XIX. Maiandacht - Myrte

 

Ihr seid gestern, liebe Christen, ermuntert worden, eure Herzen von irdischer Liebe loszureißen, die so vergänglich ist und es einem Herzen zu weihen, dessen Liebe ewig dauert und nie vergeht. Heute nun wollen wir diese Verbindung, diese Herzensvereinigung feiern durch die Betrachtung jener Blume, die das Sinnbild des bräutlichen Verhältnisses ist, der Myrte. Ein Blümchen zart und schön mit grünen Blättchen fast wie der Buchs und ganz kleinen, schneeig weißen Knöpfchen und Röslein, womit die Braut am Tag der Hochzeit ihre Haare und ihr Kleid schmückt.

Das Herz der allerseligsten Jungfrau Maria gleicht einer Myrte, denn in dreifacher Hinsicht ist sie eine Braut.

Sie ist eine Braut des Heiligen Geistes, der sie von Ewigkeit als reinstes Gefäß seiner Gnade vor jeder Makel bewahrte, in göttlicher Liebe sich mit ihr verband: Mit ewiger Liebe liebte ich Dich! – sie überschattete, denn: was in ihr lebt, sprach der Engel, ist gebildet vom Heiligen Geist, der am Pfingstfest die Liebe mit ihr erneuerte, bis sie nach dem Kampf dieser Erde im Himmel nun ewig in seiner Liebe ruht. Darum nennt sie auch der heilige Thomas: das auserwählte Gefäß der Liebe des Heiligen Geistes und der heilige Bernhard sagt: Es gefällt dem Vater, der, der die Tochter liebt, es gefällt dem Sohn, der, der die Mutter liebt, es gefällt dem Bräutigam, der, der die Braut liebt. Verehre also Maria, so wirst du dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist gefallen.

Sie ist eine Braut des heiligen Josef. Es war Gottes Wille, dass sie ihre Hand einem Gerechten reichen sollte, der Zeugnis geben konnte von der Reinheit ihres Lebens. Ein gerechter Mann, der sie und ihren Sohn in der Stunde des Unglücks in seinen Schutz nehmen konnte. Josef, ein schon bejahrter Mann, ein Mann aus dem Volk, der immer unvermählt gelebt hatte, sein Brot im Schweiß seines Angesichtes sich erwarb, der Zimmermann von Nazareth, war der Bräutigam Mariens. Sich ihm zu verloben, stand sie keinen Augenblick an, denn durch göttliche Offenbarung erleuchtet, wie der heilige Ambrosius sagt, erkannte sie, dass dieser gerechte Mann nur für sie ein Beschützer, ein Vater, ein Hüter ihrer Keuschheit sein werde. Was wollte sie mehr, der Herr hatte sie erhört, er gewährte ihr die Erfüllung ihres Gelübdes jungfräulicher Reinigkeit. – Wenn Gott den demütigen Josef zum Bräutigam der Königin der Engel, zum Pflegevater des Messias erwählte, so geschah es, weil er Schätze der Gnade und Heiligkeit besaß, um die ihn himmlische Geister beneiden konnten. So geschah es, weil seine Tugenden ihn zum Ersten seines Volkes erhoben hatten und er höher angeschrieben stand im Buch des Lebens, als der größten Fürsten einer. – Die heilige Jungfrau wurde nicht dem Mächtigsten, sondern dem Würdigsten angetraut. – Die Verlobung geschah nach der Sitte der Hebräer auf eine würdige Weise. Josef reichte Maria, die den Brautkranz von Rosen und Myrten auf ihrem Haupt trug, in Gegenwart der Zeugen eine Münze und einen Ring und sprach: Nimm dies als Pfand, fügte aber hinzu: Du sollst mir sein wie meine Mutter und ich will dich ehren als wie den Altar Gottes. Von nun an waren sie vor Gott und dem Gesetz wie Bruder und Schwester, obgleich ihre Verbindung förmlich anerkannt blieb. – O heiliger Josef, ruft Bernhardin von Siena aus, o wie verehre ich dich! Dass doch du meine Seele wärest und Maria die Braut meiner Seele! – Der Wunsch dieses Heiligen, liebe Christen, ist erfüllt, denn Maria ist die Braut jeder Seele, die sie liebt. – Ich liebe, die mich lieben, lässt sie der Heilige Geist sagen. Und der heilige Bernhard sagt: der Kalvarienberg ist die Kirche, der heilige Johannes und in ihm die ganze Menschheit ist der Bräutigam, Maria ist die Braut, die Zeit der Vermählung die letzten Augenblicke des Erlösers. Der Priester, der den Bund segnet, ist Jesus Christus, der die Braut mit den Worten: Sieh, hier dein Sohn, um ihr Jawort fragt. Mariens Herz antwortet gottergeben: Mir geschehe nach deinem Willen und das Blut des Herrn besiegelt und bestärkt auf immer dies Band der Liebe, dass keine irdische Macht es mehr zerreißen kann. – Seitdem ist die Liebe des Herzens Mariens glühender, als selbst das Feuer, stärker als der Tod, unbesiegbarer als selbst die Hölle und kostbarer als alle Reichtümer der Welt. – Maria will von uns armen Menschen geliebt werden, es ist ihr Wunsch, ihr Willen, nicht ihretwegen, denn sie bedarf unserer Liebe nicht; nicht um ihrer selbst willen, denn sie ist und bleibt auch ohne unsere Liebe die Königin der ewigen Herrlichkeit. – Sie will unsere Braut sein unsertwegen, weil die Liebe zu ihr uns zur Seligkeit verhilft, weil wir nur durch Maria zu Jesus kommen, weil wir ohne sie zu lieben, nicht in den Himmel gelangen.

