Maria auf Golgatha

 

Es schweigt die Nacht auf Golgatha,

Schwarz zieht die Wolkenschar vorüber;

Natur erzählt, was hier geschah,

Der Himmel wölkt sich trüb und trüber.

Dort von des Schmerzes Schwert durchbohrt,

Schmiegt an das Kreuz Maria sich;

Dort oben starb der Menschheit Hort,

Das schönste Licht der Welt verblich!

 

Was wogt in ihrer treuen Brust,

Was senkt die tiefbetrübten Blicke?

Vorbei ist ihres Lebens Lust,

Und trauernd schaut sie jetzt zurücke.

Sie sieht den Knaben zart und jung,

In Bethlehem, so hold und lieb;

Wie süß zwar solch Erinnerung,

Von oben schwebt, was von ihm blieb.

 

Sie hört ihn in der Davidstadt

Judäas Söhne mild belehren;

Sieht, wie durch seine Liebestat

Sich Tausende zu Gott bekehren.

Sie schaut des Lebens Leid verweht,

Durch seines Wortes Ruf geheilt;

Doch jetzt sie unterm Kreuze steht,

Indes  zum Vater er geeilt.

 

Sie schaut ihn von der Heidenschar

Gelästert, ausgespottet, dulden.

Wie durch sein blutgetränktes Haar

Die Krone dringt – für unsre Schulden!

Sie sieht auf seinen Schultern dann

Des Kreuzes Last. – Ein jeder Schritt

Ist Todesqual dem Gottesmann,

Der dort für alle, alle litt.

 

Doch jetzt! Sie hebt ihr Auge nun

Zu ihm empor wohl ohne Klagen;

Wie jetzt auf ihm die Blicke ruh`n!

Fast möchten sie vom Glücke sagen.

Sie sieht ihn an des Vaters Thron

Für alle Erdenkinder fleh`n;

Fleht selbst zu ihm: „O lass, mein Sohn,

Gerettet all` einst aufersteh`n!“