Marienklage

 

(Nach dem Lateinischen von K. Simrock)

 

In wie bittern

Qualen zittern

Muss der Mutter Herz voll Huld,

Da den süßen

Sohn sie büßen

Sieht am Kreuz der Menschen Schuld!

 

O das lichte

Angesichte,

Wie so bleich ist jetzt sein Schein!

Sie zerbrachen,

Sie durchstachen,

Sohn, dein blutend Fleisch und Bein.

 

Wie viel schwerer

Marter, Hehrer,

Dir zerriss den schönen Leib,

So viel herbe

Schmerzen erbe

Von dem Sohn ich armes Weib.

 

Sprachlos stand sie,

Hände wand sie,

Seufzt und ächzt in heißer Qual;

Schmerz durchwühlte,

Liebe fühlte

Die erhab`ne Frau zumal.

 

Werft euch nieder

Gläub`ge Brüder,

Klaget mit mir um den Sohn;

Seht, entflohen

Ist des Hohen,

Des Gesalbten Leben schon!

 

Seht, als bleiche,

Kalte Leiche

Liegt er in das Grab gesenkt,

Der das Leben

Uns gegeben,

Der uns Kraft und Wärme schenkt.

 

Himmel fließe,

Erd` ergieße

Zährenbäche um mein Kind!

Mir versiegen,

Trocken liegen

Mir die Augen tränenblind.

 

Ach, mir schwellen,

Meereswellen

Gleich, die Qualen Tag für Tag;

Denn sie haben,

Kind, begraben

Dich in diesem wilden Hag.

 

Wascht die Glieder,

Augenlider,

Ihm mit heißen Tränen rein;

Senkt den teuren,

Senket euren

Gott dann in die Herzen ein!

 

Nicht im Grabe,

Nein, er habe

Seinen Sitz in Erdens Lust:

In den Herzen

Mitleidsschmerzen

Danket ihm aus frommer Brust!