Stimme der Sehnsucht

 

Wenn im Traum des Kindes Brust sich hebt,

Wo Blumen und Sterne prangen,

Und aufwärts es mit den Händchen strebt

Aus den Armen der Mutter, die es umfangen:

Verstehst du nimmer, was aus dem Verlangen

Des schuldlos lächelnden Kindes spricht? –

Ach! kennst du die Stimme der Sehnsucht nicht?

 

Wenn die Orgel rauscht, die Gemeinde kniet

Zum Staube niedergebogen,

Begeistert sich hebt das fromme Gemüt,

Hinauf in die ewigen Räume gezogen:

Was ist`s, was dann aus des Busens Wogen

Von flammender Wange zu dir spricht?

Ach! kennst du die Stimme der Sehnsucht nicht?

 

Wenn die Vesperglocke des Lebens tönt

Und den Sturm im umnachteten Leben

Der nahe Engel des Todes versöhnt,

Dann die Schwingen der Seele empor sich heben:

Wie deutest du dann des Greises Streben,

das aus dem verlöschenden Auge spricht?

Ach! kennst du die Stimme der Sehnsucht nicht?

 

Und wie? ihr fraget, warum bis zur Gruft

Die Stimme nimmer geschwiegen?

Sie stärkt ja den ringenden Dulder und ruft

Empor ihn zu ewigen Palmen und Siegen.

Uns soll der vergängliche Staub nicht genügen,

Denn dort ist die Heimat, - auf Erden nicht:

Drum laut stets die Stimme der Sehnsucht spricht!

 

C. von Lengerke