XVII. Maiandacht - Alpenrose

 

Wenn du, lieber Christ, etwa in die Gegend von Berchtesgaden und Reichenhall, oder über Rosenheim und Kufstein ins Tirolerland oder weiter oben über Miesbach an den Tegernsee kommst, so erblickst du das bayerische Hochgebirge, die Tiroler und Salzburger Alpen, eine Reihe von Bergen, deren Gipfel bis in die Wolken ragen und mit ewigem Schnee und Eis bedeckt sind. Ein herrlicher Anblick diese steinernen Riesen bis zur Mitte mit den üppigsten Wiesen bedeckt, auf denen das Vieh weidet. Ein prachtvoller Anblick diese schneebedeckten Häupter vom Purpur der Morgen- oder Abendsonne golden beschienen zu sehen! –

Dort hinauf, liebe Christen, hinauf die Berge über Felsen und Stein vom grauen Moos umwachsen, über grüne Wiesen und Matten und an Viehherden vorüber und an Sennhütten vorbei, immer höher und höher, so dass die Häuser im Tal euren Augen fast entschwinden, dort hinauf führe ich euch heute im Geist, um euch zu zeigen eine Blume, die wir heute der Muttergottes weihen wollen, eine Blume, die nur dort oben blüht, in der Einsamkeit, fern den Menschen, so nahe dem Himmel, ganz allein. Es ist – die Alpenrose! –

Die Alpenrose ist eine wunderschöne Blume, ihre Farbe ist das schönste Rot und ihre herrlich grünen Blätter sind weich und wollig wie Samt. Auf der Ebene findet man sie nicht, nur auf den Bergen. Und je höher sie wächst, desto besser ist ihr Geruch. Sie blüht nur eine gewisse Zeit und da erhebt sie sich oft neben dem Schnee und Eis. Wegen ihrer Seltenheit und Schönheit wird sie sehr geschätzt und die Gebirgsjäger halten es für ein gutes Vorzeichen, wenn sie eine finden.

Bis jetzt haben wir der Muttergottes lauter Blumen verehrt, die leicht zu haben sind und die in unserer Nähe blühen. Heute wollen wir uns aber anstrengen, Mühe geben von den höchsten Bergen herab eine zu suchen, um sie der Himmelskönigin zu weihen, die Alpenrose, ja, die Alpenrose! –

Und wie der Fremde auf seinen Wanderungen über das Gebirge freudig aufjubelt, wenn er eine gefunden hat und über den Duft und der Schönheit dieser Blume alle Mühe und Beschwerde des Suchens vergisst, so, liebe Christen, werden auch wir uns freuen, wenn wir jene Tugend, deren Sinnbild die Alpenrose ist, die Tugend der Betrachtung erlangt haben und hingerissen von ihrer zauberhaften Schönheit, werden wir alle Mühe, die wir bei Erwerbung dieser Tugend hatten, vergessen! –

Die Alpenrose ist das Sinnbild der Betrachtung, weil die Alpenrose nur auf den höchsten Bergen und ganz einsam blüht, ganz nahe dem Himmel. Der betrachtende Mensch muss ebenfalls sein Herz zu Gott aufschwingen. Er muss fern von dem Getümmel der Menschen in der Einsamkeit seiner Kammer, oder zu den Füßen eines Kruzifixes unter freiem Himmel, oder in der geräuschlosen Stille einer Kirche vor dem Tabernakel des lebendigen Gottes betrachten. Und wie die Alpenrose oft mitten unter Schnee und Eis emporblüht, so hindert kein Unglück und keine Trübsal, keine Kinder und kein zeitliches Geschäft, keine Krankheit und irdische Sorgen den Menschen in der Betrachtung, wenn er nur will. –

