XXI. Maiandacht - Moos

 

Unter den vielen Blumen, die gewöhnlich das Muttergottesbild umgeben, wähle ich heute keine, und dennoch etwas, was die Natur uns spendet und den Altar frisch und grün umgibt, es ist das Moos, das Sinnbild der Nächstenliebe.

Wir dürfen einfach den Ausspruch des heiligen Apostels betrachten: wer Gott liebt, wird auch seinen Bruder lieben, um auf die Nächstenliebe Mariens zu schließen, in deren Herzen die Flamme der Gottesliebe so mächtig und glühend brannte. Sie eilt über das Gebirge. Warum? – Um die Freude ihres Herzens mitzuteilen ihrer Verwandten Elisabeth, damit auch sie sich erfreue. – Kaum sieht sie die Verlegenheit der Hochzeitsleute, als sie sich schon Mühe gibt, ihrer Not abzuhelfen. Und welch eine treue Freundin war sie dem heiligen Johannes, der heiligen Magdalena und wie stand sie der jung aufblühenden Kirche mit Rat und Tat bei und war ihre Stütze mit Aufopferung ihrer eigenen Ruhe! –

So sollen auch wir diesem erhabenen Beispiel folgen, eingedenk der Worte, die auch uns gelten: Daran werde ich euch erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander lieb habt.

Das Moos wächst gewöhnlich an den Wurzeln der Bäume und schützt und erwärmt sie gleichsam. Dadurch sinnbildet es auf treffliche Weise die Nächstenliebe. Diese Tugend übt sich in den geistlichen und leiblichen Werken der Barmherzigkeit, unterstützt mit Rat und Tat den Nächsten, weil es Gott so haben will, liebt alle Mitmenschen ohne Ausnahme, weil alle unsere Brüder und alle mit dem kostbaren Blut Jesu Christi erkauft sind, liebt selbst die Feinde nach dem Willen des göttlichen Heilandes, der vom Kreuz herab noch für sie gebetet hat. –

Am Fuß hoher Eichen wächst das Moos, so muss die Nächstenliebe an den Glauben sich anschließen oder vielmehr, es gibt ohne Glauben keine wahre Nächstenliebe. Treffend sagt darüber der große Fenelon, indem er uns an die Schöpfung des ersten Menschen erinnert: Von Erde gebildet lag der Mensch unbeweglich da. Da hauchte Gott in sein Antlitz den Odem des Lebens und alsbald erhob sich der Mensch zum lebenden Wesen. Das ist die natürliche Liebe in uns, bis der Hauch des Glaubens sie berührt. Aber angeweht von diesem himmlischen Odem wird die Liebe lebendig, wird sie echt und verdienstlich! – Ohne Glauben, sagt die Nachfolge Christi, wird deine Liebe Sinnlichkeit, weil natürliche Zuneigung, Eigenliebe, Hoffnung auf Vergeltung und der Hang zur Bequemlichkeit nicht selten ihren Anteil daran haben. Nur durch den Glauben wird die Liebe ein Magnet, der die Herzen aller an sich zieht, wird die Liebe eine Sonne, die alle ohne Ausnahme bescheint, wird die Liebe ein Gold, das keine Schlacken, keinen Beisatz hat.

