X. Maiandacht - Balsamine

 

Der heilige Ephräm besuchte einst den Einsiedler Julian in der Wüste und fand zufällig in seinem Buch den Namen Jesus und Gott überall ganz verdorben und ausgelöscht. Und als er um die Ursache fragte, antwortete ihm Julian: Die große Büßerin Magdalena hat die Füße Jesu Christi mit Tränen benetzt, und ich großer Sünder befleiße mich den Namen Jesus mit Tränen zu benetzen! – O Reueträne, ruft der heilige Laurentius Justiniani aus, dein ist die Macht, dein ist die Herrschaft! – Und der heilige Chrysostomus spricht: Deine Sünden sind im Buch aufgeschrieben; weine, und sie werden ausgelöscht, vergieße Tränen, und die Schrift verschwindet, so groß ist die Gewalt der Träne! Die Träne der Reue! Das Sinnbild der Reue ist die Blume Balsamine, ein liebliches, schönes Gewächs von verschiedenen Farben; - in den verschiedenen Ständen, in allen Gemütern soll die Reue herrschen; eine Blüte ohne Geruch – da, wo Reue über die Sünden, ist der Duft der ersten Gnade hinweg; eine Blume, die immer begossen werden will, es stets feucht und nass haben muss – der Quell der Tränen ist das Leben der echten und wahren Reue.

O wie hat David geweint über seine Sünden, wie er selbst sagt: Waschen will ich mein Lager jede Nacht mit meinen Tränen! – Wie hat Petrus geweint, von dem es heißt: Und er ging hinaus, und weinte bitterlich. Wie hat Pachomius geweint, dessen Tränen noch die ersten Strahlen der Morgensonne schauten! Wie hat Margarita von Cortona geweint, die blind zu werden drohte wegen der Menge der Bußtränen! – Und ihr, liebe Christen? – „Ja, wir sind keine Sünder!“ – Wie, dann müsst ihr nicht wissen, was eine Sünde für eine Beleidigung Gottes ist! Sie ist der größte Undank, der größte Ungehorsam, das größte Unglück! – Wenn wir durch eine Lüge die ganze Welt bekehren könnten, wir dürften es nicht tun. Rursum crucifigentes, spricht der Apostel, eine neue Kreuzigung Christi ist die Sünde! – Der heilige Augustin klagt sich an, dass er bei Speise und Trank eine gewisse Lust nicht unterdrückte; er klagte sich mit nassen Augen an, dass er manchmal beim Psalmengesang größere Freude an der Melodie als an der Bedeutung der Worte fand; er klagte sich an, dass er einst einem Hund, der einen Hasen verfolgte, und ein anderes Mal einer Spinne, die Mücken fing, mit einer gewissen Freude zugesehen hatte; er klagte sich an, dass er sich eines Tages wegen des schönen Wetters zu viel gefreut habe – und wir? – Wir bereuen die Todsünden unseres Lebens nicht, nicht die lässlichen Sünden, die durch den Leichtsinn, womit wir sie begehen, durch die geringe Mühe, mit der wir sie zu meiden suchen, durch ihre zahllose Menge zur großen Schuld erwachsen; denn wo ist unsere Reue, wo unsere Tränen!

„Ja, wir können nicht weinen!“ – Du musst darum bitten, denn Reuetränen sind eine Gnade Gottes, eine Gabe des Himmels, weshalb die heilige Kirche ein eigenes Gebet um die Gabe der Tränen verfasste, eine Litanei, und wenn der heilige Ludwig beim Beten dieser Litanei zu den Worten kam: O Gott, verleihe uns den Quell der Tränen, hat er andächtig gebetet: O mein Herr, ich wage nicht um einen Quell der Tränen zu bitten, verleihe mir nur einige Tropfen, dass ich die Dürre meines Herzens erquicke! – Und wenn dir auch Gott die Gabe der Tränen versagt, die vom Herzen den Kummer nehmen und von der Seele den Schmerz; wenn auch dein Auge nicht weinen kann, so lass doch wenigstens dein Herz weinen durch einen tiefen Reueschmerz dein Leben lang, denn die Beleidigung eines ewigen Gottes sühnt nur eine lebenslange Reue; sie soll dein Leben durchschimmern wie ein roter Faden in ein weißes Linnengewebe gewirkt; sie soll sich äußern durch beständiges Gebet um Verzeihung der Sünden, durch rastloses Bestreben die Sünden durch Abtötung und gute Werke zu tilgen, durch ein fortwährendes Gefühl des Schmerzes und der Trauer, durch Bußtränen; dann wird dein Herz der Balsamine gleichen und das Mutterherz Mariens erfreuen. Aber wie, liebe Christen, dürfen wir denn die Blume Balsamine, das Sinnbild der Reue, Maria weihen, ihr, die nie eine Sünde begangen, also auch nichts zu bereuen hatte? – Dennoch, weil sowohl ihr göttlicher Sohn, als sie, die Tugend der Reue überaus geliebt haben und sie hoch belohnen! –

Dreimal verleugnete Petrus den Herrn: Ich kenne ihn nicht, und er bestätigte es noch mit einem Schwur. Da sah ihn der göttliche Heiland mit einem Blick an, der wie ein Blitz, aber wie ein Blitz des Erbarmens, das Herz des Apostels durchdrang. Er ging hinaus, und weinte bitterlich, und beweinte, wie die heiligen Väter sagen, sein ganzes Leben diese Sünde, so dass sich in seinen Wangen Furchen zogen vor Bitterkeit seiner Bußtränen. Hat ihn der Herr nun nicht mehr geliebt? – Noch viel mehr; seine Reue, die eben so groß war wie seine Sünde, war der Magnet, der das göttliche Herz in Liebe anzog und fesselte. Er machte ihn zum Haupt der Kirche, zum ersten Apostel, er übergab ihm die Schlüssel des Himmelreiches, er erhob ihn zum Felsenmann, an dem alle Wogen sich brechen, und den die Pforten der Hölle nicht überwältigen sollten.

