Mariä Herbergsuchen

 

Die Mutter Gottes geht umher,

Ihr Aug` ist nass, ihr Herz ist schwer.

Ach, denkt sie, - ob ich nirgends find`

Wohl Herberg für mein liebes Kind?

 

Zu Betlehem weist man mich fort,

Sie achten nicht mein bittend Wort,

Sie haben nirgend einen Platz

Für Gottes Sohn, des Himmels Schatz!

 

So such ich bei den Christen nun

Ein Herz, das auf sich möchte tun,

Und laden voller Liebe ein

Die Mutter und das Kindelein.

 

So geh` ich denn Tag ein, Tag aus,

Jetzt im Advent von Haus zu Haus

Und klopf an jedes Herzens Tür:

Wer lässt mich ein? Wer öffnet mir?

 

Ich klopf nicht laut, ich red` nicht lang,

Still ist mein Fleh`n und still mein Gang;

Ein Herz, das sünd- und weltbetört,

Wohl leicht mein Bitten überhört.

 

Doch wo man liebend ein uns lässt,

Da bring ich mit zum Weihnachtsfest

So helles Licht, so große Freud`,

Wie diese Welt sie niemals beut.

 

Solch Herz wird dann zum Krippelein,

Da bett` ich gern mein Kind hinein,

Und wer dies Kindlein hat und hält,

Hat schon den Himmel auf der Welt.

 

O liebe Mutter, zart und rein,

Kehr doch in unserm Herzen ein;

Wir haben`s liebend dir gericht`

Und bitten dich, verschmäh` es nicht!

 

Und was wir leiden, was wir tun,

Ein Liebesopfer sei es nun,

Das wie ein Lichtlein im Advent

Zur Ehre deines Herzens brennt!

 

Dies Herz, so makellos und rein,

Schließt ja den Herrn des Himmels ein

Und bringt uns in der heil`gen Nacht,

Was diese Welt zum Himmel macht!

 

C. Wöhler