XIII. Maiandacht - Immergrün

 

Stolz rollte der rötliche Cison seine Wogen und Galiläas grüne Berge begannen sich mit Schnee zu bedecken, als Joachim und Anna ihr Kind Maria nach Jerusalem in den Tempel brachten und Gott aufopferten. Dort, wo sie die schönsten Jahre ihres Lebens zugebracht hat, betet Maria für ihren Vater, dessen Willen sie immer gehorchte, betete sie für die, die sie geboren hat, am Morgen, wenn die Sonnenstrahlen die fernen Berge Arabiens vergoldeten und Abends, wenn der Ruf der priesterlichen Posaunen von den Zinnen des Tempels erschallte. Nach einigen Jahren verlor Maria ihre geliebten Eltern. Weinend stand sie an ihrem Sterbebett, aber ruhig, denn kein Vorwurf quälte ihr Herz. In diesem Herzen wohnte ja eine Tugend, die sie in ihrem Leben nicht im Geringsten verletzte, die Tugend der kindlichen Liebe.

Diese Tugend wollen wir heute betrachten in ihrem Sinnbild dem Immergrün.

Das Immergrün schlingt sich an Mauern und Wänden empor und umklammert sie fest. So soll das Herz des Kindes an seinen Eltern hängen in Liebe treu und fest. – Als die Missionare zu den Eingeborenen von Westozeanien kamen, fanden sie, dass fast allen ein oder der andere Finger oder die Hand fehlte. Verwundert darüber fragten sie nach der Ursache und erfuhren, dass dies lauter Opfer der kindlichen Liebe seien. Sehen sie Vater oder Mutter in Todesgefahr schweben, so hauen sie sich ungesäumt einen Finger ab. Wird der Kranke nach diesem Opfer nicht gesund, so verstümmeln sie sich aufs Neue und hauen bei jeder Gefahr wieder ein neues Glied weg, so dass sie oft allmählich alle Finger und zuletzt die Hand selbst abhauen. – Und dies, liebe Christen, sind Eingeborene, sind Heiden, so groß ist die kindliche Liebe bei Völkern, denen nur die Natur lehrt, ihre Eltern zu lieben, wie groß und stark soll sie erst bei euch sein! – Euch lehrt der Glaube, die Eltern zu lieben. Euch lehrt die Religion die kindliche Liebe. Euch fordert Gott selbst dazu auf: Du sollst Vater und Mutter ehren. Euch ermahnt die Heilige Schrift an unzähligen Stellen zu dieser Liebe! – Es ist unmöglich, so vielen Beweggründen zu widerstehen, umso unmöglicher, als selbst ein Blick auf die Tiere zur kindlichen Liebe ermahnt. Diese sorgen nämlich für ihre Alten mit einer Liebe, die oft bis zu Tränen rührt. – Und die Vernunft, zwingt sie euch nicht mit unwiderstehlicher Gewalt, die Eltern zu lieben. Zähle, wenn du kannst, die Schmerzen deiner Mutter, bis sie dich geboren und unter wieviel Tränen und Sorgen sie dich großgezogen hat! – Zähle, wenn du kannst, die Mühen und Beschwerden deines Vaters, bis er dich so weit gebracht hat, seine schlaflosen Nächte, seine kummervollen Tage, die vielen Entbehrungen, die er deinetwegen erduldet hat! – Und das Beispiel Jesu Christi, wie er seine irdischen Eltern geliebt hat, Maria und Josef, soll es dich nicht begeistern zur kindlichen Liebe! –

Das Immergrün blüht blau, blau ist des Himmels Farbe, des Himmels, der unser ewiger Lohn ist. So belohnt die kindliche Liebe ein irdischer und ein himmlischer Segen. Denn keinem Gebot ist ein irdischer Segen verheißen, als dem vierten: Ehre Vater und Mutter, auf dass du lange lebst und es dir wohl gehe auf Erden. Keinem aber folgt auch schneller die Strafe Gottes, wenn es übertreten wird. Der Segen der Eltern befestigt dein Haus, sagt die Heilige Schrift, ihr Fluch reißt es von Grund aus nieder. – Wenn du deinen Eltern in einer wichtigen Sache nicht gehorchst, wenn du ihnen in einem Punkt, der dein Seelenheil betrifft, Kummer und Tränen verursachst, so hast du jedes Mal, du weißt es, eine Todsünde begangen. Doch das ist nicht alles. Diese Sünde zieht wie keine andere den Fluch Gottes, sein Wehe, das an mer als 30 Stellen in der Heiligen Schrift ausgesprochen ist, auf dich herab. Verflucht ist die Speise, die dich nährt, verflucht ist der Trank, den du trinkst, verflucht das Haus, das du bewohnst, verflucht die Arbeit, die du tust, verflucht das Kind, das du erzeugst, verflucht die Kinder deiner Kinder! Denn wenn es je, sagt der heilige Augustinus, eine zweite Erbsünde gibt, so ist es die Sünde gegen das vierte Gebot, die sich forterbt von Geschlecht zu Geschlecht in ihren furchtbaren, entsetzlichen Folgen. Auf Erden wirst du keinen Frieden mehr finden. Unglück und Elend wird dein tägliches Brot sein und wenn du auch im Wohlstand lebst, es wird dir nur zum größeren Verderben sein. Denn der Fluch, der dich trifft, ist nicht der Fluch eines Menschen, der Fluch deiner Eltern, der Fluch eines Priesters, - es ist der Fluch des allmächtigen Gottes. Der Gott, der gesagt hat: Es werde! – und es wurden Himmel und Erde; derselbe Gott, der gesprochen hat: Ich bin es! – und die Soldaten fielen wie tot zu Erde; dieser Gott spricht: Sei verflucht! – und zweifelst du, ob dieser Fluch dich trifft? – Dein eigenes unglückliches Herz gibt dir darauf die Antwort. – Vaterkummer, Muttertränen, sie brennen heiß und tief die ganze Ewigkeit, sie werden eure glühendsten Flammen, eure feurigsten Kohlen in der Hölle sein! – Darum ermahne ich euch mit dem Apostel: Kinder, liebt eure Eltern, denn dieser Liebe folgt ein doppelter Lohn, ein irdischer Segen: Frieden im Herzen, denn kann es einen tröstlicheren Gedanken geben in diesem Tränental, einen Gedanken, der dir das Leben angenehm macht und das Sterben ruhig, als diesen, deine Eltern nie schwer betrübt zu haben, und ein himmlischer Segen: Die ewige Seligkeit! –

