V. Maiandacht - Lilie

 

Groß ist die Schönheit der Lilie, die ihren blendend weißen Kelch dem Himmel öffnet. Sie ist von vielen kleinen Blättern, die ihrem aufrecht stehenden Stängel entwachsen, rings umgeben und duftet einen überaus feinen und herrlichen Wohlgeruch aus. Selbst der göttliche Heiland Jesus Christus spricht von ihrer Pracht: Betrachtet die Lilien, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, sie spinnen nicht. Ich sage euch aber, auch Salomo in seiner ganzen Herrlichkeit war nicht angetan, wie deren eine. –

Fast bei allen Völkern und zu allen Zeiten wurde diese Blume als Sinnbild der Unschuld und Reinigkeit genommen und wirklich hat auch die Lilie so viele Beziehungen und Ähnlichkeiten mit dieser Tugend, dass sie mit Recht das Bild der Keuschheit genannt werden kann. Der heilige Ambrosius sagt in einer seiner Predigten: Wer wird nicht beim Anblick einer Lilie unwillkürlich an die Tugend der Reinigkeit erinnert, die in Maria am Herrlichsten erscheint und das vollendetste Abbild gefunden hat. Deshalb lässt man den Erzengel Gabriel mit einer Lilie in der Hand der allerseligsten Jungfrau erscheinen, um ihre jungfräuliche Reinigkeit anzudeuten, deshalb wird auch Maria stets mit einer Lilie in ihren Händen abgebildet, weil sie die allzeit reine, unbefleckt empfangene Jungfrau ist. Deshalb lässt eine fromme Legende selbst ihrem Grab Lilien entsprossen, die allein und sonst nichts die Apostel und Jünger in ihrem Grab finden.

Die Lilie ist weiß und ihr lichtes fleckenloses Kleid deutet auf die Reinigkeit jener Seele, die im Stand der Unschuld sich befindet. Maria, sagt der heilige Epiphanius, ist die schönste Lilie im Garten Gottes, denn ihr Herz war nie von einer Sünde befleckt. Sie hat niemals eine wirkliche Sünde begangen und wie unser heiliger Glaube lehrt, war sie auch frei von der Makel der Erbsünde, da sie unbefleckt empfangen wurde. – Wir arme Menschenkinder sind weder unbefleckt empfangen, noch haben wir unser Leben ohne Sünde zugebracht. Ach in wie vielen Herzen ist die Lilie der Unschuld und Taufgnade, der Reinigkeit beschmutzt, zerknickt und verblüht! – Fassen wir doch wenigstens jetzt den festen Vorsatz, ein reines Leben zu führen, die Sünde der Unreinigkeit recht zu hassen, an Maria und allen unschuldigen Seelen auf Erden die Tugend der Keuschheit hochzuverehren und nach allen Kräften dahin zu trachten, dass wieder der Sinn für ein reines und keusches Geschlecht in allen Gemütern lebendig erwache.

Die Lilie erhebt sich hoch über der Erde und will uns gleichsam damit sagen, dass die Tugend der Reinigkeit nur fern den Menschen, fern dem Getümmel, Freuden und Lüsten der Welt gedeihe. So sehen wir auch die allerseligste Jungfrau von Jugend auf, außer in ihrem elterlichen Haus, nur im Tempel bei Gott oder an der Seite ihres göttlichen Sohnes; sie flieht die Welt, nur mit wenigen gleichgesinnten Seelen hat sie Umgang, gleichwie die Lilie nur von den Blättern umgeben ist, die ihrem eigenen Stamm entwachsen, so hat auch Maria nur ihren Jesus und den heiligen Joseph, Johannes, die heilige Magdalena, die Apostel und Jünger um sich, lauter Seelen, die mit ihr eines Herzens und eines Sinnes waren. Wenn wir dies Beispiel betrachten, so müssen auch wir die Welt und besonders ihre gefährlichen Freuden und Vergnügungen meiden, die so oft der Unschuld Fallstricke legen und sie allmählich mit dem Gift der Unreinigkeit vertraut machen. Nur die seien unsere Freunde und Vertrauten, durch deren Umgang wir in der Tugend erstarken und in der Liebe zur heiligen Reinigkeit mehr und mehr befestigt werden.

