SS. Annunciata

 

Du kennst im alten Juda

Das Städtchen Nazareth,

An dessen fernstem Ende

Das Häuschen, das dort steht.

 

Weißt, wer in dessen Stübchen

Die Tage zugebracht

In demutvoller Arbeit

Und im Gebet die Nacht;

 

Weißt, wer vor langen Jahren

An seiner Schwelle stand

Zu mitternächt`ger Stunde,

Im strahlenden Gewand;

 

Weißt, wie der Himmelsbote,

Der lichtbeschwingte, hieß,

Weshalb des Häuschens Herrin

„Gebenedeit“ er pries.

 

Du kennst die hohen Worte,

Die diese zu ihm sprach;

Darum auch von dem allem –

Erzähl` ich nichts dir nach.

 

Von einem Dom erzählen

Möchte` ich dir heut` so gern;

Das treue Bildnis birgt er

Der reinsten Magd des Herrn.

 

Das eine, wahre, echte,

Das ihre Züge trägt.

Wie sie des Himmels Engel

Dem Wandbild eingeprägt.

 

Im grauen Mittelalter,

Da ward der Dom erbaut,

Und hat man damals schöner

Wohl wenige erschaut.

 

Und die, die ihn erbauten,

Sind sieben an der Zahl,

Das waren arme Mönche

Und Heilige zumal. –

 

In Mühe, Fleiß und Sorge

Wuchs still die Kirch` empor,

Die sich der fromme Orden

Zum Heiligtum erkor.

 

Nun war sie fertig worden –

So Halle als Altar;

Da frug man sich: was stelle

Nun wohl das Hauptbild dar?

 

„Mariens Himmelsbildnis“,

Das stand bei allen fest,

Sie, die uns Herrin, Mutter,

Die niemals uns verlässt.

 

Doch nur, in welcher Weise,

Wie sei sie dargestellt,

Dass sie wie uns gefalle

So auch der Außenwelt?“

 

Ein Meister ward gerufen,

In seiner Kunst bewährt;

Dem ward, das Bild zu malen,

Die hohe Gunst gewährt.

 

Der Meister, wohl bereitet,

Geht an die Arbeit schnell

Und malt und schafft gar fleißig,

So lang der Tag nur hell.

 

Des Nachts dann denkt und sinnt er

Der edlen Arbeit nach,

Die seinen frommen Wünschen,

Wie keine noch, entsprach.

 

Schon in den hellen Wolken

Sieht man den höchsten Gott –

Und Gabriel, der erdwärts

Entschwebt auf sein Gebot. –

 

Schon kniet der an der Schwelle,

Demütig grüßend, hier,

Sein sanftes Antlitz lächelt

Gar lieb entgegen dir.

 

Auf breiter Lichtbahn gleitend,

Als Taube weiß und rein,

Zieht Gottes Geist von oben

Zur stillen Jungfrau ein. –

 

Schon wallt des Mantels Falte,

Schon sieht man das Gewand,

Den Fuß am Tafelboden,

Die zarte, schlanke Hand,

 

Das Buch, das sie, soeben

Noch betend, hingelegt

Und das auf seinen Blättern

Prophetenworte trägt. –

 

Man sieht, so hold und edel,

Die herrliche Gestalt,

Der Locken weiche Fülle,

Die d`ran hernieder wallt. –

 

- - Mit einmal hat`s ein Ende.

Das Bild, es steht und steht; -

Man sieht durch Tage, Wochen,

Dass nichts vonstatten geht. –

 

„Sag, Meister! was geschah dir?“

Manch einer zu ihm spricht.

„Der Jungfrau Himmelsantlitz –

Ich wag` daran mich nicht. –

 

So oft ich es auch plante –

Schnell wischt` ich`s wieder fort,

Ich kann und kann`s nicht treffen!

Darauf habt ihr mein Wort!“

 

„Du, der so fleißig betet,

Mit Beicht und höchstem Gut

Zur Arbeit stets sich stärkte,

Dich, dich verlässt der Mut?“

 

„Er hat mich schon verlassen –

Nicht kann ich weiter mehr“,

Spricht zagend leis` der Meister –

Und Blicke, Tränen schwer

 

Aus müdgewachten Augen

Hebt er zum Bild empor:

„Gib Schaffenskraft mir wieder,

Herr, heute wie zuvor!“

 

Schon senkt die Nacht sich nieder,

Der Meister geht zur Ruh,

Verhüllet dicht das Bildnis,

Schließt fest die Kirchtür zu.

 

- - -

 

Im Himmel oben hörte

Die Jungfrau dieses Fleh`n,

Sah hoch die Ideale

Vor seinem Geist ersteh`n;

 

Sie sah ihn schaffen, ringen

Nach dem, was unerreicht,

Gleich einem schönen Traume,

Der Seele stets entweicht.