Liebt, ihr Christen, die Alpenrose! Liebt die Betrachtung, die nichts anderes ist, als ein längeres Nachdenken über einen Gegenstand unseres Seelenheils, ein aufmerksames Überdenken der göttlichen Wahrheiten. Die Betrachtung ist notwendig, so dass der heilige Aloysius sagt: Ohne Betrachtung wirst du in der Tugend nicht weit kommen, ja der heilige Ignatius und der heilige Alphons sie tun sogar den Ausspruch: Ohne Betrachtung kann der Mensch nicht selig werden, ohne Betrachtung wird er zu Grunde gehen! Und sagt selbst, liebe Christen, wenn die Menschen immer die Sünde und ihre schrecklichen Folgen, immer den Wert ihrer unsterblichen Seelen, immer den Tod mit seinen Schrecken, die Hölle mit ihren Flammen, und den Himmel mit seinen Freuden betrachten und daran denken würden, könnte es so viele Mordtaten, Ungerechtigkeiten und Ehebrüche, so viele Fluchworte und unkeusche Reden, könnte es so viele sündhafte Bekanntschaften und besuchte Tanzplätze geben? – Nein, denn ewig wahr sind die Worte der ewigen Wahrheit: Denke an deine letzten Dinge und du wirst in Ewigkeit nicht sündigen! – Mit Recht gilt daher das Wort jener großen Männer und Frauen und Lichter unserer heiligen Kirche, dass die Betrachtung unumgänglich notwendig ist, was auch David in seinen Psalmen bestätigt: Wäre nicht dein Gesetz meine Betrachtung, so würde ich umkommen in meinem Elend.

Die Betrachtung ist schön, denn schaue im Geist hin auf Maria, die auch in dieser Tugend unser Muster und Vorbild ist. Die Betrachtung war ihre beständige Nahrung und der Tempel von Jerusalem und die Krippe von Betlehem und das elterliche Haus und die Hütte zu Nazareth und Hieropolis, die Stadt in Ägypten und Ephesus, wohin sie mit Johannes und Magdalena zog, vernahmen ihr inneres Gebet. Denn niemals, sagt der heilige Ambrosius, gab es eine Seele, begabt wie ihre mit der himmlischen Gnade der Beschauung. Ihr Verstand, in steter Vereinigung mit ihrem Herzen, verlor niemals den aus den Augen, den sie zärtlicher liebte, als alle Seraphim mit einander ihn lieben. Ihr ganzes Leben war nichts, als eine beständige Übung der reinsten Gottesliebe und wenn der Schlaf auf ihre Augenlider sank, wachte ihr Herz und betete noch!

Wie schön macht ein Springbrunnen einen Garten. Um ihn herum grünt alles frischer und blühen die Blumen. Er, der früher einförmig und öde war, wird lebendig und gewinnt ein heiteres, schönes Aussehen. Der Springbrunnen, sagt der heilige Franz von Sales, ist die Betrachtung und der Garten deine Seele. Schön macht die Betrachtung dein Äußeres, schön deine Worte! –

Nie werde ich den Eindruck vergessen, den jene fromme Jungfrau Maria von Mörl in Tirol in ihrem betrachtenden Gebet auf mich machte. Im weißen Kleid, mit herabhängenden Haaren kniete sie mit gefalteten Händen, die Augen unverwandt nach oben, auf dem Bett. Sie schwebte, denn sie machte nicht den geringsten Eindruck in ihre Kissen. Sie rührte und bewegte sich nicht, nahe musste man hingehen, um sie atmen zu hören. Sie wusste von allem nichts, was um sie geschah. Frieden, Freude, innere Ruhe und Wonne spiegelte sich ab in ihren Zügen und ein wunderbares Gefühl durchzog jeden Schauenden, ein Staunen über die Schönheit einer betrachtenden Seele. Man vergaß mit ihr alle Sorgen dieser Erde, man schwang sich mit ihr in die Höhen des Himmels und fühlte es schmerzlich, dass man um der Sündhaftigkeit und zu starken Anhänglichkeit an die irdischen Dinge willen nicht ebenso betrachten konnte. – Der große Fenelon, Erzbischof von Cambray schrieb an seinen königlichen Zögling, den Herzog von Bourgogne: Um Gotteswillen, lassen sie die Betrachtung ihr Herz nähren, wie die Speise den Leib nährt. Ein kurzer Hinblick auf Gott erfrischt den ganzen Menschen, stillt seine Leidenschaften, gibt Schönheit und Reiz seinen Worten. –

Die Alpenrose blüht auf den höchsten Bergen und darum kann man sie schwer erlangen. Nicht so ihr Sinnbild, die Betrachtung, die ist leicht. Ihr seht mich an, als habt ihr mich nicht recht verstanden und deshalb wiederhole ich: die Betrachtung ist leicht! –

Wie ist das möglich, werden manche von euch sagen, wir sind zufrieden, wenn wir mit dem mündlichen Gebet durchkommen, ist das zerstreut genug. Zum Betrachten, da haben wir weder Zeit, noch Geschicklichkeit!