Die Lilie duftet einen herrlichen Wohlgeruch aus; und auch hierin ist sie ein Bild der Keuschheit, denn diese Tugend steigt wie ein lieblicher Wohlgeruch zum Himmel empor und erquickt das göttliche Vaterherz so, dass er den reinen Seelen einen ganz besonderen Lohn verheißt mit den Worten, sie werden dem Lamm folgen, wohin es immer geht, sie werden ein neues Lied singen, das niemand singen kann als sie; selig sind die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott anschauen. Aber auch auf Erden wurde der göttliche Heiland angezogen von dem Wohlgeruch dieser schönsten Tugend, indem er sich die reinste Jungfrau zur Mutter, den keuschen Joseph zum Pflegevater, den engelreinen Johannes zum Freund und unschuldige Kinder zu seinen liebsten Geschöpfen erkor. Von der allerseligsten Jungfrau Maria erzählen die heiligen Väter, dass man sie nur betrachten und anschauen durfte, um zur Liebe zu der heiligen Reinigkeit entflammt zu werden und wenn wir sie jetzt in der Ewigkeit als Königin des Himmels und der Erde erblicken, so müssen wir gestehen, dass ihre unbefleckte Reinigkeit ebenso unaussprechlich groß gewesen sein muss, als groß ihr Lohn und ihre Herrlichkeit nun ist. – Ein neuer Beweggrund, die Reinigkeit zu lieben, weil sie uns liebenswürdig vor Gott und den Menschen macht und auf unsere Mitmenschen den segensreichsten Einfluss übt und weil sie uns im Himmel den höchsten und den größten Lohn erwirbt. –

Von der unaussprechlichen Liebenswürdigkeit deiner heiligen Reinigkeit angezogen und entflammt, sind wir entschlossen, o allerseligste Jungfrau, von nun an dir mit keuschem Leib und reinem Herzen zu dienen. Keine Tugend aber ist schwerer zu bewahren, als die Keuschheit und nirgends sind die Versuchungen heftiger, die Gelegenheiten vielfacher, die Fallstricke mehr, als in dem Kampf um die Reinigkeit. O himmlische Lilie, mache durch deine mächtige Fürbitte bei Gott unsere Herzen zu Lilienbeeten, die mitten unter Dornen unversehrt sich erhalten und dein Mutterherz licht und fleckenlos umblühen. Vermehre in unseren Herzen täglich mehr den Hass und Abscheu gegen die Unkeuschheit und entzünde uns von Tag zu Tag glühender mit heiliger Liebe und großer Wertschätzung der Reinigkeit; denn nur was man liebt, sucht man zu erhalten und fürchtet man zu verlieren. Amen.

 

O Jungfrau, lilienreine,

Gib mir den keuschen Sinn,

Dass ich im Tugendscheine

Stets eine Lilie bin! –

Du reinstes Herz verleihe

Auch mir die Reinigkeit,

Dass keine Sünd entweihe,

Was ich Dir hab geweiht!

 

Du Jungfrau, ohne Fehle,

Ganz ohne Makel schön,

O blick auf meine Seele

Herab von Deinen Höhn!

Lass keinen Eingang finden

Das Laster in mein Herz,

Die Liebe nur solls zünden,

Die brennet himmelwärts! –

 

O lass mich alles fliehen,

Wo diese Tugend stirbt,

Und immer nur nachziehen,

Dem, was sie mir erwirbt!

Lass mich in Freud und Schmerzen

Nur für die Keuschheit glühn,

Und einst an Deinem Herzen

Als Lilie mich blühn!