VIII. Maiandacht - Reseda

 

Karl IX., König von Frankreich, fragte einst den Dichter Torquato Tasso, wen er nach seinem Ermessen für den Glückseligsten halte? Tasso besann sich nicht lange, er erwiderte: Gott. Das weiß ein jeder, sagte der König, und dahin ging auch meine Frage nicht, sondern wer außer und nach Gott der Glückseligste sei? Da antwortete Tasso: Wer Gott am ähnlichsten geworden ist! – Die äußere Ähnlichkeit bewirken die gleichen Gesichtszüge; die innere Ähnlichkeit aber, die wir, liebe Christen, meinen, die Gleichheit des Willens. Wer daher will, was Gott will, wer seinen eigenen Willen mit dem göttlichen Willen ganz vereinigt, ist Gott am ähnlichsten. Das Sinnbild dieser Tugend der Ergebung in den göttlichen Willen ist die Blume Reseda, deren Name so viel wie: Lass dich nieder, gib dich zur Ruh, ausdrückt. Diese Blume ist ebenso bekannt, wie beliebt im Garten, wie im Zimmer, und haucht den süßesten, feinsten Wohlgeruch aus. O möchte auch ihre Tugend ebenso bekannt und von allen Christen geliebt und geübt werden! Zu diesem Zweck lasst uns sie näher betrachten; vor allem an Maria, die durch ihr Beispiel auch hier sich glorreich uns wieder zeigt.

Als der Erzengel Gabriel niederstieg vom Himmel, um ihr die Botschaft zu bringen, dass sie Mutter des Allerhöchsten werden sollte, in diesem Augenblick, wo Erde und Himmel sehnsuchtsvoll auf ihre Entscheidung harrten, sprach sie das Wort, wodurch sie das Menschengeschlecht mit erlöste: Mir geschehe, wie Du gesagt! – Und als sie unter dem Kreuz stand und ihr sterbender Sohn sie in Johannes der ganzen Menschheit zur Mutter gegeben hatte, sprach ihr siebenfach durchbohrtes Herz, wie der heilige Bonaventura so schön sagt: Mir geschehe, wie Du gesagt. Betrachtet das ganze Leben Mariens, ruft der heilige Bernhard, ihr werdet ihren Willen stets mit dem ihres Sohnes vereinigt finden.

Die Reseda ist unscheinbar, sie trägt ein unansehnliches, schlichtes Kleid; ebenso ist auch ihre Tugend mehr verborgen und weniger auffallend, denn sie ist im Innern des Menschen, hat im Herzen des Christen ihren Sitz, im Willen, der sich mit dem göttlichen Willen so vereinigt, dass aus zwei Willen nur einer wird. – Zur Ergebung gehört ein Kreuz. Alle Kreuze aber, die wir entweder abgebildet, oder in Wirklichkeit sehen, bestehen aus einem langen Balken und einem kleineren, kürzeren, der quer über den Hauptbalken gelegt ist. Will man aber z.B. aus einem hölzernen Kreuz, dass es kein Kreuz mehr sei, so darf man nur ganz einfach den Querbalken nehmen und ihn entweder auf oder neben den Hauptbalken in gerader Richtung legen, so bilden die Balken kein Kreuz mehr. Das Hauptholz stellt den Willen Gottes, das Querholz unseren Willen vor. So lange unser Wille schräg über den Willen Gottes liegt, also ihm entgegen ist, so haben auch wir ein Kreuz, das wir uns selbst gebildet haben, wenn wir aber kein Kreuz mehr wollen, so dürfen wir nur ganz einfach unseren Willen mit dem Willen Gottes vereinigen und unser Kreuz hört auf, ein Kreuz zu sein, da jedes Kreuz nur aus dem Nichtergebensein in Gottes Willen stammt. Daraus geht klar und deutlich die Notwendigkeit der Tugend der Gottergebung hervor, denn ohne Kreuz kann kein Mensch selig werden und wenn selbst Jesus Christus, als er die menschliche Natur angenommen hatte, diese Tugend uns zum Beispiel üben wollte, als er im Ölgarten Blut schwitzte und rief: Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch vorüber, doch nicht mein, sondern Dein Wille geschehe! Können wir seine Schüler und Jünger uns davon ausschließen? – Ja, wir müssen sogar ein Kreuz haben, denn ohne Kreuz gibt es gar keine Tugend. Nimm der Liebe das Kreuz und sie wird natürlich und menschlich; nimm der Hoffnung das Kreuz und sie erhebt sich nicht über die Erde; nimm der Demut das Kreuz und sie ist nichts als Eitelkeit; nimm der Stärke das Kreuz und sie ist nichts mehr als Schwachheit! – Eine Münze ist nicht gangbar, wenn sie nicht den Stempel eines Fürsten trägt; diese Gepräge sind so zu sagen die Wunden, die man ihr schlägt und die ihr den Wert geben. Hast du keine Wunden, so werden deine Tugenden ohne Verdienst sein, dein Geld wird nicht gangbar sein im Himmel, wenn es nicht den Stempel seines Fürsten, das Kreuz, trägt.

