VII. Maiandacht - Tulpe

 

In herrlicher Farbenpracht erhebt sich die Tulpe auf einem festen geraden Stängel, umgeben von länglichen Blättern. Sie schließt sich zur Nacht und öffnet wenn die Sonne kommt ihren Kelch. Das einzige, was ihr fehlt, ist der Duft; doch wenn sie auch nicht den Geruchssinn ergötzt, erfreut sie doch das Auge durch ihr verschiedenfarbiges Kleid. Die Tulpe lässt sich in geistiger Beziehung mit dem Gebet vergleichen und wird daher für das Sinnbild dieser Tugend genommen.

Als der heilige Erzengel Gabriel der allerseligsten Jungfrau Maria die frohe Botschaft brachte, dass sie Mutter des Allerhöchsten werden sollte, fand er sie im Gebet begriffen; und so oft wir von Maria in der Heiligen Schrift lesen, finden wir, dass sie das Gebet geliebt habe. Schon als Kind übte sie sich in dieser Tugend, und als sie in den Tempel gebracht wurde, teilte sie ihr ganzes Tagewerk zwischen Gebet und Handarbeit; im häuslichen Kreis und in jener furchtbaren Leidenszeit Jesu Christi betete sie und holte sich im Gebet jene Kraft, die bewirkte, dass sie selbst unter dem Kreuz ihres Sohnes nicht wankte. – Unter Gebet empfing sie mit den Aposteln am Pfingstfest den Heiligen Geist und betend erwartete sie ihr Lebensende. Der göttliche Heiland liebte diese Tugend ungemein und schärfte sie uns ein mit folgenden Worten: Wachet und betet! – Man muss immerfort beten und nicht nachlassen. Betet ohne Unterlass. –

Niemand unter allen Geschöpfen aber folgte Jesus treuer nach als Maria. Mit Recht konnte daher der heilige Epiphanius den Ausspruch tun: das Leben Mariens war ein beständiges Gebet. – Auch wir sind verpflichtet zum Gebet, ja, es hängt unsere Seligkeit davon ab, die wir nur durch beharrliches Gebet erlangen. Wie sollen wir uns daher freuen, dass wir an Maria ein solches Beispiel haben, in deren Herzen die Tulpe blühte, die Tugend der Liebe zum Gebet und wie oft sollen wir es betrachten, um es nachzuahmen! –

Die Tulpe hat ihr Haupt nach oben gerichtet. Dies sinnbildet das Gebet, das nichts anderes ist, als eine Unterredung der Seele mit Gott; Gott aber ist der Seele das, was die Sonne der Natur ist, ihr Licht und ihre Wärme, ihr Leben. Darum wendet sich der Christ, wenn er betet, aufwärts zum Himmel, wo Gott weilt. Gott ist der König der Könige, der Herr der Heerscharen, darum betet der Christ mit Ehrfurcht und Andacht; Gott ist die ewige Liebe, der Vater der Güte, darum betet der Christ mit Liebe und Vertrauen. Und wäre unser Gebet immer von diesen zwei Flügeln der Ehrfurcht und Liebe, wie sie der heilige Bernhard nennt, umgeben, würde es stets sein Ziel erreichen und nie unerhört bleiben. Mit welcher Ehrfurcht bittet Maria ihren göttlichen Sohn bei der Hochzeit zu Kana und mit welch unerschütterlichem Vertrauen setzt sie ihr Gebet fort, als Jesus ihre Bitte nicht erhören zu wollen schien. Wie den Bäumen, Blumen und allen Gewächsen, sagt der heilige Chrysostomus, das Element des Wassers notwendig ist, ebenso notwendig ist uns das Gebet – denn wie jene sonst saftlos werden und verdorren, so wird auch unsere Seele ohne Gebet trocken und neigt sich, wie eine lange nicht befeuchtete Blume, abwärts, der Erde zu.

Die Tulpe öffnet sich, wenn die Sonne kommt, während sie sich zur Nachtzeit schließt; so öffnet sich die Seele, die das Gebet liebt, nur Gott und den himmlischen Dingen, legt nur auf sie Wert, hat nur für sie Empfindung und schließt sich sorgfältig vor der Nacht der Sünde und der Welt, die sie nur vom Gebet abhalten oder durch Zerstreuungen es ihr verleiden. So sehen wir Jesus Christus zum Gebet die Einsamkeit aufsuchen, ja er verließ selbst den Kreis seiner Apostel, wenn er beten wollte. Auch die allerseligste Jungfrau Maria finden wir allein im Tempel und zu Hause im Gebet und nur wenn die Pflicht des guten Beispiels oder der Nächstenliebe sie dazu aufforderte, verlässt sie die heilige Stille ihres Hauses. Willst du recht gut beten, sagt der heilige Franz von Sales, dann ziehe dich so viel als möglich von der Welt zurück, und mische dich besonders nicht in Dinge, die deinem Beruf fremd sind, denn je mehr du dich vor dem Gebet in unnützen Reden und Gedanken ausgießt, desto leerer und kraftloser wird dein Gebet und desto mehr hast du dabei von Zerstreuungen zu leiden. –

