IX. Maiandacht - Passionsblume

 

Der Name und die Gestalt der Passionsblume deuten auf das, was sie sinnbildet, auf das Leiden Christi. Ihr weißes und violettes Kleid zeigt die Trauer und den Schmerz an; die fünf Finger in ihrer Mitte, das fünffache Blatt erinnern an die fünf Wunden Jesu Christi. – Das Herz Mariä gleicht der Passionsblume. Seitdem Simeon die prophetischen Worte zu ihr im Tempel gesagt: Und ein Schwert wird deine Seele durchdringen, konnte sie in Wahrheit sprechen: Und mein Schmerz ist immerdar vor meinem Angesicht. Wenn sie ihr göttliches Kind in die Arme schloss, dachte sie, wie einst die Henker ihr es nehmen werden; wenn sie es küsste, durchzuckte wie ein Schwert der Gedanke an den Kuss des Verräters ihre Seele; wenn sie das Kind einhüllte in die Windeln, war es ihr als ob sie die Bande, Stricke und Ketten sähe, womit einst die Juden ihren Heiland fangen und binden werden; wenn sie seinen Schlaf bewachte, sah sie im Geist das Kreuz, die letzte aber blutige Ruhestätte ihres Sohnes. So war das Mutterherz Mariens einer Passionsblume gleich. Sie fühlte das Leiden Jesu, als er noch nicht wirklich litt; aber als er es angetreten hat, ging sie mit ihm und als er es vollendet, betrachtete sie es.

Es gibt einen zweifachen Kreuzweg. Den einen müssen wir gehen, liebe Christen, den anderen sollen wir gehen.

Als Jesus sein Lehramt angetreten hatte, entsagte auch Maria ihren still häuslichen Gewohnheiten und folgte ihrem Sohn auf seinen Reisen nach. Sie verließ ihr friedliches Heim, um des Verfolgten Geschick zu teilen, um seinen gesegneten Fußspuren zu folgen, während er den Juden das Evangelium verkündete. Nach vielen Leiden und Schrecken zog die heilige Jungfrau schließlich mit ihm in die Unglücksstadt, um dort die letzten Ostern zu feiern. Sie hörte den Jubelruf des Volkes bei seinem Einzug: Hosanna dem Sohn Davids! Aber über die Palmen, die sie ihm streuten, blickte Maria hinweg tränenden Blickes nach Nordwesten in die Richtung des Kalvarienberges. Dem Dornengekrönten, blutig gegeißelten, mit dem Kreuz beladenen Sohn folgte die Mutter durch die Straßen Jerusalems nach und begegnete ihm. Welch ein Begegnen! – Johannes und Magdalena hatten gewiss alles getan, um die Mutter von Golgatha zurückzuhalten, aber ihre Bitten waren vergeblich. Maria raffte sich zusammen und begann den steilsten Abhang des Kalvarienberges zu erklimmen, nun hatte sie erreicht das Schmerzensziel ihrer traurigen Wallfahrt. Dort hörte sie ihren Sohn, wie er ans Kreuz genagelt wurde, und kalter Schweiß bedeckte ihre Stirn. Dort sah sie ihren Sohn am Kreuz sterben und wie versteinert vor Schmerz stand sie regungslos darunter. Vom Kreuz herabgenommen begleitete sie seine Leiche bis zur Grabeshöhle, in die man ihn versenkte und der letzte Blick, der hinabfiel, ehe der Stein das Grab bedeckte, war der Mutterblick Mariens.

Unser Weg durch dieses Leben, was ist er anderes als ein Kreuzweg? – Unsere erste Stimme, das Weinen, zeigt deutlich, dass wir ein Tränental betreten und unser letzter Kampf am Sterbebett beweist, dass wir ein Jammertal verlassen. Ein Kreuzweg ist unser Leben mit unendlich mehr Stationen, als vierzehn, Armut, Krankheit, Verachtung, Zurücksetzung, Undank, Hauskreuz, innere Leiden, körperliche Schmerzen und wie das ganze Heer von Elend heißt, das uns das Leben verbittert! – O selig, wenn du auf deinem Kreuzweg, sagt der heilige Bernhard, Jesus nachgehst, wie Maria ihrem göttlichen Sohn nachgegangen ist; selig, wenn Maria dich durch dieses Leben begleitet. In Jesus wirst du Kraft, in Maria Trost finden.

Nur ein einziges Wort von Jesus reichte hin, um der heiligen Magdalena, die am Auferstehungsmorgen traurig und tiefbetrübt den Garten durcheilte, allen Schmerz und Kummer zu nehmen. Maria, sprach der Meister in Gestalt des Gärtners zu ihr. Sie sah empor, erkannte ihn und Jubel, Wonne, Seligkeit und Lust in ihrer Seele, eilte sie zu den Aposteln und Jüngern, die frohe Botschaft ihnen zu bringen. Pilger auf dem Kreuzweg, christliche Seele, schlag auf die Heilige Schrift, ein einziges Wort aus Jesu Mund wird Kraft zum Leiden dir geben. Kommt zu mir alle, die ihr mühselig seid und beladen, ich will euch erquicken.

