I. Maiandacht - Maiglöckchen

 

Eine der ersten Blumen des Frühlings ist das Maiglöckchen, das gleichsam der Welt das Scheiden des Winters verkündet und alle Blumen aus der Erde ruft. Es ist eine schöne Blüte mit großen länglichen Blättern und trägt an ihren Stängeln eine Menge kleiner, schneeweißer Glöckchen, die überaus wohlriechend sind.

Keine unter allen Blumen passt besser auf den ersten Tag des Mai, als diese, weil das Maiglöckchen das Sinnbild der neuerwachten Andacht, der frischaufblühenden Liebe ist. Der Monat Mai ist aber der Liebe zu Maria, ihrer Andacht, ihrer Verehrung geweiht und obwohl nach den Worten des heiligen Bernhard unser ganzes Leben der Gottesmutter gehören soll, soll doch im schönsten Monat des Jahres unsere Liebe zu Maria am glühendsten und unsere Andacht am lebendigsten sich zeigen! –

Darum sollen wir am heuteigen Tag anfangen zu rufen mit dem Priester am Altar: Sursum corda! Hinauf die Herzen! Und diesen Ruf alle Tage dieses Monats öfters wiederholen, um unseren Blick hinauf zu richten zu Jesus, der auf dem Schoß seiner Mutter ruht; unser Herz mit all seiner Liebe hinauf zu wenden zu Maria, die in diesem Monat, wie in keinem anderen, Gnaden spendet und verbreitet. Rufen wir ihr zu mit dem Engel: Sei gegrüßt, Du Gnadenvolle! Denn wenn die Menschen dieser Erde jenen Gruß erwidern, wird wohl die allerseligste Jungfrau unsere Grüße unerwidert lassen? – Nein, sie wird uns danken und ihr Dank, sagt der heilige Epiphanius, ist eine Gnade! – Je öfter wir dies tun, desto mehr wird dieser Monat ein wahrer Frühlingsmonat für uns werden, in welchem die schönsten Blumen heiliger Tugenden unserem Herzen entblühen.

Das Maiglöckchen läutet und so ruft die heilige Kirche die Gläubigen auf, im Monat Mai Maria auf besondere Weise zu verehren und zu lieben. Diese fromme Andacht ist am Ende des 18. Jahrhunderts in Rom entstanden und hat sich seitdem in der ganzen katholischen Welt verbreitet, besonders weil die Päpste, angefangen mit Papst Pius VII. am 21. März 1815, sie jeweils gebilligt und großzügig mit Ablässen begnadigt haben. Alle Christgläubigen, welche während des Monats Mai allein oder gemeinsam mit anderen ein Werk der Gottseligkeit zur Ehre der göttlichen Mutter verrichten, gewinnen für jeden Tag einen Teilablass und einmal, wenn sie nach würdigem Empfang der heiligen Sakramente für die Angelegenheiten der Kirche beten, einen vollkommenen Ablass. Der kann als Gnadenschatz auch den armen Seelen im Fegfeuer zugewendet werden. – Werden wir diesen Gnadenruf der heiligen Kirche überhören?

Das Maiglöckchen läutet und so ruft uns das Beispiel so vieler Verehrer Mariens zur Maiandacht. Beim Beginn dieses Monats knien Tausende in ihren Häusern im Kreis ihrer Familien vor dem mit Blumen geschmückten Bild Mariens und verehren mit inniger Liebe die Muttergottes, wetteifern Tausende in Ausschmückung ihrer Altäre und ziehen täglich in großen Scharen den Ihr geweihten Kirchen zu. In Spanien und Frankreich, in Italien und Deutschland vereinen sich die Gläubigen, um ihre Mutter zu loben. Ja, über das Meer hinüber in jenen Ländern, wo man erst seit einigen Jahren den Namen Maria kennt, bei jenen Völkern, die sich früher vom Fleisch ihrer besiegten Feinde nährten, erschallen in diesem Monat Lobgesänge zu Ehren Mariens und vermischen sich mit dem Brausen der Meereswogen, die jene Ufer bespülen! – Werden wir den Ruf so vieler Beispiele überhören? –

Das Maiglöckchen läutet und so ruft uns unser eigenes Herz zur Feier der Maiandacht. Mein Herz, sagt die heilige Katharina von Genua, ist ein verfluchtes Erdreich, das nur Dornen und Disteln trägt. Wir alle müssen ebenso sprechen, wenn wir unsere Lauigkeit, unsere geistige Schwäche, unsere so oft gebrochenen Vorsätze betrachten. Wer aber nimmt diesen Fluch hinweg? Wer anders, als Die, welche der Schlange den Kopf zertreten hat, als Die, in der alle Geschlechter gesegnet werden, Maria! Darum vergessen wir nie das Wort des heiligen Alphons: Willst du in der Vollkommenheit zunehmen und im Guten fest werden, geh zu Maria! Werden wir den Ruf unseres armseligen Herzens überhören? –

Nein, auch wenn diese drei Gründe uns nicht gegeben wären, aus freier Liebe, aus freiem Verlangen, weihen wir dir, o allerseligste Jungfrau, diese 31 Tage in besonderer Liebe und Verehrung. Mache durch dein Gebet unser Herz zu einem Maiglöckchen, weiß und licht durch eine reine Meinung bei dieser Andacht, klingend und läutend und selbst aus dem Schlummer der Trägheit und des Alltagslebens zu einer frischeren, glühenderen Liebe zu dir, klingend und läutend anderen durch unser Gebet und gutes Beispiel aus der Nacht der Sünde empor zu einem besseren Leben! – Gib, dass wir in Wahrheit ausrufen können mit der Braut im Hohenlied: Die Regenzeit ist vorbei, der Winter ist vorüber, der Frühling naht, und die Blumen fangen schon an zu blühen, der Frühling deiner Liebe und die Blumen aller Tugenden. Amen.

 

Maiglöckchen schon beginnen

Zu läuten weit und breit,

Dass wir Maria dienen

Jetzt in der Frühlingszeit!

Drum lasst auch ohne Weilen

Zur Mutter hin uns eilen,

Maria, Maria, o Maria!

 

Lass unser Herz im Maie

Ein Maienglöcklein sein,

Das selbst in Lieb erneue,

Sie andern läute ein! –

Dass alle Herzen klingen,

Dir jubilierend singen:

Maria, Maria, o Maria!

 

Der Monat Mai gehöre

Dir, Mutter, ganz allein,

Lad aller Engel Chöre

Und Menschen dazu ein!

Die ein und dreißig Tage

Für Dich das Herz nur schlage:

Maria, Maria, o Maria! –