XX. Maiandacht - Kaiserkrone

 

Es gibt eine Blume, die unsere Gärten wunderbar ziert, sie heißt Kaiserkrone. Fünf prachtvolle Glocken in goldgelber Farbe, mit weißen Tupfen wie mit Edelsteinen besetzt, hängen von der Spitze eines 2 bis 3 Fuß hohen Stängels herab und bilden gleichsam eine kaiserliche Krone.

Wenn wir nun, liebe Christen, diese Blume wie gewöhnlich auf Maria beziehen, so können wir nicht lange verlegen sein, was sie uns sinnbildet. Nichts anderes, als die Herrlichkeit Mariens! –

Der Heilige Vater, das sichtbare Oberhaupt unserer Kirche, trug eine dreifache Krone und dreifach, liebe Christen, ist auch die Krone Mariens. Auf ihrem Haupt glänzt die Krone der Glorie über alle Heiligen, die Krone des Schutzes über alle Menschen und die Krone der Macht über alle höllischen Mächte! –

Und wie die Blume, die das Sinnbild der Herrlichkeit Mariens ist, fünf goldgelbe Glocken trägt, wie die Krone des Königs Alphons von Kastilien mit fünf Edelsteinen geschmückt war von unermesslichem Wert, so strahlen in der Ehrenkrone Mariens fünf Herrlichkeiten, die bewirken, dass es außer Maria nichts Höheres, Herrlicheres, Vollkommeneres gibt, als das göttliche Wesen selbst! –

Die erste Herrlichkeit ist: ihre unbefleckte Empfängnis, denn zu ihr sprach gleichsam Gott, wie Ahasverus zu Esther: Dies Gesetz, das jedermann halten muss, ist nicht für dich gemacht! –

Die zweite Herrlichkeit ist: dass sie einen Gott geboren hat, denn in ihr ist das Wort Fleisch geworden, das Wort, von dem Johannes spricht: Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort! –

Die dritte Herrlichkeit ist: dass sie trotz ihrer Mutterschaft dennoch Jungfrau geblieben ist, wie Jesaja schon tausend Jahre zuvor prophezeite: Siehe, eine Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären.

Die vierte Herrlichkeit ist: dass ihr ein Gott gehorcht und tut, was sie haben will, denn hört die Worte der Heiligen Schrift: Und er zog mit ihnen nach Nazareth und war ihnen untertan.

Die fünfte Herrlichkeit schließlich ist: dass sie Mutter aller Menschen ist, Mittlerin zwischen Gott und den Geschöpfen und allmächtig durch die Kraft ihrer Fürbitte, wie Gott durch die Natur seines Wesens, so dass der heilige Athanasius Maria begeistert die Allmacht auf den Knien nennt.

Nimm nun diese Perlen der Wunder, nimm diese Edelsteine der Gnade und füge sie zu einer Krone und sage mir, ob nicht der heilige Peter Damian recht hat, wenn er ruft: Wie kein bloßes Auge in das Feuer der Mittagssonne schauen kann, ohne zu erblinden, so kann kein menschlicher Verstand erfassen, keine menschliche Zunge aussprechen und kein menschliches Herz genügend fühlen die unaussprechliche, unermessliche Größe der Herrlichkeit Mariens, jener Jungfrau, die sagen konnte: der mich erschaffen hat, der hat geruht in meinem Schoß!, jener Jungfrau, die Mutter Gottes ist, also ein Abgrund von Gnaden, ein Meer von Herrlichkeit, eine Welt von göttlichen Reichtümern, also alles, was der Gedanke des Engels, was der Gedanke des Menschen als das Größte, als das Schönste, als das Heiligste, als das Vollkommenste nach Gott fassen kann.

Dieser Titel: „Muttergottes“ allein rechtfertigt also, heiligt also alle Gefühle der Liebe, alle Empfindungen der Dankbarkeit, alle Erhebungen der Seele, alle Eingebungen der Zärtlichkeit, alle Tempel Maria erbaut, alle Altäre Maria geweiht, alle Lieder Maria gesungen, alle Gebete zu Maria gebetet, weil alles, was man Maria tut, nichts ist im Vergleich mit der Unendlichkeit ihrer Mutterwürde, weil, wie der heilige Alphons sagt, man in der Liebe zu Maria nie zu viel tun kann.

Es gibt zwei Wunder der göttlichen Allmacht, die weder besser noch größer sein könnten, sagt der Fürst der Gottesgelehrten, der heilige Thomas. Diese so großen, so unbegreiflichen, so göttlich unaussprechlichen Wunder sind: Die Menschwerdung Jesu Christi und die göttliche Mutterschaft Mariens.

Und diese Wunder sind in und durch die heiligste Jungfrau vollendet worden. Und wisst ihr, in welch feierlichem Augenblick diese Wunder der Allmacht aus den Abgründen der ewigen Barmherzigkeit gekommen sind? Wisst ihr, welches das Wort ist, das sie hervorgebracht hat? Wisst ihr, welcher Mund dieses Wort ausgesprochen hat? – Denkt zurück an den Tag den schönsten, den je die Sonne beschieden, wo ein Erzengel vom Himmel herabkam und die Jungfrau von Israel in Kenntnis setzte, dass sie zur Mutter Gottes berufen sei.

