Warum?

 

Warum, wenn milde Weste kosen,

Des Sturmes Drohn im Hintergrund?

Warum an allen Erdenlosen

Die Freude nur mit Schmerz im Bund?

Darum von Ahnung nur ein Schauer,

Von Wonne nur ein Silberblick?

Treu bleibt dem Herzen seine Trauer,

Und treulos flieht sein Glück zurück.

 

 

Errötend tritt ins Frühlingsleben

Der Rose süße Huldgestalt,

Von Träumen, die ihr Engel weben,

Von Liebesmelodien umwallt;

Doch kaum kann sie sich recht besinnen

Mit ihrer Seele, dornumhegt,

Ihr Traum und Seele schon von hinnen

Der Todesengel Fittig trägt.

 

Warum so kurzes Rosenleben?

So lang des Unglücks Seufzerbahn?

Beschwingt sieht man die Luft entschweben,

Der Jammer schleicht den Berg hinan.

Warum der flücht`ge Tag gegattet

Mit einer langen Winternacht?

Warum das Auge gramumschattet,

Das eben Seligkeit gelacht?

 

„Warum?“ – Warum des Undanks Frage?

Sie spricht der höchsten Güte Hohn.

Willst du an deinem Läut`rungstage

Die schlackenlose Freude schon?

Warum? so lass mich lieber fragen,

Willst du nicht, gottdurchglüht und still,

Das Ziel erstrebend, würdig tragen,

Was deines Schöpfers Meinung will?

 

Nimm mit Vertraun, was dir beschieden.

Und ringe mutig im Orkan;

Die schrecklichste Gefahr hienieden

Droht auf des Zweifels Ocean.

Nur in des Glaubens goldnem Kahne

Bist vor Versinken du geschützt,

Nicht in dem töricht-stolzen Wahne,

Der sich auf eigne Weisheit stützt.

 

Du darfst ja nur ein wenig warten,

Bis höhres Wirken dich beglückt,

Wie es, im hochgebauten Garten,

Als höhres Sein die Seele pflückt:

Dort in der Heimat unsrer Träume,

Die vorwärts winket und hinauf,

Blüht dir am heiligsten der Bäume

Auch aller Fragen Lösung auf!

 

Henriette Ottenheimer