XII. Maiandacht - Feuerlilie

 

Eine Blume von demselben Namen und derselben Gestalt, wie wir sie schon einmal betrachtet haben, nur von anderer Farbe wollen wir heute der Muttergottes weihen. Eine Lilie, aber wegen ihrer feuerroten Farbe, Feuerlilie genannt. Ihr Sinnbild liegt in ihrem Namen, es heißt: Willst du eine Lilie sein, d.h. rein und unversehrt, so musst du durch das Feuer geprüft werden. Die Prüfungen des Lebens sind das Bild der Feuerlilie. Gibt es wohl ein Geschöpf auf Erden, das mehr und schwerer geprüft wurde, als Maria? – Sie deren innere Leiden, wie die heiligen Väter sagen, alle Peinen der Martyrer zusammen übertroffen haben! – Wie einst die heilige Kunigunde unversehrt über glühende Kohlen ging, so ging Maria glorreich durch das Feuer aller Prüfungen hindurch und blüht nun als schönste Lilie am Thron Gottes im Garten des himmlischen Paradieses! – Liebe Christen, wie die Prüfungen des Lebens verschieden sind, so sind auch die Versucher verschieden, diejenigen, die die Prüfungen uns bereiten.

Es versucht uns Gott. Ihr staunt! – Und ich wiederhole, Gott versucht uns, denn es heißt von ihm im Buch Mose: Gott versucht euch, damit es offenbar werde, ob ihr ihn liebt oder nicht! – War nicht der Baum im Paradies eine Versuchung Gottes für die ersten Menschen, um ihren Gehorsam zu prüfen. Und prüfte der göttliche Heiland nicht selbst seine liebe Mutter auf der Hochzeit zu Kana: Frau, was habe ich mit dir zu schaffen, meine Stunde ist noch nicht gekommen! – So versucht Gott den Menschen, aber zu seinem Heil. So schickt er dem Leichtsinnigen eine Krankheit, dass er ernster werde und in sich gehe. So lässt er dem Stolzen eine Demütigung zu, dass er seinen Hochmut erkenne. So nimmt er dem Reichen seine Habe durch Brand, um ihn von der Anhänglichkeit an das Irdische loszureißen. So nimmt er dem Glücklichen ein Glied seiner Familie, dass er im Glück auf sein ewiges Heil nicht vergesse und an den Tod denke. – Aber ach, die wenigsten Menschen halten diese Prüfungen aus, diese Versuchungen des barmherzigen Gottes, um unsere Tugend zu bewähren. Und über die meisten Christen könnte der Herr weinend rufen, wie einst über die Stadt Jerusalem: Ach, wenn du doch erkannt hättest, was dir zum Frieden dient, nun aber werden böse Tage über dich kommen, weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast! –

Der zweite Versucher des Menschen ist der, den die Heilige Schrift den Verführer und den Lügner von Anbeginn, die listige Schlange, den giftigen Drachen, den gefallenen Engel, Satan oder Teufel nennt. Denkt, liebe Christen, wie der göttliche Heiland in der Wüste vierzig Tage durch Gebet und Fasten sich auf sein Lehramt vorbereitete und der böse Feind zu ihm trat und ihn durch Versuchungen der Sinnlichkeit und des Hochmutes zum Fall bringen wollte, daran denkt und dann wird es euch nicht mehr wundern, dass der heilige Paulus die Epheser ermahnt: Zieht an die Rüstung Gottes, dass ihr stehen könnt gegen die Listen des Feindes! – dass der heilige Petrus sagt: Seid nüchtern und wachet, denn euer Widersacher, der Teufel, geht herum wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen könne. – Gott prüft uns zum Heil, der Teufel aber versucht uns immer zum Verderben, reizt uns zur Übertretung der göttlichen Gebote, zur Unterlassung unserer Pflicht. Da heißt es fest stehen und die Mittel gewissenhaft anwenden, die uns die Geisteslehrer in diesem Kampf anempfehlen.

Gott sieht dich in dieser Versuchung und Legionen Engel sind bereit dir beizustehen. Du kämpfst zur Ehre Gottes. Gott wird dich nicht verlassen, gewiss nicht! – Dieser Gedanke wird dir Mut machen.