Die Tulpe prangt in den verschiedensten Farben und sagt uns dadurch, dass das Gebet zwar eins, aber die Gebetsarten verschiedene sein können. Die Geisteslehrer sprechen von verschiedenen Weisen des Gebetes und teilen es in mündliches und betrachtendes Gebet ein. Unter den mündlichen Gebeten nimmt den vornehmsten Rang das Vaterunser ein, das uns Jesus Christus selbst gelehrt hat, und der heilige Rosenkranz, den die Kirche mit so vielen Ablässen und Gnadenschätzen bereichert hat und den die Heiligen so gerne gebetet haben. Unter den betrachtenden Gebeten ist weitaus das nützlichste und verdienstlichste der heilige Kreuzweg, den wir umso mehr lieben sollen, als die allerseligste Jungfrau Maria selbst diesen Weg durch die Straßen Jerusalems betend und betrachtend gegangen ist. Dann gibt es noch Schuss- oder Pfeilgebetlein, die kurze Erhebungen und Aufblicke der Seele zu Gott sind; und das Gebet der guten Meinung, wodurch wir all unsere Werke, Arbeiten und Beschäftigungen heiligen und gleichsam in Gebet umwandeln können.

Besonders sollen wir uns aber merken die Ermahnungen zweier großer Heiligen unserer Kirche. Der heilige Franz von Sales nämlich sagt: In Trübsalen und Widerwärtigkeiten ist das allerbeste Gebet: Herr Dein Wille geschehe! – Der heilige Alphonsus empfiehlt vor allem das Bittgebet und sagt: Nach der heiligen Kommunion sollen wir um Demütigungen und alle Tage abends um die Beharrlichkeit im Guten beten.

O himmlische Tulpe, meine geliebteste Mutter Maria, in deinem Herzen glühte die Liebe zum Gebet und du übtest diese Tugend auf herrliche Weise in allen Lagen deines Lebens! Verleihe auch uns die Gnade, dass wir alle Tage besser erkennen die Hoheit des Gebetes, da es für einen Menschen keine größere Ehre geben kann, als mit seinem Gott reden zu dürfen. Lehre uns du selbst, o allerseligste Jungfrau, die rechte Art und Weise zu beten, denn du bist ja nach den Worten des heiligen Bonaventura die Lehrmeisterin des Gebetes; o könnten wir recht beten, dann würden wir auch die Wege der Tugend gehen, denn wer recht zu beten weiß, sagt der heilige Augustin, weiß auch recht zu leben. – Flöße uns eine recht große Liebe zur Einsamkeit und eine recht große Verachtung der Welt ein, damit uns keine Zerstreuungen mehr beunruhigen beim Gebet und es uns verleiden; und wenn du dann in unserem Herzen durch deine mächtige Fürbitte bei Gott eine große Freude am Gebet erweckt hast, dann werden wir gerne beten, jede freie Zeit dazu benützen, all unsere Handlungen durch Gebet heiligen und im Gebet unsere Ruhe und unseren Trost suchen und finden, wir werden dann mit der heiligen Dienstmagd Zitta sagen können: Jeder Mensch muss eine Freude haben und ich habe die meinige am Gebet. Amen.

 

Einer Tulpe gleicht die Seele

Jener Jungfrau ohne Fehle,

Die am Throne Gottes steht,

Weil sie liebte das Gebet.

Ein Gebet nur war ihr Leben,

Dahin ging ihr ganzes Streben,

Wo sie ging und was sie tat,

Immer sie gebetet hat. –

 

In verschiednen Liebesweisen

Pflegte sie den Herrn zu preisen,

Gleich der Tulpe himmelwärts

Hob sich stets ihr frommes Herz.

Niemals hörte man sie klagen,

Betend nur ihr Leid ertragen,

Bethlehem und Golgatha

Im Gebet Maria sah! –

 

O Maria uns erhöre,

Und uns recht zu beten lehre,

Bist die Meisterin im Gebet,

Drum das Herz zu Deinem fleht!

Lasse im Gebet uns üben,

Täglich mehr dasselbe lieben,

Mach zur Tulpe unser Herz,

Wend, wie sie, es himmelwärts! –