Der freudenreiche Rosenkranz

 

I. Geheimnis: Die Verkündigung Mariä

 

Gott der Vater:

 

Ja, ich will mich mild erbarmen

Dieser Schöpfung meiner Hände,

Meines menschlichen Geschlechtes,

Meines auserwählten Volkes,

Dass es sich zum Guten wende!

 

Gott der Sohn:

 

Vater, Vater, ja, ich komme,

Deinen Willen zu erfüllen;

Denn so steht im Buch geschrieben!

Will als Werkzeug der Erlösung

Dein gerechtes Zürnen stillen!

 

Gott der hl. Geist:

 

Auserwählt aus tausend Anderen

Hab` ich mir die Eine, Reine,

Die in Nazareth verborgen

Harret betend der Verheißung;

Sie ist würdig und sonst Keine!

 

Maria:

 

Tauet Himmel den Gerechten,

Wolken lasst herab ihn regnen!

Nach ihm sehnt sich meine Seele,

Nach ihm dürstet mein Verlangen,

Ihm begehr` ich zu begegnen!

 

Gabriel:

 

Sieh`, da komm` ich wie gerufen! –

Sei gegrüßt, Maria, Reine!

Gott ist mit dir, voller Gnaden

Hell erglänzend vor dem Höchsten

In der Tugend Heil`genscheine!

 

Maria:

 

O, was seh` ich, - einen Engel?

Was hat dieses zu bedeuten,

Dass in diese Einsamkeiten,

Diese Stätte größter Armut

Er möchte` gern heruntergleiten?

 

Gabriel:

 

Fürchte nicht dich, o Maria!

Du allein bist auserkoren,

Du die Wünsche aller Völker

Sollst als Mutter jetzt erfüllen

Durch das Kind, von dir geboren.

 

Maria:

 

Ich, als Mutter? – ich bin Jungfrau!

Will es sein und ewig bleiben!

Wie kann dieses dann geschehen,

Da ich Gott gelobet habe,

Niemals einen Mann zu kennen?

 

Gabriel:

 

Gottes Geist wird dich beschatten,

Du sollst Gottes Mutter werden!

Er will, um die Welt zu retten,

Sich in deinem Schoße bilden

Eine menschliche Gestaltung.

 

Maria:

 

Sieh`, ich bin die Magd des Herrn,

Mir gescheh` nach deinem Worte! –

O, wie schwinden alle Zweifel,

Da du selbst, dem ich gelobte,

Dich mit deiner Braut vermählet!

 

 

II. Geheimnis: Die Heimsuchung

 

Maria:

 

Träum` ich, wach` ich? o der Wonne,

Gott ist in mir Fleisch geworden! –

Diese Freude muss ich teilen,

Muss Elisabet begrüßen;

Ihr ist Ähnliches begegnet.

 

Erster Wanderer:

 

Sahest du die Lichtgestalt,

Ihres Blickes Allgewalt,

Wie geflügelt ihre Schritte,

Blumensprossend ihre Tritte?

 

Zweiter Wanderer:

 

Wie sie Berge überschreitet,

Über alle Hindernisse

Anmutsvoll hinüber gleitet;

Wie beschwingt sind ihre Füße!

 

Dritter Wanderer:

 

Welch` Menschengebilde!

So engelhaft milde,

So strahlenumwoben,

So göttlich erhoben!

 

Vierter Wanderer:

 

Als ob sie voll hoher Lust

Einen Himmel in der Brust,

Einen Gott im Herzen trägt,

Der ihr heil`ge Glut erregt!

 

Maria:

 

Eilen, eilen,

Nicht verweilen!

Zachariä Haus ist nahe!

Wenn Elisabeth mich sahe,

Wird sie mir entgegen eilen!

 

Elisabeth:

 

O du Gesegnete,

O du Begnadigte,

Mutter des Christ!

Du Auserkorene,

Schuldlos Geborene,

Sei mir gegrüßt!

Als du begrüßtest mich,

Siehe, da fühlte ich,

Wie sich das Gnadenpfand

Regte durch Geisteshand!

 

Maria:

 

Magnificat!

O Wundertat!

O Liebesrat!

Denn Großes tat

Mir Gottes Gnad`!

Von nun an preis`

Der Erdenkreis

In holder Weis`

Das Davids-Reis!

 

 

III. Geheimnis: Die Geburt Christi

 

Engelchor:

 

Ihr Hirten erwacht!

In finsterer Nacht

Ist, eh` ihr`s gedacht,

Das Heil euch gebracht!

 

Hirtenchor:

 

Welch` Leuchten, welch` Klingen,

Welch` festliches Singen,

Welch` Loben und Preisen

In himmlischen Weisen!

 

Ein Engel:

 

Nicht Fürchten, nein, Freude,

Ihr Hüter der Weide,

Ist heut` euch beschieden,

Versöhnung und Frieden!

Denn, Christ ist geboren!

Die Welt, die verloren,

Die wird nun errettet;

Ihr findet gebettet

Das Kind in der Krippe.

 

Engelchor:

 

Gloria!

Gott sei geehrt!