Gott wird dich nie über deine Kräfte versuchen lassen. Keine Versuchung des Teufels ist so groß, dass sie nicht überwunden werden könnte. Mit der Versuchung wächst die Gnade, und wenn Gott für uns ist, wer kann dann wider uns sein?

Die Tugend ist etwas Hohes, Erhabenes, darum muss sie teuer erkauft werden.

Sei immer beschäftigt, dann hörst du die Stimme des Versuchers nicht. Einen arbeitenden Menschen versucht ein Teufel, einen Müßiggänger tausend. – Suche dich selbst recht kennen zu lernen. Wenn man aus zwei Steinen Feuer schlagen will, sieht man genau, wo die schärfste und spitzeste Seite ist, weil man da am ehesten Feuer bekommt. So macht es der schlaue Feind. Er spioniert die sogenannte schwache Seite eines Menschen aus und da packt er ihn, da greift er ihn an und versucht ihn. Es kommt daher alles darauf an, dich dort recht verteidigen und festmachen zu können.

Das Universal-Mittel aber gegen die Versuchungen des Teufels ist das Gebet, weil wir uns dadurch mit Gott vereinigen, der unüberwindlich ist. Wacht und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt!

Auch die Welt versucht den Menschen ihrer Bestimmung nach, denn sie ist ja nichts anderes als ein Prüfungsort für uns (!) und ihrer Lage nach, denn sie ist ja von Gott verflucht uns soll uns nur Disteln und Dornen tragen. Diese Disteln und Dornen sind ihre Versuchungen, Reize und Fallstricke, in die sie den Menschen zu seinem Untergang verwickelt! – Ihr feinstes Gift ist die Anhänglichkeit an sie! Ach wie viele edle christliche Seelen gehen durch diese Liebe unter, bezaubert von den Reizen ihrer Natur, verblendet von dem Gold und Silber der Erde, berauscht von ihren Freuden, vergessen sie über der Welt die Ewigkeit, ihr ewiges Heil und gehen verloren! – Und wie viele Menschen sendet sie aus, die ihre Mitmenschen zum Bösen versuchen durch schlechte Grundsätze, durch eigenes böses Beispiel, durch Verführungen in den verschiedensten Formen und Gestalten! – Gefiele es Gott, uns die Augen zu öffnen, wie er sie einst dem heiligen Antonius geöffnet hat, so würden wir die ganze Welt voll ineinander verschlungener Fallstricke erblicken und mit jenem Heiligen ausrufen: Wer wird, o Herr, all diesen Schlingen entgehen? – Deshalb gehen auch so viele Seelen verloren, denn von zehn Schiffen, die auf dem Meer fahren, sagt der heilige Bernhard, geht kaum eins zugrunde, aber von zehn Seelen, die auf dem Ozean dieses Lebens fluten, wird kaum eine gerettet! – Ja, dieser Heilige hat Recht, wenn er sagt, dass wenn uns in diesem Leben nicht die Hoffnung auf ein zukünftiges Leben bliebe, diese Welt sich kaum von der Hölle unterscheiden würde. – Darin liegt aber auch das kräftigste Mittel, den Versuchungen der Welt zu widerstehen. Zum Himmel das Auge, dann wird die Schönheit der Welt uns nicht betören. Zum Himmel das Herz, dann werden alle Geschöpfe, alle Dinge der Welt uns nicht mehr fesseln. O wie ekelt mich de Welt an, wenn ich den Himmel betrachte, sagt der heilige Ignatius.

