XV. Maiandacht - Rote Rosen

 

Als die Witwe Noemi zurückkehrte aus dem Land Moab in ihre Heimat und nach Betlehem kam, sagte alle, die sie kannten, das ist Noemi! – Sie aber sprach: Nennt mich nicht mehr Noemi, d.h. die Schöne, sondern nennt mich Mara, d.h. die Bittere, denn der Allmächtige hat mich mit Bitterkeit sehr erfüllt.

Ebenso spricht heute Maria zu uns, da wir sie als schmerzhafte Mutter, als Königin der Martyrer betrachten wollen: Ich bin gekommen in die Tiefe des Meeres und der Sturm hat mich versenkt, groß wie das Meer ist mein Schmerz! – Wer hat ihn dir verursacht? – Im Bild der Rose liegt die Antwort, sagt der heilige Bernhard. Die rote Farbe deutet auf das Blut Christi, die Dornen auf unsere Sünden und so ist die rote Rose das Sinnbild der Schmerzen Mariens.

Im zwölften Jahr ihres Lebens verlor Maria ihren teuren Vater Joachim durch den Tod, dem bald darauf die geliebte Mutter Anna folgte. Nun war sie eine Waise! Eine Waise: ein bitter hartes Wort! Nur, wer es ist, nur wer je am Sterbebett seiner Eltern gestanden, wer sie nicht mehr hat, wer den Vater, die Mutter verloren hat, der kann erfassen das ganze Weh dieses Wortes, die ganze Bitterkeit dieser Lage.

Doch wie die Nacht vor dem Licht verschwindet, wie die Sterne vor der aufgehenden Sonne verbleichen, so vergehen diese Leiden Mariens wie Schatten vor den kommenden späteren Schmerzen. Auch die Geburt Jesu Christi im armen Stall auf wenig Stroh in der kalten Wintersnacht; auch die Flucht nach Ägypten doppelt hart durch die Furcht vor Herodes und durch die Rauheit und Wildheit der Gegend, der Länge und Beschwerlichkeit der Reise; auch der Aufenthalt im fremden Land bei fremden Leuten, fern der Heimat und allen Lieben ist ein Schatten, ein Gedanke, ein Traum nur gegen jene blutigen Leiden, die die rote Farbe der Rose uns sinnbilden. Lasst uns drei Tropfen aus diesem Leidensmeer schöpfen und sie mit einem frommen Verehrer Mariens also betrachten. Als Jesus dornengekrönt und kreuzbeladen mühselig die Straße hinabging, die zum Richttor führte, drängte sich eine Frau durch die Menge, totenblass sah sie aus. Ihre Augen, die ihre letzten Tränen verweint hatten, blickten so unaussprechlich traurig auf die entsetzlichen Wunden des Erlösers. Das Schimpfen der Pharisäer hörte sie nicht: das Drohen der Henkersknechte vernahm sie nicht, als aber Lanzen auf ihre Brust gerichtet zwischen sie und Jesus drangen, warfen ihre großen Augen einen Blick auf jene, die das Blut Davids verrieten; ihr Antlitz bekam einen solchen Ausdruck erhabenen Schmerzes und kalter Todesverachtung, dass die besiegten Henker langsam vor der heiligen Frau ihre Waffen zu Boden senkten. So verwildert sie auch immer waren, sie gedachten ihrer eigenen Mutter. – Maria richtete nun ihre angstvollen Blicke auf den Erlöser, dessen mildes Antlitz nun geschwollen, blau unterlaufen, voll Blut und Kot fast nichts mehr vom Ebenbild des Schöpfers an sich trug. Sie fuhr traurig mit der Hand über ihre Stirn, als wollte sie sich überzeugen, dass er es wirklich sei. Kein Seufzer erleichterte ihr gepresstes Herz, man glaubte nur, sie werde sterben. Jesus, der sie bemerkte, erhob sein unter der Wucht des Kreuzes gebeugtes Haupt und sprach: Mutter! Bei diesem Ton, der wie eine Totenglocke ins Ohr der heiligen Jungfrau schallte, durchdrang ein stechender Schmerz ihre Brust, sie konnte sich kaum mehr aufrecht erhalten, wankte und erblasste: die Frauen Jerusalems aber sagten leise zueinander: Die arme Mutter! Jesus war erhöht am Kreuz, da eilte auch Maria hin, vorbei an den Soldaten, die um den Rock ihres Sohnes losten. Ein leichter Krampf flog über ihre Züge, sie dachte an die Zeiten, wo sie reich allein durch Jesu Liebe, aber frei von Besorgnissen, abends an seiner Seite an diesem Festgewand arbeitete. Dieser Gedanke war für sie wie ein Dolch, der langsam in einer Wunde umgedreht wird. Denn der Blitzstrahl, der ihr die vergangenen Tage des Glücks zeigte, machte nur die Finsternis ihres gegenwärtigen Elends umso dichter. Sie erhob zum Himmel ihre Augen um Kraft und ihr Blick traf mit dem des gekreuzigten Gottes zusammen. Bei diesem entsetzlichen Anblick stand sie da stumm und versteinert von einem solchen Schauer durchdrungen, dass alles, was sie bisher Erschütterndes empfunden, ihr nur wie ein trauriger Traum, wie ein furchtbares Gesicht vorkam. Alles verschwand vor dem Kreuz. Die Sonne verbarg sich, der Himmel verdunkelte sich, die Erde erbebte, die Felsen spalteten sich, die Gräber gaben die Toten wieder, doch unter all diesen Zuckungen der empörten Natur blieb Maria unbeweglich stehen, unerreichbar für all diese Schrecken, die Hände wie zum Gebet gefaltet, versunken in der Betrachtung ihrer gekreuzigten Liebe. – Und die Frauen Jerusalems begannen wieder zu weinen und voll Mitleid zu sagen: Die arme Mutter! –