Das Immergrün bleibt Sommer und Winter grün und so sollst du deine Eltern lieben im Sommer ihres Lebens und im Winter ihres Todes, die lebenden, wie die verstorbenen mit gleicher Liebe verehren! – Von den Eingeborenen der Felsengebirge Amerikas schreibt ein Missionar, dass wenn ihre Eltern sterben, sich die Kinder mit scharfen Messern und Muscheln den Leib zerschneiden. Nur schwach würde ihnen der Verlust empfunden scheinen, wenn er nur Tränen allein entlockte, er muss auch mit Blut beweint werden; je tiefer die Einschnitte, desto kräftiger das Zeugnis, dass die Liebe aufrichtig war. Ein ungeheurer Schmerz, sagen sie, kann nur durch weite Wunden entweichen. Liebe Christen! Das sind Eingeborene, Ungläubige, Heiden, wie groß soll erst unser Schmerz beim Tod der Eltern, unsere Liebe gegenüber den Verstorbenen sein? – Viele von euch haben die Eltern schon begraben, habt ihr sie nicht beweint mit bitteren Tränen, die der heilige Augustinus das Blut der Seele nennt, hat ihr Verlust euer Herz nicht tief verwundet! – Wie? – Was kann mir den Mut geben, euch ein so hartes Wort zu sagen, einen so bitteren Vorwurf zu machen? – Haben Vater und Mutter vor ihrem Tod euch nichts gesagt, hat euch ihr brechender Blick, wenn auch ihr Mund zu schwach war, es auszudrücken, nichts empfohlen und ans Herz gelegt, haben sie euch, wenn ihr nicht an ihrem Sterbebett wart, nichts sagen lassen in die Ferne, in die Fremde? O diese letzte Bitte: fromm und gut zu bleiben, dieser letzte Wunsch: Gott zu lieben und keine Sünde zu begehen, dieser letzte Willen: den Weg der Tugend zu gehen, - - wie viele, ach, wie viele haben ihn vergessen! – Wenn heute so manche Mutter, so mancher Vater aufstehen würden aus ihrem Grab und würden sehen ihr Kind, das statt ihren letzten Wunsch zu erfüllen, in Sünden dahinlebt, o wie schnell würden sie wieder in ihr Grab zurückkehren bereuend ihre Liebe, die sie für dieses Kind gehabt und mitnehmend ihren Segen, den sie ihm noch am Sterbebett gegeben! – O könnte ich, wie ich wollte, ich würde sammeln den Staub und die Asche, die bleichen Gebeine eurer Eltern und würde sie vor euch aufstellen und bestreuen damit jene Wege des Leichtsinns und der Sünde, die ihr geht. O dieser furchtbare Schmuck würde euch abschrecken von der Sünde, ins Gedächtnis rufen den letzten Willen eurer Eltern und aufs Neue befestigen die Liebe zu ihnen.

O allerseligste Jungfrau Maria, du herrliches Vorbild der kindlichen Liebe, lass blühen in unseren Herzen die Blume Immergrün, dass wir Vater und Mutter lieben, ihnen gehorchen, ihre Fehler mit Geduld ertragen, sie im Alter und in der Schwachheit unterstützen, dass wir für unsere verstorbenen Eltern beten, ihren letzten Wunsch durch ein christliches Leben erfüllen, durch Tugend sie im Grab noch ehren, um einst mit ihnen im Himmel auf ewig wieder vereint zu werden. Amen.

 

Du Maria hast von Herzen

Deine Eltern heiß geliebt,

Standst an ihrem Sarg voll Schmerzen,

Weil ihr Tod dich tief betrübt.

 

Keinem lass die Tugend fehlen,

Deren Bild das Immergrün,

Nein es soll in unsern Seelen

Stets die Kindesliebe blüh’n. –