Beides, liebe Christen, sind Einflüsterungen des Teufels. Wie die Philister dem Samson die Augen ausrissen, so macht es der böse Feind mit euch. Weil er euch den Glauben nicht nehmen kann, so versucht er es doch wenigstens, dass ihr das, was ihr glaubt, nicht betrachtet. Habt ihr etwa weniger Zeit, als der König Alfred der Große, der täglich 8 Stunden der Betrachtung oblag, oder wie die heilige Dienstmagd Notburga, die die fleißigste, arbeitsamste ihres Dorfes war und dennoch beständig die ewigen Wahrheiten betrachtete. Und vollends an Sonn- und Feiertagen, oder in den Feierstunden am Morgen und am Abend! Macht es wie die heilige Elisabeth, die von ihrem Schloss Marburg zum Kloster Reinhardsbrunn, (wo sie täglich die heilige Messe hörte) gute zwei Stunden zu gehen hatte, und den ganzen Weg betete ein einziges Vaterunser, so betrachtete sie das, was sie betete. Und ihr dürft nicht glauben, dass ihr immer einsam und allein bei der Betrachtung sein müsst; denn könnt ihr, gleich wie die Alpenrose mitten im Schnee und umstarrt von Eis emporblüht, nicht bei euren Arbeiten und Geschäften an den Tod und das Gericht, an das Leiden Christi und an die Liebe Mariens, an den Himmel und seine ewigen Freuden denken und sie betrachten? – Ja, allerdings sagst du, ich könnte, aber ich kann nicht, denn ich habe nicht die Geschicklichkeit dazu! – Da kommst du mir gerade vor, wie jenes alte Weiblein, das nach einem frommen gottesfürchtigen Leben zum Sterben kam. Mit Freude erwartete sie den Tod. Nur etwas beunruhigte sie noch. Was, sprach sie zu ihrem Beichtvater, werde ich wohl beim Eintritt in den Himmel zum lieben Herrgott sagen! Tiefgerührt über diese kindliche Einfalt, sprach der Priester: Liebes Kind, sage nur: Gelobt sei Jesus Christus! Und alle Engel und Erzengel, alle Cherubim und Seraphim, alle Heiligen, der ganze Himmel wird dir antworten: In Ewigkeit! Amen. –

Seht, liebe Christen, so braucht ihr zur Betrachtung nicht studiert zu sein, auch wenn ihr nicht lesen und schreiben könnt und nie die Schule besucht habt, könnt ihr doch betrachten. Zum Betrachten braucht ihr nur zwei Dinge: die Augen und das Herz. Schaut die ewige Wahrheit an und dann horcht, was euer Herz sagt! –

Mein Gott und mein alles, über dieses betrachtete der heilige Franz von Assisi sein ganzes Leben. – Noch wenige Worte hatte die heilige Katharina von Genua: Ich und Du! – Noch kürzer fasste sich die heilige Magdalena von Pazzis: Liebe! – Theresia: Eine Seele! – Welch ein großes Betrachtungsbuch ist die Natur: Die Sonne, der Frühling, die Schafe, der Regen, die Trockenheit, die Blumen und die Vögel! – Das Kreuz, die Kirchen, das Läuten! –

Weißt du von jenem Einsiedler, der nicht lesen konnte und dennoch täglich am Morgen und am Abend aus einem Buch eifrig betrachtete, es waren vier Blätter darin, ein weißes, das bedeutete ihm die Unschuld, ihren Wert und ihren Verlust; ein rotes, das bedeutete ihm die roten glühenden Flammen der Hölle; ein schwarzes, das mahnte ihn an den Tod und seine Schrecken und ein gelbes, das bedeutete ihm die goldene Krone der ewigen Herrlichkeit!

Das, liebe Christen, ist die Tugend der Betrachtung, deren Sinnbild die Alpenrose ist. Das ist die Tugend der Betrachtung, die so notwendig, so schön und so leicht ist. Liebt sie daher und fasst heute den festen Vorsatz, von nun an nicht mehr so gedankenlos, zerstreut und irdisch gesinnt in den Tag hinein zu leben, sondern den Blick eures Herzens zum Himmel gerichtet beständig euer ewiges Heil und eure Bestimmung im Auge zu haben. Dieser Vorsatz aber, liebe Christen, er sei die Alpenrose, mit der ihr jetzt das Gnadenbild dort ziert:

 

Nimm hin, Maria, diese Alpenrose,

Nimm sie, o Mutter der Barmherzigkeit,

Dir und dem Kind in deinem Mutterschoße

Sei diese Blume liebevoll geweiht! –