Lied im Leiden

 

Die heilige Kreszentia von Kaufbeuren hat ihre Leiden, die sie besonders in der Liebe zum göttlichen Herzen befestigten, im folgenden Lied rührend besungen:

 

Du süße Hand Gottes ermunterst mein Herz

Und machest, dass ich mit den Leiden nur scherz´.

Es ist mir, als wenn mit mir Ball Gott schlüg´;

Je stärker er zuschlägt, je höher ich flieg´!

 

Ich muss es bekennen, Gott hobelt mich sehr;

Er schneidet und sticht mich, doch fällt´s mir nicht schwer.

Willst wissen, warum denn? Ich halte dafür,

Gott schnitzelte gern einen Engel aus mir.

 

Oft bin ich verlassen im Kreuz und im Leid;

Da denk ich mir, so hat jetzt Gott seine Freud´!

Er machts wie ein Jäger, der ein Wild schießen will,

Er lässt sich nicht sehen und haltet sich still.

 

So wie ein jung´s Bäumlein im Garten bin ich;

Gott selbst ist der Gärtner und biegt mich an sich.

Er reinigt und stutzet an mir meine Zweig´,

Auf dass ich mehr trage und höher aufsteig´.

 

Ich bin so ganz fröhlich im Leiden bestellt:

Es rufet der Satan, es rufet die Welt.

Lass rufen, ich hör´ nichts, ich will´ge nicht ein,

So komm ich denn doch noch in Himmel hinein.

 

Ich sag zu mir öfters: Du Blum´ in der Blüh´!

Willst denn schon verwelken? Es ist noch zu früh.

Das schmerzt mich dann bitter, doch denk ich darauf:

Lass Blätter nur fallen, der Same geht auf.

 

Ich fürchte kein Leiden, so groß es auch sei,

Wenn nur die Hand Gottes ist tätig dabei.

Denn Eisen und Stahl wird ja schneller gestreckt,

Je stärker der Schmied mit dem Hammer drauf schlägt.

 

Was schad´ts euch ihr Augen, wenn schon ihr zerfließt,

Wenn nur aus dem Weinstock die Blüt´ hervorschießt!

Und wenn eine Träne mehr Tränen gebärt,

Wird doch noch mein Leiden in Freude verkehrt.

 

Und werd ich auch immer mit Leiden geplagt,

Wie wenn eine Welle die andere schlagt;

Wenn nur die Hand Gottes zu fischen verlangt;

Je trüber das Wasser, je reicher sie fangt.

 

Zwar drückt mich Gott schmerzlich, doch gibt er Geduld;

Ich denk dann bescheiden, ich hab´s so verschuld´t.

Und wenn man will orgeln, so tönet es nicht,

Wenn man nicht mit Fingern die Tasten gedrückt.

 

Lasst schlagen, lasst plagen, so muss es ja sein,

Sonst käm von uns keines in Himmel hinein.

Was nützen die Garben im Haufen zu Haus,

Wenn nicht schlüg´ der Drescher den Weizen heraus!

 

So spielt die Hand Gottes, doch nur eine Zeit:

Nach Stürmen folgt Sonne, nach Leiden folgt Freud´!

So dulde und trage, was Gott auf dich legt,

Und schweige und bete, wenn Unmut sich regt.

 

Im Leiden zu leben sei doch stets bereit,

Bis selbst die Hand Gottes den Faden abschneid´t,

Dann gibt´s Fleisch den Würmern, die Knochen der Erd´,

Die Seel´ nach den Leiden dem Himmel gehört.

 

So sei´s denn beschlossen, es bleibe dabei:

Hier schneide, hier brenne, dort gnädig mir sei.

Zur Dankbarkeit will ich noch schreiben aufs Grab:

„Nach Leiden mir himmlische Freuden Gott gab.“