Das Moos bleibt auch im Winter grün. Wir müssen unsere Nächsten immer lieben, aber besonders soll sich diese Liebe offenbaren in der Stunde des Unglücks und der Not. Das Elend ist der Prüfstein der Liebe. Wenn sie da ausharrt, ist sie echt und wahr. Der große Kirchenvater Basilius hatte einen Freund, der in den Kerker geworfen wurde. Basilius, wie der heilige Chrysostomus von ihm berichtet, wendete alles an, was er vermochte, um in diesen Kerker zu gelangen, wo er seinem leidenden Freund beistand, obgleich er durch diesen Schritt in gleiche Gefahr des Lebens geriet. Als nun andere Freunde ihm die heftigsten Vorwürfe darüber machten, dass er sein Leben und Blut so verschwenderisch aufs Spiel setze, antwortete Basilius ihnen: Auf andere Weise habe ich nicht lieben gelernt! – Wenn wir daher wahre Christen sein wollen, so müssen wir das Kennzeichen des Christentums haben, die Nächstenliebe, die sich im Unglück am besten beweist, denn einem Reichen, einem Glücklichen, einem Angesehenen ergeben zu sein, ist nicht schwer, aber der Freund der Armen und Dürftigen, der Betrübten und Kranken, der Verlassenen zu sein, das allein ist eine Tugend, die uns Jesus und Maria ähnlich macht und wahren Wert vor den Augen Gottes hat. – Auch der Winter des Undankes soll unsere Nächstenliebe nicht töten. Wenn auch unsere Liebe nicht vergolten, unsere Gaben missbraucht, unsere Wohltaten mit Undank belohnt, unsere gute Absicht verkannt und zurückgestoßen wird – es macht nichts – wir haben es Gott zu Liebe getan, der gelehrt hat, dass wir ohne Nächstenliebe nicht selig werden können.

Das Moos soll ursprünglich, wie uns eine liebliche Legende erzählt, grau gewesen sein. Erst als der Leichnam Jesu vom Kreuz abgenommen und in den Schoß Mariens gelegt wurde und die letzten Tropfen Blutes aus den Wunden Jesu auf das Moos träufelten, das zu den Füßen der Schmerzensmutter sich befand, soll es grün geworden sein und seitdem ist das Moos grün zum Symbol der alles belebenden Kraft des kostbaren Blutes Christi. – Seitdem Christus am Kreuz für uns starb, ist die Nächstenliebe grün, d.h. sie gibt uns Hoffnung auf ewige Belohnung, sie ist hoffnungsgrün und verdienstlich. Der göttliche Heiland hat gesagt: Was ihr immer einem der geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan! Ich war nackt und ihr habt mich bekleidet, ich war krank und ihr habt mich besucht, ich war hungrig und ihr habt mich gespeist, wahrlich euer Lohn wird groß sein im Himmelreich. – O wie gerne sollen wir daher die Nächstenliebe üben, die der heilige Franziskus den Schlüssel zum Paradies nennt. – Im Leben der heiligen Katharina von Siena kommt vor, dass eine edle Frau einst zwei Bettlern begegnete. Da sie gerade nichts bei sich hatte, gab sie ihnen ihren silbernen Gürtel vom Leib. Die Armen sagten: Dank, liebe Frau, wir werden nicht versäumen am Tage des Gerichtes mit diesem Gürtel euch von der linken Seite auf die rechte zu ziehen. – Dies ist ein prophetisches Wort, das sich bei jedem Werk der christlichen Liebe erfüllt. Gott lässt nichts unbelohnt. Er vergilt einen Trunk Wasser in Liebe gereicht mit dem Himmel. – Die Nächstenliebe, sagt der heilige Augustin, ist das Siegel der Vorherbestimmung, unserer Auserwählung und der heilige Vincenz von Paul spricht: Ich kann mich nie erinnern, dass einer eines bösen Todes gestorben sei, der sich in Werken der Nächstenliebe geübt hat. – Kann es noch stärkere Beweggründe geben, diese Tugend zu lieben, als diese, ein guter Tod, die Seligkeit, der Himmel? –

Darum, o allerseligste Jungfrau Maria, die du auch in dieser Tugend unser herrlichstes Muster und Vorbild bist, gib uns ein Herz, das alle Menschen mit gleicher Liebe umschließt, das aber besonders mit dem Betrübten weint, den Unglücklichen tröstet und den Armen unterstützt, damit uns dein göttlicher Sohn am Tag des Gerichts als seine wahren Jünger erkennt und zu uns spricht: Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Amen.

 

Erfüllten meine Triebe

Gleich Dir die Nächstenliebe,

Maria, warm und groß,

Glich ich dem grünen Moos,

Das frisch den Wald durchblitzet,

Der Bäume Wurzeln schützet,

Sie weich bedeckt und mild,

Der Nächstenliebe Bild!

Lass meine Seel ihm gleichen,

Dem Nächsten liebend reichen

Zur Hilfe Hand und Herz

In Freude wie in Schmerz.