IV. Maiandacht - Brennende Liebe

 

An einem festen hellgrünen Stängel befinden sich kleine Sternblumen, die sich stets in einer gewissen Anzahl zu einer Blume vereinigen. Wegen ihrer brennend roten Farbe, wird die ganze Blume die Brennende Liebe genannt und für das Sinnbild der Liebe genommen.

Wenn es je eine Liebe auf Erden gab, die ebenso wahr und echt, als heiß und glühend gewesen ist, so war es keine andere, als diejenige, die im unbefleckten Herzen Mariens brannte. Von ihr sagen die Heiligen, dass sie an Liebe zu Gott alle Seraphim übertroffen habe und dass die Liebe aller erschaffenen Wesen, mit der ihrigen verglichen, verbleichen müsse, wie die Sterne, wenn die Nacht verschwindet und die Sonne am Himmel erscheint. Daher bezieht die heilige Kirche mit Recht die Worte auf Maria: Ich bin die Mutter der schönen Liebe, und stellt sie uns als Muster und herrlichstes Vorbild der Gottesliebe zur Nachahmung vor. Wie Maria in allen Tugenden glänzt, so ganz besonders in der, die der heilige Apostel die höchste nennt, „von diesen dreien aber ist die größte die Liebe“; weshalb sie auch der heilige Bonaventura auf treffliche Weise als Königin der Liebe begrüßt.

Die Brennende Liebe hat eine hochrote Farbe und sinnbildet dadurch das Feurige, das Flammende der Liebe. Jene Lebendigkeit, die sich von keinem Hindernis abschrecken lässt, jene Begeisterung, der nichts zu schwer und zu hart fällt, jene Glut der Liebe, die der Sturm am meisten anfacht, die im Unglück am glänzendsten sich zeigt. Und wo ist diese Liebe mehr zu finden, als in dem heiligsten Herzen Mariens? – Betrachten wir nur die Mutter, wie sie im Stall zu Bethlehem ihr neugeborenes Kindlein liebt, es zärtlich umfängt, sorgfältig beschützt und in die Windeln hüllt, indem sie nach den Worten des heiligen Bernhard all ihre Mutterliebe hineinwindet! – Und betrachten wir sie unter dem Kreuz, wie sie von ihrem Kind nicht weicht, sondern liebend bei ihm bleibt, damit wenigstens dies, dass sie ihn nicht verlässt, ihn tröste in seinen namenlosen Qualen! So müssen wir gestehen, dass eine Liebe, die in ihrem Anfang schon so glühend und feurig gewesen und im Tod noch so heiß und flammend war, Wahrhaft eine Brennende Liebe genannt werden und jene Blume nur mit dem Mutterherzen Mariens verglichen werden kann. So sollen auch wir Gott lieben oder wenigstens, da wir dies erhabene Vorbild nie erreichen können, danach streben es nachzuahmen. Nicht bloß mit Worten, die wir aus einem Gebetbuch lesen, oder schönen Gefühlen, die wir bisweilen, aber nur vorübergehend empfinden, sollen wir den Herrn lieben, nein, unsere Liebe soll heiß sein, uns ganz durchglühen, vor keinem Hindernis zurückbeben und uns gleichsam drängen, für den Herrn Großes zu tun. Die Liebe Christi drängt uns. –

Die Brennende Liebe hat Blüten in Gestalt von kleinen Sternen und kann auch in dieser Beziehung mit der heiligen Gottesliebe verglichen werden, die einem Stern gleich ins Dunkel des Lebens hereinglänzt. So war für die allerseligste Jungfrau Maria die Liebe jener Stern, nach dem sie ihr ganzes Leben richtete und nach dem sie schaute in jedem Unglück. Wie einst die Heiligen Drei Könige ein Stern zu Jesus Christus hinführte, so führte auch sie die Liebe gleich einem Stern immer wieder hin zu ihrem göttlichen Kind. Auch uns wird die Liebe zu Gott ein Stern sein, der uns nicht vom rechten Weg abirren lässt, uns in der Nacht des Unglücks tröstet und den Weg zu Jesus in den Himmel finden lässt. Die Nachfolge Christi sagt: Wer Gott von ganzem Herzen liebt, wird im Glück nicht übermütig und im Unglück nicht verzagt werden.

Die Brennende Liebe hat immer viele Blüten zu einer Blume vereinigt und ebenso enthält die Liebe zu Gott vielerlei Arten, verschiedene Weisen, die Liebe zu zeigen. Wir sehen die heiligste Jungfrau ihre Liebe zu Jesus äußern, wie sie für seine Nahrung und Kleidung sorgt, wie sie ihn auf allen Reisen begleitet, wie sie diejenigen mit Liebe umfängt, die auch dem göttlichen Heiland lieb und teuer waren. So sollen auch wir auf verschiedene Weise zeigen, dass in unserem Herzen die Liebe zu Gott brennt und glüht. In den Armen sollen wir Jesus speisen und kleiden, in seinen Kirchen und Altären sollen wir ihn schmücken und zieren; in jenen Menschen, die er besonders liebt, in den Priestern und allen tugendhaften Christen sollen wir ihn lieben, indem wir ihnen unsere ganze Liebe und Verehrung schenken! –

Mit diesem Wunsch wenden wir uns an dich, o allerseligste Jungfrau Maria, denn dein Herz glich ja in Wahrheit der Brennenden Liebe; nur einen Funken dieser Liebesglut teile uns mit und auch unsere kalten, liebeleeren Herzen werden jener Blume gleichen und von Liebe Gottes brennen. Was könnte uns dann noch fehlen in diesem Tränental, wenn wir durch deine mächtige Fürbitte bei Gott in Liebe zu Ihm entbrennen, jeder Schmerz würde entfliehen, jeder Zweifel schwinden und dies Leben nach den Worten des heiligen Antonius ein Himmel auf Erden sein.

Lasse uns nicht umsonst bitten, du himmlische brennende Liebe und erhöre unser Flehen! Amen.

 

Wenn immerfort mir bliebe

Die Liebe glühend heiß,

Glich ich der Brennenden Liebe,

Der Zier im Blumenkreis.

 

Durchglühe meine Triebe

Durch Deine Liebesglut,

O Königin der Liebe,

Erfrische meinen Mut!

 

Dass ich in allen Weisen,

Wie es nur möglich ist,

Gott kann die Lieb beweisen,

Die meine Brust umschließt.

 

Dass ich entbrenn in Liebe

Für meinen Gott und Herrn,

Dass ich ihn nie betrübe,

Ihn immer habe gern!