsstet und steht nicht jener letzte Augenblick immer lebendig noch vor eurer Seele? – Wenn der göttliche Heiland beim Grab seines Freundes Lazarus bitterlich weinte, wenn Maria beim Tod ihrer Eltern und ihres Sohnes heiße Tränen vergoss, so bestätigen diese Tränen die Wahrheit: Der Tod der Unsrigen, welch ein schmerzlicher Tod!

Die Totenblume mahnt an unseren Tod. Und der ist bitter. Bitter macht ihn das Scheiden von unseren Lieben, die Schmerzen der Krankheit, die Angst des Gewissens, die Menge der Sünden, der allwissende Richter, die Strenge des Gerichts, die Ungewissheit unseres künftigen Loses – dies alles stürmt auf den Sterbenden ein und bewirkt, das eiskalter Schweiß von seiner Stirn rinnt, bewirkt, dass selbst die Heiligen in diesem Augenblick gezittert haben. O furchtbares Wort: Fort musst du! Fort von Geld und Gut, fort von Haus und Hof, fort von Frau und Kind, fort von allem, was dir lieb und teuer ist. Und wenn bei deinem Ende zu deinen Füßen liebe Kinder bitterlich weinen, zu deinem Haupt teure Eltern in tiefer Trauer stehen, deine rechte Hand eine geliebte Frau krampfhaft umklammert und deine Linke ein Jugendfreund, heiße Tränen vergießend, festhält – der Tod kommt – und die Hand mit dem Ehering erstarrt, das Haupt sinkt auf die Brust und von den Füßen herauf nähert sich langsam jener Schlag, der dem Herzen das Leben nimmt. O wahrhaft unser Tod – welch ein bitterer Tod!

Nur du, o heilige Jungfrau, kannst diese Bitterkeit versüßen, nur du, o Maria, kannst diese Nacht erhellen, wenn du uns im letzten Augenblick mit deinem mütterlichen Erbarmen beistehst und uns von deinem göttlichen Sohn die Gnade einer glückseligen Sterbestunde erbittest. Du hast dem heiligen Josef im Sterben beigestanden, du hast das Sterbebett deines liebsten Sohnes Jesus, das heilige Kreuz, nicht verlassen, so bleib auch bei uns im letzten Ende und bitte für uns arme Sünder in der Stunde unseres Todes. Amen.

 

Welk mir nicht, o Totenblume,

Deine Sprache, deine stumme

Ins Gedächtnis ruft zurück

Mir den letzten Augenblick!

Tod, o warnender Gedanke,

Schrecke mich, wenn ich je wanke,

Führ mich von der Sündenbahn,

Dass ich einst ruhig sterben kann!