Es gibt aber noch einen Versucher. Seine Prüfungen jedoch sind, wie die des Herrn, zum Heil unserer Seele. Dieser ist kein anderer als die vielgeprüfte, schwer heimgesuchte, größte Dulderin Maria. Die allerseligste Jungfrau, die am allerbesten weiß, wie unaussprechlich herrlich nach der dunklen Nacht der Prüfung die Sonne des ewigen Lebens scheint, wie kräftig die Liebe durch das Feuer der Versuchung wird, prüft unsere Liebe und Andacht zu ihr, unser Vertrauen auf sie durch verschiedene Proben. Du kennst einen großen Sünder, auf den nichts mehr einen Eindruck macht, um den sich niemand mehr bekümmert. Du weißt, dass Maria die Zuflucht aller Sünder sei. Wirst du die Prüfung bestehen, für ihn zu ihr zu beten oder nicht? – Es gibt einen recht hilflosen Kranken, um den sich kein Mensch kümmert. Da spricht es in deinem Herzen: O welch eine Freude könnte ich da Maria machen! Wirst du die Prüfung bestehen oder nicht? – Es ist ein wunderherrlicher Maitag, die Sonne scheint und die Natur mit tausend Stimmen lockt dich ins Freie. Da läutet die Glocke zur Maiandacht, wohin wirst du folgen? – Es bittet dich ein recht Armer um ein Almosen. Du hast selbst nicht viel und hast schon viel gegeben. Etwas könntest du freilich noch geben, wirst du die Prüfung bestehen? – Da erzählt uns der Verfasser des Zeitalters Leo X. folgende Geschichte. Carlo Dolce war von armen Tagelöhnerleuten zu Siena in Italien das jüngste Kind. Die Eltern konnten ihm nichts geben, als eine christliche Erziehung. Besonders pflanzte seine Mutter eine große Liebe zu Maria in sein junges Herz. So wuchs er zum jungen Mann heran und verdiente sich mit Zeichnen kümmerlich sein Brot. Da kam er einst nach Florenz und als er die Straßen dieser großen Stadt durchstreifte, begegnete ihm ein alter Bettler und bat ihn im Namen der Muttergottes um ein Almosen. Tiefgerührt griff er in die Tasche und fand ein einziges Geldstück. Er zauderte, ob er es hergeben sollte, denn es war sein letztes, sein Ein und Alles. Er hat mich im Namen Mariens gebeten und Ihr kann ich nichts abschlagen, darum gebe ich es mit Freuden hin und wenn ich auch jetzt verhungern muss. Hierauf trat er in die nahestehende Kirche ein und von einem Gefühl der seligsten Ruhe durchdrungen, weil er Maria seine Liebe durch ein so schweres Opfer beweisen konnte, kniete er sich nieder vor dem Muttergottesaltar und weinte Freudentränen. In dieser Kirche aber wurde gerade die Decke von den ersten Malern Italiens erneuert, ihr Meister Domenico Giotti saß gerade hoch auf dem Gerüst, da sah er diesen jungen Menschen. Seine Andacht gefiel ihm, er stieg herab, redete mit ihm, nahm ihn zu sich und lehrte ihm die Malerkunst, in der es der junge Mensch in kurzer Zeit so weit brachte, dass er der erste Künstler und größte Maler seiner Zeit wurde. Besonders aber wurde er Meister in Muttergottesbildern, die er mit einer Majestät, Anmut und himmlischer Hoheit darstellte, dass alle davon hingerissen wurden und noch jetzt seine Gemälde zu den höchsten Preisen gesucht werden.

O himmlische Feuerlilie, allerseligste Jungfrau Maria, erflehe uns die Gnade, dass wir deine Prüfungen und die Prüfungen Gottes zu unserem Segen benützen und den Versuchungen des Teufels und der Welt siegreich widerstehen, damit wir durch diese Feuerprobe geläutert gleich Lilien rein und unversehrt erfunden werden mögen am Tag des Gerichtes! Amen.

 

Die Feuerlilie warnt

Vor des Versuchers List,

Der, weil er böse ist,

Die Seele uns umgarnt!

 

Die Feuerlilie mahnt

Den Reiz der Welt zu flieh’n,

Die uns an sich will zieh’n

Durch der Verführung Hand.

 

Die Feuerlilie spricht:

Maria prüfet schwer,

Ja, es versucht der Herr,

Ob treu wir unserer Pflicht.

 

O Herr lass uns besteh’n

Der Prüfung Feuerglut,

Uns unverletzt und gut

Als Lilien daraus geh’n!