Das Blümlein Vergiss

 

Es blüht ein Blümlein im finstern Hain,

Nicht viele sind, die es brechen;

Ganz einsam will es gesuchet sein,

Und Dornen hat es, die stechen!

Tief wird es mit Tränen eingesät,

Und langsam keimt es und blühet spät,

Doch Ruh` hat, wer es gebrochen.

 

Das Blümlein, wie Reif so weiß und zart,

Im Mondschein wächst es alleine;

Das Sonnenlicht scheint ihm zu stark und hart,

Der Quellen ernähret es keine.

In schaurigen Nächten keimt`s empor,

Die Schwermut schirmt`s mit dem Trauerflor

Und nährt es mit tröpfelnden Tränen.

 

Gemieden wird es von Groß und Klein,

Doch heilt es die blutenden Herzen;

Die lächelnde Jugend verschmähet sein

Und scheut die verschwisterten Schmerzen.

O, wer`s nicht sucht, der die Ruh` verlor,

Und bitteren Schmerz er sich auserkor

Und gehet irr` bis zum Grabe.

 

Entsagen muss er der Freud` und dem Glück,

Der Freundschaft, der Lieb` und der Treue.

Oft senkst du den schwimmenden Blick zurück,

Ob der Jugendtraum sich erneue?

Gesät ist nun die bittere Saat,

Die von der Welt dich entfesselt hat,

Und nie entsprosst sie hienieden.

 

Doch tief im Hain, wo der West verhallt,

Und Tannen schauerlich schwanken,

Da wandelt die ernste Grabgestalt,

Die hohe Stirn voll Gedanken.

Sie hält das Blümlein so totenweiß,

Wie Nordlicht scheint`s und ist kalt wie Eis –

Sie reicht`s: „Vergiss und entbehre!“

 

Friederike Brun, geb. Münter