VI. Maiandacht - Rosmarin

 

Wer kennt nicht den lieblichen Rosmarin mit seinen vielen kleinen, saftigen Blättchen in dunkelgrüner Farbe und blauer Blüte, mit seinem durchdringenden Geruch und bitteren Geschmack? Er ziert den neugeweihten Priester beim ersten Opfer der heiligen Messe und die Braut am Hochzeitstag; er ist der letzte Schmuck, den man dem toten Jüngling, der verstorbenen Jungfrau mitgibt in den Sarg. In der Blumensprache bedeutet der Rosmarin den bußfertigen Sinn, die Abtötung, jene Tugend, die uns der göttliche Heiland mit den Worten empfiehlt: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz täglich auf sich und folge mir nach! –

Wir sind in Sünden empfangen und leben mehr oder minder beständig in Sünden und Beleidigungen Gottes dahin. Wir müssen also durch bußfertige Gesinnung und Abtötung den Himmel zu erringen suchen, der uns sonst nach dem Ausspruch des göttlichen Heilandes nicht zu Teil wird: Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle zu Grunde gehen. – Die unbefleckt empfangene Jungfrau Maria, die während ihres Lebens nie, auch nur den Schatten einer Sünde, beging, übte sich dennoch in dieser Tugend. Hingerissen von ihrer Schönheit wollte sie auch hierin uns zum Muster dienen und uns diese Tugend, die für uns zum Seligwerden notwendig ist, durch ihr Beispiel lieb und angenehm machen. In ihrem Herzen, in dem alle Blumen der Tugenden sprossten, blühte auch der Rosmarin lieblich empor, die Tugend der Abtötung.

Der Rosmarin hat eine dunkelblaue Blüte. Diese Farbe sinnbildet das Zeichen der Trauer und der Buße. So erzählt uns die fromme Sage von der heiligsten Jungfrau, dass man sie nie habe lachen gesehen; immer seien ihre Züge ernst gewesen und ihr Antlitz von wehmutsvoller Trauer erfüllt. Sie lebte stets zurückgezogen, fern jeder geräuschvollen Freude und öffentlichen Lustbarkeit. Nur ein einziges Mal wohnte sie nach den Worten der Heiligen Schrift einer Hochzeit bei, aber da nur an der Seite ihres göttlichen Sohnes und um eine Gelegenheit zur Ausübung der Nächstenliebe zu haben. O wie müssen wir uns schämen, wenn wir uns mit Maria vergleichen, die ohne Schuld und Sünde dennoch so sehr sich abgetötet und bußfertig gelebt hat? Wir, die wir Sünden auf Sünden gehäuft haben, können uns nichts versagen, in nichts abtöten und schaudern bei jedem auch dem geringsten Opfer, das der Herr von uns fordert, zurück! – Bitten wir die Muttergottes, dass wir durch ihre Fürbitte bei Gott, von nun an nicht mehr vergessen, dass wir ohne Buße nicht selig werden und enthalten wir uns nicht bloß von sündhaften Freuden, sondern versagen wir uns auch manchmal ein erlaubtes Vergnügen, einen unschuldigen Genuss Maria zu Liebe und zur Buße für unsere Sünden! –

Der Rosmarin hat an seinen Stängeln viele kleine Blättchen und so hat auch die Tugend der Abtötung verschiedene Weisen, vielfache Arten sie zu üben. Im Leben der allerseligsten Jungfrau Maria finden wir so viele Züge der Entsagung und Selbstüberwindung, dass wir ihr heiligstes Herz auch in dieser Beziehung mit dem Rosmarin vergleichen können. Um nur einiges anzuführen, so sehen wir hin auf Maria, wie gerne wäre sie mit Jesus gegangen, als er lehrend auftrat, sie aber blieb zurück, bis er sie rief. – Wie gerne hätte Maria nach dem Tod Jesu sich zurückgezogen und in gänzlicher Einsamkeit ihre Vereinigung mit Gott durch den Tod erwartet, sie aber tat es nicht und opferte ihr Verlangen dem Herrn, der sie an die Spitze seiner Jünger und Apostel zum Schutz seiner jung aufblühenden Kirche stellen wollte. Der heilige Franz von Sales sagt: Wie die Liebe erfinderisch ist, auf verschiedene Art dem geliebten Gegenstand die Liebe zu beweisen, so ist es auch der wahre Geist der Buße, der alle möglichen Weisen ersinnt, Opfer zu bringen und für die Sünden Genugtuung zu leisten. – O wären wir recht durchdrungen von unserer Sündhaftigkeit, auch wir würden auf vielfache Art die Abtötung üben, umso mehr, da sich täglich, ja stündlich Gelegenheiten dazu genug bieten. Wie oft könnten wir im Reden und Sehen, im Essen und Trinken, im Schlafen und Wachen uns überwinden! – Wenden wir uns an die allerseligste Jungfrau, dass wir durch ihre Hilfe die Kraft erhalten solche Opfer zu bringen und die Abtötung auf verschiedene Weisen zu üben. –

Der Rosmarin schmeckt bitter, hat aber für die Gesundheit heilsame Kraft in sich, weshalb er auch zu Arzneien verwendet wird. Wie reich ist jetzt das Mutterherz Mariens, das auf Erden die Bitterkeit der Buße und Abtötung so sehr verkostete, im Himmel belohnt! – Deshalb soll uns ihr Beispiel antreiben, diese Tugend fleißig zu üben und den Rosmarin der Abtötung in den Garten unseres Herzens zu pflanzen. Die Abtötung und Überwindung fällt zwar der menschlichen Natur beschwerlich und hart, ist bitter beim Genuss wie der Rosmarin, aber segensreich in ihren Folgen wie dieser. Durch die Bußfertigkeit löschen wir unsere Sünden aus und bereiten uns eine Herrlichkeit im Himmel, die an Größe und Wonne der Seligkeit der Unschuld gleichkommt. O selige Abtötung, rief der heilige Johannes vom Kreuz, die mir eine solche Herrlichkeit erwarb!

Wenn wir dein heiligstes, unbeflecktes Herz, o Maria, vom Rosmarin der Abtötung und Bußfertigkeit umblüht erblicken, so erwacht in uns die Sehnsucht, dir auch in dieser Hinsicht zu gleichen. Nimm daher, wir bitten dich, von unseren Augen die Binde, dass wir sehen das ganze Elend unserer Sündhaftigkeit. Lass uns hören immerfort das Donnerwort deines göttlichen Sohnes, dass wir ohne Buße nicht selig werden können. Durchdringe uns recht lebendig mit dem Gefühl, wie sehr auch die geringste Beleidigung Gottes das göttliche Herz Jesu verwundet und schmerzt. Dann werden wir wahrhaft bußfertig leben, auf verschiedene Art und Weise die Abtötung üben und im Hinblick auf den großen Lohn dieser Tugend, ihre Bitterkeit nicht fürchten! Amen.

 

Rosmarin, du willst uns lehren,

Dass wir abgetötet sind;

Nur durch Buße wiederkehren

Kann zu Gott das arme Kind!

 

In Maria selbst wir sehen

Der Abtötung frommen Sinn,

Die ohn jegliches Vergehen

Wandelte auf Erden hin!

 

Lasst nach ihrem Beispiel lieben

Diese Tugend immerhin,

Dass wir durch das Bußeüben

Blühen gleich dem Rosmarin.

 

Schon erkennen hier auf Erden

Dieser Tugend großen Lohn,

Bis wir durch die Buße werden

Seraphim an Gottes Thron!