 

So oft er es will bannen

Mit Farben an die Wand,

Entflieht das Ferngeschaute,

Erlahmt die sichere Hand.

 

Da zieht ein mild Erbarmen

In ihre Seele ein.

„Dir soll geholfen werden,

Du frommer Liebling mein!

 

Auch euch, ihr meine Diener,

Die ihr so treu mich liebt!

Nicht länger kann ich`s sehen,

Dass ihr euch so betrübt.“

 

- - Ein bittend Wort zum Vater,

Und sein Gewährungsblick,

Er wird zum frohen Bürger

Für vieler Seelen Glück.

 

Ein Wink von seinem Finger,

Und aus der Engel Chor

Tritt Gabriel, des Himmels

Erhab`ner Fürst, hervor.

 

„Heut! vor zwölfhundert Jahren,

Da sandtest du mich aus

Nach Nazareth zu gehen

In uns`rer Herrin Haus.

 

Du nur und ich alleine –

Wir haben es geseh`n,

Wie damals sie gewesen,

So hold, so tugendschön,

 

So demutvoll erhaben,

So still, und doch so hehr –

Als sie das Wort gesprochen, -

Kurz, aber inhaltschwer.

 

Ich hab` es nicht vergessen,

Wie schön sie damals war,

Von deinem Geist umschattet,

So hoch, so rein – so klar. –

 

Lass mich herniedersteigen

Auch in der heut`gen Nacht

Und rüste mich wie damals

Mit hocherhab`ner Macht;

 

So will ihr Bild ich schaffen –

So echt, so treu und wahr,

Damit die Menschheit wisse,

Wie schön sie ist und war;

 

Denn uns sind tausend Jahre

In dir kurz wie ein Tag.

Und was ich damals schaute –

Und was dazwischen lag,

 

Du weißt es, Herr, für uns ist`s

In dir, ein Augenblick;

Noch heut` schau ich`s wie damals

Mit ungetrübtem Blick.“

 

Gewährend nickt der Höchste,

Der Engel tief sich neigt –

Entfliegt; - ob Florenz`s Fluren

Er leise niedersteigt.

 

Ihm öffnen sich die Pforten

Der Stadt, des Domes Tor

Von selbst und schließen wieder

So fest sich wie zuvor;

 

Er schwebt zu dem Gerüste –

Und hebt den Vorhang ab,

Nimmt Pinsel und Palette –

Nimmt Farb` und Malerstab. –

 

- - Da ruft vom hohen Turme

Der Glocken eh`rner Mund

In mächtigen zwölf Schlägen –

Die mitternächt`ge Stund.

 

Die Stund, - in der, gerade

Sind es zwölfhundert Jahr

Und einige darüber, -

Gott – Mensch geworden war.

 

„Ave Maria!“ Heute,

Wie dort, der Engel spricht –

„Gratia plena!“ Helle

Erstrahlt sein Angesicht –

 

„Dominus tecum!“ „Höchste!

Du Gottes-Mutter! Braut!

Hilf mir dein Bild vollenden –

So, wie ich dich geschaut!“

 

- Und er hat es vollendet,

Noch eh` der Frührotschein

Des Muttergottesfestes

Zum Fenster blinkt herein –

 

Vollendet, wahr und treulich –

Dies Himmelsangesicht –

Doch wie – man kann es ahnen –

Erzählen kann man`s nicht.

 

Am Festtagsmorgen eilet

Der Meister neugestärkt

Zu dem verlass`nen Bilde –

Noch immer nichts er merkt.

 

Doch als den Vorhang hebend

Er betend aufwärts sieht –

Fasst Schwindel seine Sinne,

Fasst Wonne sein Gemüt. –

 

Mit einem Ruf, der jubelnd

Hin durch die Kirche schallt

Und in der Väter Herzen

Gar mächtig wiederhallt,

 

Sinkt er auf`s Antlitz nieder,

Anbetend jene Macht,

Die Großes heut` auf`s Neue

Für uns hervorgebracht.

 

„Gott! nein! nicht Menschenhände –

Die sind das nicht im Stand!

Ein Engelsfinger malte

Dies Antlitz an die Wand!“

 

So ruft mit hellen Tränen

Im Aug` der Meister aus. –

O! Wunder! Wunder! Wunder!

Braust es durch`s Gotteshaus.

 

- - -

 

Sechshundert Jahre flossen

Ins Meer der Ewigkeit,

Seitdem dass dies geschehen. –

Und wie zu jeder Zeit

 

Die Meister sich auch mühten,

Das Bildnis, Zug für Zug,

Getreulich nachzuahmen,

Und wie sich klug genug

 

Der Neuzeit kühn` Erfinden

Sogar daran gewagt,

Nie wollt` es je gelingen,

Dem Fleiß, der unverzagt –

 

Der Kühnheit, die verwegen –

Ja selbst dem frömmsten Sinn,

Die Züge nachzubilden

Der Himmelskönigin.