Groß war die Sünde Magdalenas, aber von jenem Augenblick an, wo sie mit Bußtränen die Füße des Herrn benetzt und er ihr selbst gesagt: Deine Sünden sind dir vergeben, wie zärtlich liebte sie der Herr, wie durfte sie stets an seiner Seite sein, und wie erschien er ihr selbst noch nach seinem Tod! – Und nach dem Tod Christi nahm Maria sie auf in die Arme ihrer Mutterliebe, und Magdalena ergoss in ihr reines und erbarmendes Herz ihre Tränen und ihre Reue. Die unbefleckte Jungfrau hatte in ihre Arme, in ihr Herz die große Sünderin aufgenommen und pflegte auf dem fruchtbaren Boden, der so lange brach gelegen hat, die Blumen, die ihre Kelche dem Himmel erschließen. Magdalena, die Maria übers Meer nach Griechenland gefolgt war, durfte sterben in ihren Armen, und Maria beweinte sie, wie Jesus den Lazarus beweint hatte.

So wird die Tugend der Reue von Jesus und Maria geliebt, sollen wir sie deshalb nicht zur Tugend unseres Lebens machen, umso mehr, als ihr Lohn ebenso groß ist? –

Wenn der Sünder Buße tut über all seine Sünden und sie bereut, so werde ich all seiner Sünden nicht mehr gedenken, spricht der Herr. Größere Freude ist im Himmel über einen Sünder, der sich bekehrt, als über 99 Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. Was überwindet den Unüberwindlichen, was besiegt den Alles-Besieger, ruft der heilige Chrysostomus aus, es ist die Träne der Buße, es ist der Schmerz der Reue! Sieht diese der Herr, so kann er nur verzeihen! –

Der heilige Franz von Sales erzählt, dass zu seiner Zeit unter den Studenten zu Padua die böse Sitte geherrscht habe, dass sie bei Nacht bewaffnet durch die Straßen zogen und die Vorübergehenden mit einem „Wer da?“ anriefen. Wer ihnen nicht antwortete nach ihrem Sinn, war ihren Angriffen ausgesetzt. Ein Student, der über die Straße ging und diesen Zuruf unerwidert ließ, wurde getötet. Der Mörder flüchtete sich in das Haus einer Witwe, deren Sohn sein Mitschüler und Freund war, und bat die Frau, der er seine böse Tat bekannte, auf das Dringendste, dass sie ihn doch in irgendeinem Winkel ihres Hauses verbergen möchte. Die mitleidige Witwe verschloss ihn in ein verstecktes Kabinett. Nicht lange darauf brachte man ihren Sohn ermordet zu ihr. Wer sein Mörder war, dies war ihr gleich klar. Laut aufschluchzend ging sie zu ihm und sagte: Ach, was hat dir mein Sohn getan, dass du ihn so grausam ermordet hast? Als aber dieser hörte, es sei sein geliebter Freund gewesen, da brach er in lautes Weinen aus und statt diese gute Mutter um Verzeihung zu bitten, warf er sich ihr zu Füßen und beschwor sie, ihn den Händen der Gerechtigkeit auszuliefern, damit er eine so große Schuld öffentlich büßen könne. Die betrübte Mutter, eine wahre Christin, wurde von der Reue des jungen Mannes so ergriffen, dass sie sprach: Wofern er Gott um Verzeihung bitten und sein Leben bessern wolle, so würde sie ihn frei entlassen, was sie auch auf sein Versprechen hin tat.

Wenn das, liebe Christen, eine irdische Mutter getan hat, um wieviel mehr die himmlische, Maria, sobald wir als Beleidiger und Mörder ihres einzigen Sohnes durch die Sünde, reuevoll und zerknirscht zu ihrem milden und erbarmenden Herzen uns flüchten; sie verzeiht uns, zeigt uns aber an beim Gericht. Wie, beim Gericht? – Ja, beim Gericht der Barmherzigkeit! Sie tritt hin zum Thron des ewigen Richters, der zugleich ihr Sohn ist, und spricht: Um der Reue, um des Schmerzes, um der Tränen dieses Sünders willen, hab Erbarmen mit ihm und sei ihm gnädig – und der Herr verzeiht und belohnt auf die Fürbitte seiner Mutter diese Reue mit dem Himmel, und der reumütige Sünder wird in der Ewigkeit mit David singen: Die da säen in Tränen, sie werden in Frohlocken ernten, du hast mir verwandelt mein Weinen in Freude, zerrissen mein Trauerkleid und mich umgeben mit ewiger Wonne! –

O darum, geliebteste Mutter Maria, bewirke, dass unsere Herzen Balsaminen werden, Herzen, benetzt und befeuchtet von Tränen der Buße, erfüllt von einer Reue, die das ganze Leben dauert, so wahr und echt und tief, dass sie dein Mutterherz und das Herz deines göttlichen Sohnes zur Liebe und zur Belohnung bewegt. Amen.

 

O wie kostbar ist die Zähre,

Die aus Reu‘ entsteht,

Besser als die Engelsheere,

Kräftiger sie fleht!

Denn es hat die wahre Reue

Wunderbare Kraft,

Unserm Herzen sie aufs neue

Gottes Lieb‘ verschafft!

Öffne uns die Tränenquelle,

Himmelskönigin,

Zu des Paradieses Schwelle

Führt die Reue hin!