XVIII. Maiandacht - Aster

 

Gestern holten wir uns eine Blume herab vom Gebirge, von den Hügeln der Berge, heute, liebe Christen, suchen wir wieder eine und zwar auf den Grabeshügeln, die Aster.

Die Aster oder auch Sternblume genannt, ist eine schöne Blume, mit einem großen, gelben Samenkern, um den sich viele kleine, blaurote oder lila Blättlein reihen. Sie hat keinen Geruch und ist eine Herbstblume, blüht fort bis in den November, denn die Winterskälte schadet ihr nicht, darum wird sie an Allerseelen auch häufig für Totenkränze gebraucht und dient überhaupt zum Schmuck der Gräber. –

Diese geruchlose Herbstblume, diese trauerfarbige Totenblume ist das Sinnbild der Vergänglichkeit und ich möchte, dass auf allen Wegen und Straßen, die ihr zieht, liebe Christen, rings um euch herum lauter Astern blühen würden, um euch beständig an die Eitelkeit alles Irdischen zu erinnern. Sie rufen euch zu: Alles vergeht! Wir blühen im Herbst. Auch für euch vergeht der Frühling dieses Lebens und es kommt die herbstliche Zeit der Ernte, der Rechenschaft im Tal Josaphat! – Wir blühen auf den Gräbern, und auch für euch kommt die letzte Stunde und der Tod naht sich euch. Alles vergeht, rufen sie, die Freude und die Liebe.

In diesem Leben, sagt der heilige Augustin, gibt es keine wahren Freuden, denn es gibt nur zweierlei: sündhafte Freuden und erlaubte Freuden, die ersten aber sind falsch, die zweiten haben keine Dauer, mithin gibt es keine wahren Freuden. Und darum, liebe Christen, hat die heilige Kirche Recht, wenn sie in einem ihrer herrlichsten Gebete spricht: Lass unsere Herzen mitten unter dem Wechsel der irdischen Dinge an dem festhalten, wo allein wahre Freuden sind, am Himmel! – Einmal verfluchte eine Frau zu Antiochia ihre Kinder und die Kinder fingen an zu zittern und zu beben und starben alle dahin. Das war ein menschlicher Fluch, der Fluch einer irdischen Mutter. Jetzt aber, Christen hört, jetzt vernehmt den Fluch aus göttlichem Mund, einen Fluch des allmächtigen Gottes: Verflucht sei die Erde, nur Disteln und Dornen soll sie tragen, und ihr, und ihr, ihr wollt lauter Rosen haben, Rosen der Freude von der verfluchten Erde, die euer Gefängnis, euer Verbannungsort, eure Prüfungszeit ist. War nicht selbst eure erste Stimme das Weinen, der deutlichste Beweis, dass ihr ein Tränental betreten habt. Nein, nein auf Erden gibt es keine wahren Freuden! Der ist der größte Tor, der in der Welt die Freude sucht, sagt der heilige Petrus von Alkantara, er ist ein Narr, der von einem Bettler tausend Goldstücke leihen, oder vom Teufel Barmherzigkeit sich erbitten will. Die Freuden dieser Welt sind Sodomsäpfel, die außen schön und reizend, innen verfault und voll Würmer sind, sie sind Träume, die Reichtum, Schönheit und Ehre vormalen und beim Erwachen dem Menschen nichts übrig lassen, als den Schmerz nichts zu haben. Nichts will ich sagen von den sündhaften Freuden der Welt, das kennt ihr doch, dass sie keine wahren sind. Betrachte das unerlaubte Verhältnis, wie sich beide fürchten müssen, wie sie sich schämen, wenn ein Priester ihnen begegnet oder ihre Eltern und Verwandten sie sehen, wie sie in beständiger Unruhe sind und wie viele bange Stunden sie haben, wie viele Lügen sie erdenken, wie viele Schleichwege sie ersinnen, wie viel sie äußerlich heucheln müssen, wie weh ihnen oft in der Predigt wird, wie unendlich drückend und schwer ihnen das Beichten ankommt, weil sie wissen, dass alles umsonst ist, nur ein neuer Grund zu ihrem Verderben, diese bitteren Gewissensbisse, sind das Freuden, nein, ruft jenes gefallene Mädchen und weint; nein, ruft jener Mensch, der seine Unschuld verloren hat; nein, ruft jene verführte Person am Sterbebett, nein, nein, nein rufen tausend und abertausend aus der Hölle, die um solcher Freuden willen jetzt ewig brennen! – Also hinweg, liebe Christen, von diesen sündhaften Freuden zu den erlaubten, die der barmherzige Gott wie Tautröpflein hier und da unserer armen Seele spendet, damit sie nicht gänzlich verschmachtet. Und auch sie, liebe Christen, auch sie sind keine wahren Freuden, weil sie nicht dauern! – Denkt euch einen Vater, der im Gefängnis sitzt, angefesselt mit einer schweren, eisernen Kette. Freudenlos fließt sein Leben dahin, kein Lächeln kommt über seine Lippen und Gram und Kummer nagen an seinem Herzen. Da bekommt er einen Brief, einen Brief von seinem geliebten Sohn, voll Teilnahme, voll Mitleid, voll kindlicher Liebe! Welch ein freudiger Augenblick, er liest und liest wieder. Er weint und die Tränen fallen über seinen Bart, er lässt den Brief nicht mehr aus den Händen, er hebt ihn in die Höhe, führt ihn zum Mund, will ihn küssen. Da klirren die Fesseln, da rasseln die Ketten, und – alle Freude ist dahin. – Ich bin gefangen, kann nicht fort, nicht zu meinem Kind. – Es verfließen Tage, Wochen, Jahre der Trauer, des Elends und des Unglücks. Da öffnet sich die Tür und herein tritt die Frau und die Kinder des Gefangenen, die er seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte. Welch eine Wonne des Wiedersehens und welch eine Freude, welcher Jubel, welche Seligkeit, die Freudentränen, die da fließen, es verfliegt die Zeit wie ein Augenblick, es vergehen die Stunden wie Minuten, doch welch ein Lärmen, der Gefängniswärter ruft: die Zeit ist um – und die Herzen müssen sich trennen! –

