Königin der Schmerzen

 

Wenn du am Schmerzenslager kniest

Dess, der dir lieber als dein Leben,

Und mit gebroch`nem Herzen siehst

Dir jeden Hoffnungsstrahl entschweben; -

Dann denke, was sie hat getragen,

Die an dem Fuß des Kreuzes stand,

Als man den Sohn daran geschlagen, -

Was sie – die Mutter – da empfand!

 

Wenn deine Tränen und dein Fleh`n

Das kalte Antlitz nicht erwarmen

Und du das Aug` musst brechen seh`n

Vor deinem Aug`, in deinen Armen; -

Dann denke, was sie hat empfunden,

Als man in ihren Schoß gelegt

Den Leib des Herrn voll Blut und Wunden,

Und sieh` die Mutter, die ihn trägt!

 

Wenn jeder Hammerschlag durchdringt,

Da man des Sarges Deckel schließt,

Dein Herz, das mit Verzweiflung ringt,

Nun dich kein einz`ger Blick mehr grüßt; -

Dann denke, wie ihr Herz geschlagen,

Als mit dem Stein man zugebaut

Das Grab, dahin man ihn getragen,

Und sieh` die Mutter, die es schaut!

 

Denkst du an sie, so wird sie denken

Gewiss an dich und deinen Schmerz

Und wundersamen Frieden schenken

Lind in dein armes, wundes Herz. –

Nicht wahr? Wer selbst so heiß gerungen,

Den jammert tief das fremde Leid;

Wem selbst das Schwert ins Herz gedrungen,

Der ist zum Heilen gern bereit.

 

O darum, ihr betrübten Herzen,

Kommet, schart euch um des Kreuzes Fuß,

Und ihr, der Königin der Schmerzen,

Bringt demutsvollen Kindergruß! –

O glaubt es, wer in Weh und Bangen

Zu ihr am Fuß des Kreuzes trat,

Der ist noch niemals fortgegangen,

Dass er nicht Trost gefunden hat!

 

C. Wöhler