O Herr, lass mich nicht schuldig werden

 

Wenn bei der Abendglocke Klängen

Ein heil`ges Ahnen dich durchbebt,

Und sich dein Herz in keuschem Drängen

Zum Geber alles Glücks erhebt;

Dann flehe nicht, wie alles fleht,

Um Glanz und Reichtum hier auf Erden!

Dann sei dein einziges Gebet:

„O Herr, lass mich nicht schuldig werden!“

 

Was hilft dir jedes Glück hienieden,

Was jeder Glanz und jede Pracht:

Wenn deines Herzens inn`rer Frieden

Durch eigne Schuld versinkt in Nacht? –

Was nützt dir alles Geld und Gold

Und Ruhm und Ehr` in allen Stücken:

Wenn dir die eigne Seele grollt,

Die dich allein nur kann beglücken?

 

Drum bete nicht, wie alle beten,

Um Glanz und Reichtum auf der Welt!

O fleh`, wie einst die Weisen flehten,

Dass Gott die Unschuld dir erhält!

Die Schuld begleitet jeden Schritt,

Den selbst auf Rosen du gegangen,

Und trägt den dunkeln Schleier mit,

Ein jedes Hoffen aufzufangen.

 

Die Schuld verbirgt sich in dem Kleide,

Das dir der Stolz zum Schmuck erkor,

Und macht zum Leinen dir die Seide,

Dass allen Schimmer sie verlor.

Die Schuld reißt selbst aus süßem Traum

Dich auf mit ihren spitzen Krallen,

Und stachelt dich durch Zeit und Raum,

Bis du dem Tod anheimgefallen.

 

Doch, wenn der Blume im Gefilde

Du gleich geblieben, keusch und rein,

Dann wird die Unschuld dir zum Schilde

Für jeden Erdenkummer sein;

Dann trotzest du des Lebens Not,

Wie auch die harten Loose fielen;

Dann isst du fromm dein letztes Brot,

Und achtest nicht die Hand voll Schwielen.

 

Dann lächelt selbst im Bettelkleide

Die Welt dich freundlich an und hold;

Dann wird das Leinen dir zur Seide,

Dann wird das Eisen dir zum Gold.

Drum bete nicht, drum bete nicht

Um Glanz und Reichtum hier auf Erden!

O fleh`, wenn alles dir gebricht:

„O Herr, lass mich nicht schuldig werden!“

 

Laurian Moris