Seht, liebe Christen, hier im Bild die menschlichen Freuden, ihre kurze Dauer, ihrem ewigen Wechsel, kaum blüht dir eine Freude, so kommt das Leid, wie eine eiserne Kette und ruft dir zu: Du bist in einem Gefängnis, in der Verbannung, du musst büßen. Die Welt ist ein Tränental, das deine Sünden dornenvoll gemacht hat. Kaum fühlst du dich glücklich, so kommt der Tod, und nimmt dich oder eins von den deinen und ruft: Nimm Abschied, die Zeit ist um! Betrachte die Muttergottes, das heiligste Geschöpf, das je auf der Erde gelebt hat, wäre sie nicht würdig gewesen, kein Leid auf Erden zu erfahren? Sie freut sich an der Wiege des Erlösers, aber bald folgt die Flucht vor Herodes, die Flucht nach Ägypten, der Aufenthalt in jenem fremden Land! Sie freut sich an ihrem Kind, dem Jungen Jesus, aber bald folgen sein schmerzlicher Verlust und das dreitägige Suchen. Sie freut sich an den Lehren und Wundern ihres Sohnes, aber bald folgt seine Verurteilung, seine Geißelung und sein blutiger Tod! – Nicht spotten will ich euer, liebe Christen, sondern im Ernst, im bitteren Ernst meiner Seele frage ich euch, wie viele wahrhaft gute, freudige Stunden habt ihr schon gehabt? Sind nicht auf eine Freude hundert Leiden und bittere Stunden gefolgt, dürft ihr nicht immer bangen, wenn euch ein froher Augenblick zu Teil wird, weil ihr wisst, dass ihm tausend bittere folgen? – Ja, ja denn die Welt hat keine wahren Freuden, habt ihr denn je von einem Feld, auf dem ihr Gerste gesät, Weizen geerntet? So kann die verfluchte Erde keinen Segen euch spenden und ein Tränental keine Freude euch geben, keine wahre, bleibende, denn die Freude vergeht, aber auch die Liebe vergeht, das ist der zweite Ruf der Aster.