Der Leib des Herrn wurde vom Kreuz losgemacht. Maria kniet auf dem Boden, ihre Finger sind mit Blut gerötet. Sie breitet die reine Leinwand über ihre Arme aus und hält sie hinaus, um ihren Sohn zu empfangen, ihren verlorenen Sohn, der wieder zurückgekommen und so zurückgekommen! – Nun ist der Leib nieder genug herabgelassen, dass Johannes das heilige Haupt berühren und es in seine Arme aufnehmen kann, damit es nicht in seiner hilflosen Erstarrung herabsinke und Magdalena hält die Füße. Einen einzigen Augenblick wirft sich Maria voll Schmerz in sprachloser Anbetung nieder und im nächsten Augenblick hat sie den Leib in ihren ausgespannten Armen empfangen. Was für eine Begegnung, was für ein Wiederkommen! Das Kindlein von Betlehem ist auf seiner Mutter Schoß zurückgekommen! –Sie erhebt sich von ihren Knien und trägt noch immer die Last so leicht als damals, da sie mit ihm nach Ägypten floh und setzt sich nieder auf das Gras mit Jesus, ausgestreckt auf ihrem Schoß. Es gab nicht einen Zug seines heiligen Angesichtes, nicht eine Wunde an seinem heiligen Fleisch, die nicht zugleich ein Schmerz für sie und ein Gegenstand der tiefsten Betrachtung war. Umsonst für sie trillerten die Vögel ihr Abendlied, als die Last der Sonnenfinsternis von ihrem kleinen fröhlichen Herzen genommen war. Umsonst für sie stiegen die Wohlgerüche der zarten Feigenblätter in die kühle Luft auf und die Knospen brachen grün hervor und die zarten Schoße voll Frühlingsanmut. Ihr Kummer war über den Trost der Natur hinausgewachsen. Denn ihre Blume war grausam gebrochen worden und lag verwelkt da auf ihren Knien, die rote Rose, deren Dornen unsere Sünden sind. Um unserer Sünden willen, sagt der Prophet, ist er zerschlagen worden, und Maria, die Königin der Propheten, soll dies nicht gewusst haben? Sie hat es gewusst und umso schmerzlicher die Leiden ihres Sohnes empfunden, weil wir die Ursache derselben waren. Wie aber, liebe Christen, können wir die trostlose Jungfrau trösten? Durch Reue über unsere Sünden und durch den festen Vorsatz, keine mehr zu begehen. Und diese Gnade werden wir erlangen, wenn wir recht oft uns recht andächtig die Schmerzen Mariens betrachten; denn einer frommen Seele wurde geoffenbart, dass der Herr vier besondere Gnaden dieser Andacht verleihe. Die erste ist eine vollkommene Reue über alle Sünden einige Zeit vor dem Tod; die zweite ist ein besonderer Schutz und Beistand in der Todesstunde; die dritte soll darin bestehen, die Geheimnisse des Leidens Christi tief der Seele eingeprägt zu haben und die vierte soll eine besondere Macht der Fürbitte Mariens sein zu unseren Gunsten. Amen.

 

Das Bild der roten Rose

An unsre Sünden mahnt,

Ob der die Makellose

So großen Schmerz empfand;

Kann ihn auch niemand schildern,

So namenlos war er,

Wir können ihn doch mildern,

Nur keine Sünde mehr! –

Dann werden wir erwerben

Mariens Lieb und Huld,

Und ehe wir noch sterben,

Bezahlen unsre Schuld!