Dem guten Will`n

Sei Fried` beschert!

 

Hirtenchor:

 

So lass`t uns geh`n

Und staunend seh`n,

Ob wahr die Kunde,

Aus englischem Munde!

 

Maria:

 

Ich halte Gott in meinen Armen,

Ich halt` ihn an mein Herz gedrückt;

O betet an die ew`ge Liebe,

Die huldvoll auf euch niederblickt!

 

Hirtenchor:

 

Wir beten an die ew`ge Liebe,

Die huldvoll auf uns niederblickt!

Gott hat aus innigem Erbarmen

Uns seinen eig`nen Sohn geschickt!

 

Die hl. Drei Könige:

 

Erster:

Ich lege Gold vor deine Krippe

Und preise dich mit reiner Lippe!

 

Zweiter:

Der Weihrauch, Gott, gebühret Dir;

O nimm ihn gnädig an von mir!

 

Dritter:

Die Myrrhe weih` ich deinem Leiden,

Du Kind der Schmerzen und der Freuden!

 

Alle:

 

Kleiner Knabe, großer Gott!

Schönste Blume weiß und rot!

Von Maria neu geboren,

Unter Tausend auserkoren,

Allerliebstes Jesulein,

Lass uns deine Diener sein!

 

 

IV. Geheimnis: Aufopferung Jesu im Tempel

 

Maria:

 

Gott, dein Gesetz ist meine Freude,

Dein süßes Wort ist meine Weide!

Dein Heilsgebot ist meine Sonne,

Dein Tempel meines Herzens Wonne!

So will ich denn das holde Leben,

Den Sohn, den du mir selbst gegeben,

Der deines Herzens Wohlgefallen,

Dir opfern in den heil`gen Hallen!

Doch hab` ich nichts, als nur zwei Tauben,

Und starke Hoffnung, Lieb` und Glauben;

So will ich deinem Priester nahen,

Von ihm die Reinigung empfahen!

 

Simeon:

 

Ihr Augen schließet euch;

Ich habe ihn geschaut,

Heil mir! den Tröster Israels,

Dem ich vertraut!

Der Heiden Licht,

Die Glorie deines Volk`s,

Gereichtest vielen du

Zum Fall und Aufersteh`n!

Mariä-Herz,

Dich wird ein Schwert durchdringen,

Und Schmerz auf Schmerz

Wird dieses Kind dir bringen!

 

Anna:

 

Tag und Nacht harrt` ich im Tempel

Seiner Ankunft; betend, fastend

Sehnt ich ihn zur Erde nieder; -

Preist ihn meines Dankes Lieder!

 

Maria:

 

Mein Kleinod du,

In sel`ger Ruh`

Lagst du an meinem Herzen!

Jetzt wirst geweiht

Zu Kreuz und Leid,

Zu Peinen und zu Schmerzen!

Es reißt dich los

Vom Mutterschoß,

Aus meinen Liebesarmen

Gerechtigkeit! –

Barmherzigkeit!

Hast du denn kein Erbarmen?

Es ist getan!

Nimm`s Opfer an,

O Gott, von meinen Händen!

Erlösungsplan!

Auf Deine Bahn

Will ich den Sohn entsenden!

 

 

V. Geheimnis: Wiederfindung Jesu im Tempel

 

Maria:

 

Stunde auf Stunde verrinnt,

Träne auf Träne;

Aber ihn fanden wir nicht! –

 

Erster Pilger:

 

Wen suchest du,

Betrübtes, frommes Weib?

Was weinest du?

Kann ich dir Helfer sein?

 

Maria:

 

Ich suche ihn! Wer kennt ihn nicht,

Den meine Seele liebet,

- Von und rotem Angesicht! –

D`rum bin ich so betrübet!

 

Zweiter Pilger:

 

Vielleicht bei Josef, in den Reihen

Der Männer, findest du dein Kind;

Sie folgen hinter jenem Hügel;

O wein` dir nicht die Augen blind!

 

Maria:

 

Sagt, wo ist mein Vielgeliebter?

O, ihr Freunde und Gefährten,

Lasst mich nicht vor Sehnsucht sterben!

O, wo ist er hingegangen?

 

Dritter Pilger:

 

Jerusalem ist groß; vielleicht verirrte

Der holde Knabe sich. Doch sei getrost!

Jehova schützt den Sohn,

Den solche Mutter suchet!

 

Maria:

 

Es neigt sich der Tag,

Und schon der zweite!

Der Tau der Nacht

Mischt sich mit meinen Tränen!

 

Vierter Pilger:

 

Bereits der dritte Morgen

Zeigt mir dies schmerzerfüllte,

Holdsel`ge Frauenbild! –

S`ist Josefs Weib;

Dort kommt auch er – und weint.

 

Maria:

 

O, jetzt kommt mir ein Licht

Von oben in die Seele! –

Wie wär`s, wenn ich den Tempel

Zum Ziele mir erwähle? –

O Wonne! da ist er

Inmitten der Lehrer

Als Gott, als Bekehrer! –

Vorbei ist der Schmerz;

 

O komm` an mein Herz!