Tod und Trennung

 

Tod ist nicht Trennung, denn der Glaube webt

Aus echtem Gold der Treue festes Band,

Das zieht vom Reich, wo frei die Seele lebt,

Sich unsichtbar durch dieses Pilgerland;

Das rauscht um teurer Wesen Grabeshügel,

An welchem schmerzbetaut das Auge weint,

Wie Harfenklang, wie freier Engelsflügel,

Verheißung: dass uns Liebe noch vereint.

 

Tod ist nicht Trennung; was des Herzens Glut,

Was warm und rein umfasst ein frischer Sinn,

Bleibt unverlierbar unser schönes Gut,

Zog es entfesselt auch zum Jenseits hin.

Wohl wandelt fern, auf ungesehnen Bahnen,

Das Herrliche in anderer Gestalt;

Doch wenn wir hoffnungsreich und gläubig ahnen,

Ist`s oft sein Hauch, der tröstend uns umwallt.

 

Tod ist nicht Trennung; reiches Leben reiht

Sich an die Stunde, die ein Auge schloss,

Und Treue nur ist`s, die das Dasein weiht,

Drum blüht sie schöner in des Himmels Schoß;

Drum kann der Tod Verbundenes nicht trennen,

Ob er auf Augenblick es auch entzieht;

Einst fühlen wir bei`m ewigen Erkennen,

Dass, was uns rein entflammte, fortgeglüht.

 

Henriette Ottenheimer