Unterworfen dem höchsten Willen, öffnet Maria ihren Mund und spricht, während Gott und seine Engel sie mit Liebe betrachten, einige Worte aus, durch die und mit denen sie die Welt der Gnade und der Herrlichkeit erschafft: Es geschehe mir, wie du gesagt! –

In diesem höchsten Augenblick wird das Wort Fleisch und wird eine Jungfrau Mutter Gottes!

So, liebe Christen, und ich bitte euch, recht darüber nachzudenken, sind die zwei Meisterwerke, die nach dem heiligen Thomas Gott selbst weder größer noch besser machen könnte, im jungfräulichen Schoß Mariens durch ein aus ihrem Mund gegangenes Wort vollbracht worden, so wurde ihre Herrlichkeit größer, als die aller erschaffenen Wesen, so setzten ihr die Engel die Kaiserkrone des Ruhmes und der Ehre auf ihr Haupt. Und der heilige Bonaventura hat Recht, wenn er ruft: die menschliche Weisheit spreche mir nicht mehr vom Nichts ihrer Größe, sie entweihe nicht mehr die Sprache des Lobes und der Verwunderung, um von den Werken des menschlichen Stolzes zu erzählen, sie höre auf, irdische Größe verehrt wissen zu wollen. Sie erkenne endlich, durch das Licht der Gnade erleuchtet, dass jede erschaffene Größe vor der Herrlichkeit unserer lieben Frau nur Staub ist! –

Das, liebe Christen, ist die Herrlichkeit zu der sie Gott, zu der sie der Himmel berufen hat. Fasst nun auch jene andere Herrlichkeit ins Auge, die ihr die Menschen, die ihr die Welt verleiht, die Maria, die Königin der Propheten, selbst mit jenen Worten voraussagte: Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter! –

Wer ist die, die die Könige und Völker, die Großen und die Kleinen, der Arme und der Reiche, ja selbst das Kind als die Königin der Welt anruft und als die Mutter Gottes begrüßt? –

Wer ist die, die der Soldat anruft, wenn es in die Schlacht geht und der Schiffer, wenn der Sturm sich erhebt und der Landmann, wenn er sein Land bebaut und der Kranke auf seinem Lager und der Sterbende in den letzten Zügen?

Wer ist die, die die Apostel Jesu Christi verehrten, die ersten Christen anriefen, die heiligen Kirchenversammlungen lobpriesen und der alle Menschen aller Jahrhunderte bis auf diese Stunde ergeben waren?

Wer ist die, die der Ägypter am Meer und der Bewohner der Hudsonbai und der Eingeborene am Huronenfluss und der Chinese auf den Trümmern seiner Pagode und der Tartar in seinen öden Steppen und der Einwohner Kamtschatkas im Norden des Eismeers verehrt und anruft? –

Es ist Maria, die Freude aller katholischen Herzen, der Trost aller christlichen Seelen, Maria, deren Ehre unermesslich, deren Ruhm unaussprechlich, deren Herrlichkeit unendlich ist. Maria, deren Verehrung von den Bergen Judäas ausgehend wie ein Fluss vergrößert, verbreitet und bis zur Stunde angewachsen ist zu einem Strom, zu einem Meer, zu einem Ozean, der die ganze bewohnte Welt umflutet! –

Voll Erstaunen über diese namenlose Herrlichkeit Mariens, liebe Christen, werdet ihr vielleicht fragen wollen: Aber was sollen, was können wir tun, um zur Vergrößerung der Ehre Mariens beizutragen?

Ihr könnt das Reich Mariens durch ein Leben vergrößern, das ein Abglanz ihres Lebens wird, durch Tugenden, die der Wiederschein ihrer Tugenden sind.

Ahmt nach ihren Glauben, ihre Demut, ihre Reinheit, ihren Gehorsam und ihre Ergebung in Gottes Willen und ihr habt die fünf goldgelben Glocken der Kaiserkrone, seid geistigerweise diese Blume und habt die Ehre Mariens vermehrt!

O ja, liebe Christen, erfüllt die ganze Erde mit dem Preis und Lob der Himmelskönigin, vernichtet in euch das Reich der Sünde, um die Liebe Mariens zu gewinnen, stellt eure Herzen, euer Leben, euer Heil unter ihren mächtigen Schutz. Seht den Tag für verloren an, wo ihr nichts getan habt ihr zu Liebe. Verbreitet, so viel ihr könnt, bei euren Freunden, Verwandten und Bekannten, ihre Andacht und ihre Ehre. Lasst eure Wohnungen und die Kirchen von ihren Lobgesängen wiedertönen und fügt einen Ring zu der unendlichen Kette von Lob und Preis, die sie vor ihren Augen entstehen sah, als sie ausrief: Alle Geschlechter werden mich selig preisen. Amen.

 

Deine Herrlichkeit Maria

Deutet uns die Kaiserkrone,

Deine Macht bei deinem Sohne,

Deinen Glanz am Gottesthrone,

Heller als das Licht der Sonne,

Und des Paradieses Wonne,

Die der Herr dir gab zum Lohne.

 

Lass, o Mutter, deinen Diener

Durch ein wahrhaft frommes Leben

Deines Kleides Saum umweben,

Durch ein tugendhaftes Streben

Deine Herrlichkeit erheben,

Dann wird mir die Krone geben

Auch dein Sohn im ew’gen Leben.