Ich rede hier nicht von jener Liebe, die man eher teuflischen Hass, als Liebe nennen soll, von jener sündhaften, unreinen Liebe der Leidenschaft, die Eckel, Überdruss, Eifersucht, Untreue und Entfernung auslösen kann und darum gar keine Liebe ist, die der heilige Augustin und die heilige Margarita von Cortona bis zum Tod mit bitteren Tränen beweinten; von dieser Liebe rede ich nicht, nur von jener Liebe, die Gott geheiligt, die Kirche gesegnet und die Religion erlaubt, die eheliche Liebe, die kindliche Liebe und die heilige Freundschaft. Und auch diese Bande brechen, sie vergeht diese Liebe. So hat es auch die Heilige der Heiligen erfahren, um wieviel mehr ihr! Neun Jahre waren es, dass die heilige Jungfrau Maria im Tempel lebte, als die erste dunkle Wolke den heiteren Himmel ihres Lebens trübte, ihr teurer Vater Joachim starb. Sie bat wohl für sein Leben, aber Gott wollte nach und nach alle irdischen Bande seiner auserwählten Braut lösen, auf dass sie auf Erden keine andere Stütze mehr habe, als die seinige. Zum ersten Mal war sie an der Schwelle ihrer Jugend in die Schule der Leiden eingegangen; sie weinte, denn ihre Seele war, wie die ihres göttlichen Sohnes, nicht unempfindlich; aber sie nahm den bitteren Kelch ergeben an, in den bald darauf frische Tränen über den Tod ihrer guten Mutter Anna flossen. Einige zwanzig Jahre darauf saß Maria am Sterbelager ihres Bräutigams Josef, der mit so rührender Liebe der schützende Engel ihres Lebens gewesen war; sie weinte an seinem Grab und sah ihn auf Erden nicht mehr. – Bald darauf stand sie unter dem Kreuz ihres geliebten Kindes und sein letztes Blut floss auf ihr Haupt und sein letzter Blick traf ihr Mutterherz. Nun schaut hinüber nach Ephesus, dort verlor Maria, die treue Gefährtin, die liebende Freundin, die heilige Maria Magdalena, die gleich der Ruth ihr Vaterland und ihr Volk verlassen hat und ihr übers Meer gefolgt war und Maria beweinte sie, wie Jesus den Lazarus beweint hatte! –

So, liebe Christen, nimmt der Herr auch uns nach und nach alle Herzen, die wir lieben, um uns die große Wahrheit einzuprägen, dass es nur eine Freude gibt, die wahr ist, die himmlische Freude und nur eine Liebe, die nicht vergeht, die Liebe zu Jesus. Reiße daher, o allerseligste Jungfrau Maria, unsere Herzen los von den vergänglichen Freuden und flöße uns eine Liebe ein, von der der heilige Augustin sagt: Willst du eine ewige Liebe, liebe den Ewigen! – Amen.

 

Es endet Alles

Schnell und früh; -

Die Ewigkeit,

Sie endet nie!

 

Drum reißt die Herzen

Los von der Welt,

Weil ihre Liebe

Nur täuscht und quält;

 

Und blickt nach Oben,

Weil kurz die Frist,

Die uns zum Leben,

Gegeben ist.

 

Um dies, Maria,

Das Herz nur fleht,

Stets zu bedenken:

Die Welt vergeht! –