Der Umgang mit einer schwer geprüften Seele gibt uns im eigenen Leiden wunderbaren Trost. Darum sollst du oft auf deinem Leidensweg, sagt der heilige Bernhardin von Siena, bei Maria einkehren, an ihrem siebenfach durchbohrten Herzen anklopfen, denn da wirst du einen Trost finden, den du bei allen Menschen auf Erden vergeblich suchst! –

Als Maria fühlte, dass der Herr sie bald abrufen werde von dieser Welt, wollte sie noch einmal das Land der Heimat, die Stätte der Erlösung, begrüßen. Sie reiste mit Johannes von Griechenland wieder nach Palästina und in Jerusalem angelangt, durchwandelte sie seine Straßen, das Richthaus des Kaiphas, den Weg nach Golgatha, alle Plätze, durch das Leiden ihres Sohnes geheiligt, erstieg noch einmal den Kalvarienberg, wo ihr Sohn uns bis zum Tod geliebt hat und betrachtete im Geist die ganze Leidenszeit Jesu Christi!

Der heilige Franz von Assisi begehrte von Gott zu wissen, was er von ihm am liebsten hätte. In diesem Eifer schlug er das Messbuch auf und das aufgeschlagene Blatt zeigte die Worte an „Passio domini nostri Jesu Christi – das Leiden unseres Herrn Jesus Christus“, woraus sein liebeglühendes Herz verstand, dass Gott nichts lieber ist, als die Betrachtung des Leidens Christi.

O so gehen auch wir, liebe Christen, den zweiten Kreuzweg recht oft und gerne, den Kreuzweg, dessen Betrachtung in vierzehn Stationen die heilige Kirche mit so vielen Gnadenschätzen, Ablässen und Segnungen bereichert hat; den Kreuzweg, den unsere gute Mutter Maria zuerst betend und betrachtend gegangen ist. Glaubt nicht, dass dies nur eine Übung für die Fastenzeit sei, nein, wie das ganze Leben Christi auf Erden ein Leidensleben war, so sollen auch wir oft im Leben den Weg seiner Leiden im Geist gehen. Die Erinnerung an das bittere Leiden und Sterben Jesu Christi soll unser erster Gedanke am Morgen, unser letzter am Abend sein, jeden Tag sollen wir uns eine Station, irgendein Leiden des Herrn, sein Gebet am Ölberg, oder seine Dornenkrönung oder seine Geißelung herauswählen und öfter am Tag daran denken. Ein Kuss auf das Kruzifix bei unserem Bett soll unser Morgensegen, eine Empfehlung in die heiligen fünf Wunden unser Nachtgebet sein.

Wenn wir es so machen, so wird unser Herz einer Passionsblume gleichen und wenn diese Blume auch keinen Geruch hat, so atmet doch ihre Tugend die Betrachtung des Leidens Christi einen himmlischen Duft aus und bereichert unsere Seele mit ewigen Schätzen. Der heilige Bonaventura sagt: Man kann Gott kein angenehmeres Opfer, noch den Engeln größere Freude, der heiligen Dreifaltigkeit größere Ehre bringen, als sich täglich in der Betrachtung des Leidens Christi üben. Albertus Magnus spricht: Ein Christ, der auch nur eine kurze Zeit mit herzlicher Anteilnahme an das Leiden Christi denkt, hat mehr Verdienst, als ein anderer, der ohne diesen Gedanken sich bis aufs Blut geißelt, bei Wasser und Brot fastet, oder den ganzen Psalter betet. – Diese Leiden betrachten, sagt der heilige Bernhard, nenne ich Weisheit, in ihnen finde ich die Reichtümer des Heils und die Fülle der Verdienste, aus ihnen schöpfe ich bald heilsame Bitterkeit, bald den süßesten Trost. –

O darum, himmlische Passionsblume, allerseligste Jungfrau Maria, lass uns wie du den Kreuzweg unseres Lebens mit Jesus geduldig gehen und den Kreuzweg des bitteren Leidens und Sterbens Jesu Christi oft und gerne beten und betrachten. Wie einst der gottselige Venturino von Bergamo sich in seinen Ring alle Leidenswerkzeuge Christi stechen ließ und die Worte: Mein Wappen und mein Zeichen soll sein das Kreuz des Herrn, so lass uns mit unauslöschlichen Zügen ins tiefste Herz eingraben: Jesus Christus, für uns gelitten, für uns gekreuzigt, für uns gestorben! Amen.

 

Drücke deines Sohnes Wunden,

Seine namenlose Pein,

So wie Du sie hast empfunden

Tief in meine Seele ein!

Lass sie immer vor mir schweben,

Daran denken stets mein Herz,

Christi Leid wird meinem Leben

Mildern auch den größten Schmerz.