Der Rosenkranz

 

„Wer tröstet mich bei allen meinen Leiden?

Wer gibt mir Kraft – ausharrende Geduld?

Wer ist mit mir, wenn einst die Freunde scheiden?

Wer spricht für mich, wer tilget meine Schuld?

 

Den innern Feinden bin ich preisgegeben,

Den äußern auch – da mich die Welt umgibt.

Mein armes Herz kann oft sich nicht erheben

Zu dem, den innig meine Seele liebt.

 

Bei dir ist ja des Trostes reiche Spende,

Bei dir, o Jungfrau, uns`re Mittlerin;

Darum barmherzig deine Augen wende

Auf mich, die schwer bedrängte Sünderin.“

 

So klagend kniet` ich vor dem heil`gen Bilde

Der gnadenreichen Mutter unsers Herrn;

Ihr Antlitz war so hold, so engelmilde,

Als spräch es aus: „Mein Kind, ich helf` dir gern!“

 

Da ließ ich reichlich meine Tränen fließen,

Denn Morgenrot drang in des Innern Nacht;

Weit schien mein leidend Herz sich aufzuschließen

Vor ihres güt`gen Mutterblickes Macht.

 

Doch zweifelnd glaubt` die Hilfe ich noch ferne;

Da saß vor mir auf gold`ner Wolken Thron

Die Heil`ge selbst, und es umleuchten Sterne

Der Jungfrau Haupt als königliche Kron`.

 

Und einer von den Sternen aus dem Kranze

Ganz wundersamer Weise lös`t sich los;

Ersinkt herab im roten Feuerglanze

Auf der Gekrönten reinen Mutter-Schoß.

 

O wie durchzückt mich freudiges Erbeben!

Als Rosenkron liegt er am Lilienkleid;

Ein strahlend Kreuz seh` ich darüber schweben,

So höh`re Weihe diesem Kranz verleiht.

 

Die Heil`ge sprach: „Ich höre deine Klagen,

Dein Rufen stieg hinauf zu meinem Thron.

Nicht hilflos, Tochter, lass` ich dich verzagen:

D`rum bring` ich dir des Himmels Rosenkron`.

 

Sie soll dir Trost, sie soll dir Freud` bereiten,

Vertrauend; dankbar nimm sie also hin!

Und wie die Weisen ob des Sterns sich freuten,

So freue stets dich dieser Rosen Sinn!

 

Die größte schließt in sich des Glaubens Weihe

Und hält das Kreuz wie im Triumph empor.

Im Kreuze nur bewährt sich Glaubens Treue,

Es ist der Schlüssel zu des Himmels Tor!

 

Die größern lehren dich dann beten, dulden –

Der Christen-Liebe hohe, erste Pflicht!

Du sprichst: Vergib mir, Vater, meine Schulden,

Auch ich gedenk` des Bruders Sünde nicht.

 

Sie lehren dich den eigenen Willen brechen;

Dein Will` geschehe, Vater, nicht der mein`!

Sie lehren dich in tiefster Demut sprechen:

O lass mich stark in der Versuchung sein!

 

Die kleinen alle sind die schönen Grüße,

Wo meines Sohnes heil`ger Name prangt;

Sie sind des Segens und der Gnaden Flüsse,

Wohl dem, der Hilf` durch sie von mir erlangt.

 

Sie laden mich zu deiner letzten Stunde,

Wenn dir erlöschet deines Lebens Licht;

Gern führe diese Worte oft im Munde:

Verlass, Maria, mich im Tode nicht!

 

Nie kann ich einen Sünder je verlassen,

Der meiner noch im Rosenkranze denkt;

Für ihn zu bitten werd` ich nicht ablassen,

Bis mir mein Sohn das irre Schäflein schenkt.

 

Du sollst mit diesem Kranze oft mich schmücken!

Und dankbar werd` ich dir, o Tochter, sein;

Mit Seelenfrieden will ich dich beglücken,

Mit heil`ger Andacht süßem Freudenwein.

 

Die Dornen ird`scher Leiden zu empfinden,

Mach` ich zur Lust – zur sel`gen Wonne dir.

Und wirst du mir hienieden Rosen winden,

Im Himmel leg` zurück ich Perlen dir!“

 

Sie schweigt; ich greife zitternd nach dem Kranze,

Den sie mir beut mit königlicher Hand;

Doch bald darauf in majestät`schem Glanze

Dem schwachen Aug` der Morgenstern entschwand.

 

Ich rufe nach . . . ich strecke mit Entzücken

Die Arme nach der Wolken gold`nem Saum;

Vermessen such` ich in das Licht zu blicken . . .

Und ich erwach` aus meinem schönen Traum.

 

Es hatte schon der erste Strahl der Sonne

Die Nacht verscheucht und drang zu mir herein.

Gestöret war nun meines Traumes Wonne!

„Warum“, rief ich, „kann er nicht Wahrheit sein?“

 

Doch sieh`, es ist die rechte Hand gebunden

Vom Rosenkranz: O Freude süß und groß!

Ich hatte ihn um selbe mir gewunden,

Eh` ich des Abends meine Augen schloss.

 

Verherrlicht wollt` ihn mir Maria zeigen,

Mit Rosen lindern meiner Dornen Schmerz,

Und ich gelobte: Beten, Dulden, Schweigen!

Und Ruhe, Friede kehrten in mein Herz.