Die Reseda atmet einen herrlichen Wohlgeruch und wie der Duft gleichsam das Geschenk ist, das die Blumen für ihre Pflege dem Menschen verehren, so verleiht auch die Tugend der Gottergebung dem Christen viele Gaben, Gnaden und Geschenke.

Herzensfrieden; denkt an den Meeressturm. Wir gehen zu Grunde, riefen voll Angst die Apostel, Herr, hilf uns! Der Meister erhob sich und winkte mit seiner Hand – und die Wogen fielen und sanken und glätteten sich, die Regenströme versiegten, der Himmel wurde blau und die Sonne schien wieder. Dieser göttlichen Hand gleicht die Tugend der Gottergebung. Wie Du aus ganzem Herzen mit Mut im Kreuz sprichst: Herr, Dein Wille geschehe!, versiegt die Quelle der Tränen, verstummt der Mund der Klagen, hört auf das Pochen des Herzens – Frieden und selige Ruhe kehren wieder!

Gebetserhörung; der heilige Franz von Sales sagt: Ein einziges „Herr Dein Wille geschehe“ im Unglück gebetet, hat mehr Verdienst und Kraft und Wert als tausend Vaterunser zur Zeit des Glücks und der Ruhe.

Himmlischer Trost: kommt alle zu mir, die ihr mühselig seid und beladen, spricht der Herr, ich will euch erquicken, erquicken mit Trost, der alle Leiden versüßt. Welcher Trost mit Jesus dem Gekreuzigten auf einem Kreuz ruhen! Überall wo du Kreuze findest, wirst du Jesus daran geheftet sehen. Er wird mit dir vereint durch das Leiden und du wirst mit ihm vereint durch die Geduld. In dieser Vereinigung besteht die Glückseligkeit des Lebens. Er vereinigt sich mit den Heiligen durch die Freude, er vereinigt sich mit den Menschen durch den Schmerz.

Segen Gottes; in einem Haus, in einer Familie, in der ein Kreuz ist, da ist der Herr, der Spender alles Segens selbst; eine leidende Seele braucht nicht mehr um den Segen Gottes zu bitten, sie hat ihn im Kreuz. O möchten doch alle Christen den unendlichen Wert erkennen, der in einem geduldig ertragenen Kreuz ruht. Ein solcher Mensch, spricht der selige Egydius, gleicht einem Tabernakel, vor dem ich mich niederknien möchte, weil er den lebendigen Gott in sich verschließt. Ein Kreuz ist nichts anderes, als ein Brief des Herrn an die Seele, worin geschrieben steht: Ich liebe dich, ich segne dich!

Die Reseda ist grün; grün ist die Farbe der Hoffnung, des Vertrauens, des Mutes, nur der verliert alles, der den Mut verliert! – Was gibt uns aber Mut zur Gottergebung in Kreuz und Widerwärtigkeiten? – Die Art und Weise, wie wir unser Kreuz tragen sollen.

Die erste Weise lehrt uns eine Heilige. Die heilige Theresia sagt: Willst du dein Kreuz leicht tragen, so darfst du es nicht schleppen, sondern mit aller Kraft es emporhebend, musst du im Fluge damit dahineilen.

Die zweite Art lehrt uns ein Heide; jener hochgefeierte Weltweise Solon führte einen von Kummer niedergebeugten Freund auf den höchsten Turm der Stadt Athen und zeigte auf alle die herrlichen Paläste, Gebäude und Vorratshäuser der Kaufleute hinab und sprach: O wie viele Drangsale und Unruhen, wie viele Sorgen und Kümmernisse sind unter diesen Dächern verborgen!

Die dritte Weise lehrt uns die Erfahrung. Du wirst kein Haus finden, das so unglücklich wäre, dass es nicht an einem andern noch unglücklicheren sich trösten könnte.

Die vierte Art lehrt uns die Vernunft, die sagt: Warum betrübst du dich? Dein Übel ist nicht zu fürchten. Ist es klein, so ist es leicht zu ertragen; ist es groß, so kann es nicht andauern. Ein Übel, das heftig ist, kann nicht lange währen; wird es sonst nicht vertrieben, so muss es sich selbst unterliegen, es raubt entweder das Leben oder die Empfindung. Nur in der Hölle währt das Übel ewig. Die Zeit bringt alles zu Ende, ohne dass du daran denkst. Dein Schmerz kann nicht länger dauern, als dein Leben; ei, was ist das Leben gegen die Ewigkeit.

Die fünfte Weise lehrt uns die ewige Wahrheit Jesus Christus. Er spricht: Wer mir nachfolgen will, der nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Wunderbar, das Kreuz, das uns Leiden macht, ist gerade unser größter Trost. Seht Maria an, unter dem Kreuz schwiegen all ihre Klagen, verstummte all ihr Jammer, versiegten all ihre Tränen; sie war ja beim Kreuz. Dort suche auch du deinen Trost, beim Gekreuzigten, der dir vom Kreuz herab zuruft:

Wer mir nachfolgen will – wohin? – In die ewige Herrlichkeit, in das Paradies, in den Himmel, der trage mit Geduld sein Kreuz! Wer selig werden will, sei ergeben in Gottes Willen! Amen.

 

Mach mein Leben

Gott ergeben

O Maria, Mutter mein!

Lass mich tragen

Ohne Klagen

Und wie Du geduldig sein!