O lieb`, so lang` du lieben kannst!

 

O lieb`, so lang` du lieben kannst,

O lieb`, so lang` du lieben magst.

Die Stunde kommt, die Stunde kommt,

Wo du an Gräbern stehst und klagst!

 

Und sorge, dass dein Herze glüht

Und Liebe hegt und Liebe trägt,

So lang` ihm noch ein andres Herz

In Liebe warm entgegen schlägt.

 

Und wer dir seine Brust erschließt,

O tu` ihm, was du kannst, zu Lieb,

Und mach` ihm jede Stunde froh,

Und mach` ihm keine Stunde trüb.

 

Und hüte deine Zunge wohl,

Bald ist ein böses Wort gesagt:

O Gott! es war nicht bös gemeint, -

Der andre aber geht und klagt.

 

O lieb`, so lang` du lieben kannst,

O lieb`, so lang` du lieben magst,

Die Sunde kommt, die Stunde kommt,

Wo du an Gräbern stehst und klagst!

 

Dann kniest du nieder an der Gruft –

Und birgst die Augen trüb und nass

- Sie sehn den andern nimmermehr –

In`s lange, feuchte Kirchhofgras.

 

Und sprichst: „O schau` auf mich herab,

Der hier an deinem Grabe weint;

Vergib, dass ich gekränkt dich hab`,

O Gott, es war nicht bös gemeint!“

 

Er aber sieht und hört dich nicht,

Kommt nicht, dass du ihn froh empfängst;

Der Mund, der oft dich grüßte, spricht

Nie wieder: „Ich vergab dir längst!“

 

Er tat`s, vergab dir lange schon,

Doch manche heiße Träne fiel

Und dich und um dein herbes Wort –

Doch still – er ruht, er ist am Ziel!

 

O lieb`, so lang` du lieben kannst,

O lieb`, so lang` du lieben magst,

Die Stunde kommt, die Stunde kommt,

Wo du an Gräbern stehst und klagst!

 

Ferdinand Freiligrath