XIV. Maiandacht - Nelke

 

Es gibt nicht leicht eine dankbarere Blume, als die Nelke. Sie lässt sich sowohl in die kalte Erde als in die Blumentöpfe versetzen. Sie erfüllt unsere Gärten und Zimmer mit einem außerordentlich balsamischen Geruch. Wir können sie deshalb mit Recht für das Sinnbild der Dankbarkeit nehmen, einer Tugend, die in jedem christlichen Herzen lebendig und beständig blühen soll. Selig pries der Herr den Samaritan, den er vom Aussatz geheilt hatte und der zurückkehrte und ihm auf seinen Knien dafür dankte: Gehe hin, sprach er, dein Glaube hat dir geholfen! – Nichts ist Gott so wohlgefällig, sagt der heilige Chrysostomus, als eine dankbare und dankende Seele. Es gibt nichts, was den Menschen Gott näher bringt, als die Dankbarkeit. Sie ist ein großer Reichtum, ein unerschöpfliches Gut, eine starke Rüstung. – Aber über wie viele Christen könnte sich der Herr mit den Worten des Propheten beklagen: Was soll ich mit dir beginnen, o Ephraim, und mit dir, o Juda, denn eure Liebe ist wie eine Morgenwolke und wie der Tau, der bald schwindet! – Damit wenigstens uns dieser Vorwurf nicht treffe, lasst uns im Sinnbild der Nelke die Tugend der Dankbarkeit näher betrachten! –

Die Nelke ist meistenteils rot, erinnert an das Blut Christi, an den blutigen Tod des Heilandes am Kreuz. Einen stärkeren Beweggrund, als Jesus am Kreuz, haben wir zur Dankbarkeit nicht. Wer dieses Opfer der Liebe betrachtet und keinen Dank dafür in seiner Seele fühlt, der lasse sich ausstreichen aus dem Taufbuch, er verdient den Namen eines Christen nicht mehr. Sein ist deine Seele, sagt der heilige Hildebert, denn er hat seine Seele für sie hingegeben. Sein ist dein Leib, denn seinen Leib hat er für ihn geopfert. Siehe also wohl zu, was er von deinem Leib, was er von deiner Seele verlangt. Liebe ihn von ganzem Herzen, und es ist bezahlt, was er von deiner Seele verlangt. Mache dich ähnlich den Gliedern seines Leibes und es ist erstattet, was er von deinem Leib verlangt. Sein Auge wurde verdunkelt im Tod, damit dein Auge sich abwende von der Eitelkeit. Sein Ohr war geöffnet für Lästerungen und Fluchworte, damit dein Ohr sich öffne für das Bitten der Armen. Ausgespannt wurden seine Arme, ans Kreuz geheftet seine Füße, damit deine Arme und Füße befestigt würden in der Gottesfurcht. Siehe, was dem Herrn an dir wohlgefällt, siehe den Zweck, weshalb er für dich gelitten hat, siehe den Dank, den er von dir fordert! –

Die Nelke atmet den herrlichsten Wohlgeruch aus. Dies ist der Duft der Gnadengaben, die uns der Herr gegeben hat und dem aus unserem Herzen entgegenhauchen soll der Wohlgeruch der Tugenden, besonders der Tugend der Dankbarkeit. – So oft du das heilige Kreuzzeichen machst, sprichst du die drei größten Gnaden des Herrn aus, wofür dein Dank nur mit deinem Leben erlöschen soll. Im Namen des Vaters, der mich erschaffen hat, im Namen des Sohnes, der mich erlöst hat, im Namen des Heiligen Geistes, der mich geheiligt hat – aber, lieber Christ, hast du dein Lebtag schon ein Vaterunser für deine Erschaffung gebetet? – Und wie gering ist dein Dank für die Gnade der Erlösung und Heiligung! – Welch ein grausames Tier kann der Löwe sein! Androdus zog einst einem Löwen einen Dorn aus dem Fuß. Als er später im Zirkus von den wilden Tieren zerrissen werden sollte und dieser Löwe dabei war, legte er sich vor Androdus hin und tat ihm nichts und ließ ihm nichts tun. Beiden wurde das Leben und die Freiheit geschenkt und sie wurden öffentlich im Triumph in den Straßen Roms herumgeführt. So dankbar ist ein Tier und du, o Mensch? –

Die Nelke blüht im Freien, schmückt die Altäre und ziert die Zimmer, so soll auch in der Natur, in der Kirche und zu Hause die Tugend der Dankbarkeit sich zeigen. Wenn der heilige Ignatius in Gottes freier Natur spazieren ging, wurde seine Seele von solchem Dankgefühl gegenüber Gott durchdrungen, dass er alle Bäume, Blumen und Vögel einlud mit ihm dem Allmächtigen zu danken. Der heilige Franziskus dankte in seinem herrlichen Gesang an die Sonne, dem Meisterwerk religiöser Begeisterung und heiliger Andachtsglut mit jubelnden Worten Gott, dass er die Erde und alles in ihr so schön geschaffen! – In der Kirche soll unser Gebet vor allem ein Dankgebet sein und warum? – Weil jeder Dank, sagt der heilige Ignatius, eine neue Bitte ist und es heißt: Bittet und ihr werdet empfangen, klopft an und es wird euch aufgetan. – Im Kreis deiner Familie aber, in deinem Haus sollst du dem Herrn besonders für alle irdischen Gaben danken und das Tischgebet pflegen. Der selige Bischof Wittmann von Regensburg, dieser erleuchtete Christ, sagte: Die Vernachlässigung des gemeinschaftlichen Tischgebetes in den Familien dürfte eine wahrscheinliche Ursache sein, warum es jetzt so viele Krankheiten gibt, die man früher nicht kannte und warum nun so wenig zeitlicher Segen in den Familien sich findet.

Die Nelke blüht nicht nur einfach, sondern auch doppelt und so sollen wir nicht bloß Gott danken, sondern auch Maria, der wir nach Gott alles verdanken. Hat sie uns nicht denjenigen geboren, ohne den wir alle zu Grunde gegangen wären, durch den allein wir selig werden! Wenn wir nur dies mit den Augen des Glaubens betrachten, so müssen wir die Wahrheit der Worte eines heiligen Bernhard erkennen: dass wir nach Gott Maria den höchsten, größten und feurigsten Dank schuldig sind. Und wer von uns, liebe Christen, der in sein Herz hineinschaut und seine eigene Erfahrung fragt, muss nicht von dem lebhaftesten Dankgefühl gegenüber Derjenigen durchdrungen werden, die schon so viele seiner Bitten erhört, so viele seiner Wünsche gewährt, die ihn aus so vielen Gefahren schon errettet und eine solche Menge von Gnaden auf ihn herabgebeten hat! – O himmlische Nelke, allerseligste Jungfrau Maria, die du in dem herrlichen Danklied: Magnifikat Gott mit den Worten deinen Dank dargebracht hast: Hoch preise meine Seele den Herrn und mein Geist frohlockt in Gott meinem Heiland, lass auch unsere Herzen der Nelke ähnlich werden. Erbitte uns eine Dankbarkeit, deren Feuer eines gekreuzigten Heilandes, deren Dauer eines ewigen Gottes würdig ist, eine Dankbarkeit, die uns zu dir in den Himmel führt und mit dir und deinem göttlichen Sohn auf ewig vereinigt. Amen.

 

Gib, Maria, dass die Nelke,

Bild der Dankbarkeit,

Nie in meiner Brust verwelke

Bis zu jener Zeit,

Wo des Erdenlebens Schranken

Fallen einst vor mir,

Ich dann ewiglich kann danken

Deinem Sohn und Dir! –