Die heilige Kirche hat seit dem 16. Jahrhundert ein eigenes Fest angeordnet zur Erinnerung an die Vermählung Mariens mit dem heiligen Josef, das jedes Jahr am 22. Januar gefeiert wird. – Und wann, liebe Christen, wird unsere Verlobung mit Maria gefeiert? – In diesem schönen Monat Mai, heute in dieser Maiandacht! – Was einst in Jerusalem geschah, soll heute in dieser Kirche stattfinden. Statt des heiligen Josef stehen unsere Seelen schüchtern und bittend vor dem Mutterherzen Mariens, das einer Myrte gleich, bräutlich liebend uns entgegenkommt. Unser Priester ist der Herr und wenn er uns, wie einst den Petrus um seine Liebe drei Mal fragt: Liebst du Maria, so antworten wir darauf: Du weißt es ja, o Herr, dass ich deine Mutter liebe! Wenn wir das Ave Maria täglich am Morgen und am Abend dreimal zur Erinnerung an das dreimalige Ja unserer Verlobung mit Maria beten, so werden wir eine Übung verrichten, die uns die heiligen Väter aufs Dringendste anempfehlen. Wer dieses Gebet gewissenhaft verrichtet, sagt der heilige Alphons, wird in den Versuchungen gegen die heilige Reinigkeit immer standhaft und siegreich bleiben. Josef gab Maria einen Ring und eine Münze. Wie die Muttergottes bei unserer Geburt einen Ring von Gnaden um uns zieht, aus dem wir nur mit unserem Tod treten, so weihen wir ihr den Ring vom Gold der reinsten und edelsten Liebe, treuer beharrlicher Liebe wie der Ring rund ist ohne Anfang, ohne Ende. – Und eine Münze, indem wir ihr zu Ehren eine Medaille tragen, die durch den Segen der heiligen Kirche geweiht ist, uns immer an das bräutliche Verhältnis unserer Seele mit Maria erinnern soll, von dem die Myrte das Sinnbild ist. Amen.

 

Die Myrte spricht zur christlich frommen Seele:

Willst du hienieden immer glücklich sein,

Dann mit Maria dich im Geist vermähle

Mit ihr geh einen Bund der Liebe ein! –

Gib ihr den Ring als deiner Treue Zeichen,

Trag auf der Brust ihr engelreines Bild,

Dann wird sie hier der Liebe Hand dir reichen,

Und dort ihr Herz im himmlischen Gefild!