Jesus, salvator mundi

 

Das zwanzigste Jahrhundert brach herein,

Ein dunkel Rätsel, dem die Lösung fehlt,

Ein bang Geheimnis, das nur neue Pein

Vielleicht in seines Schoßes Tiefen hehlt,

Ein tückisch Meer, des Fluten gischtend steigen,

O, will sich nirgends der Erretter zeigen,

Jesus, salvator mundi?

 

Er kam, er wohnet unter uns, und doch

So mancher Arme, der des Herrn vergisst,

Der, schmerzlich seufzend unter schwerem Joch,

Das bittre Tränenbrot des Kummers isst.

Ach, wüsstet ihr´s, die müd´ ihr und beklommen,

Das Heil der Welt ist lange schon gekommen:

Jesus, salvator mundi!

 

Nach ihm, dem Mittler, dem Versöhner strebt

Die ganze Menschheit, wenn auch unbewusst;

Ein dumpf Verlangen nach Erlösung hebt

Sogar des ärgsten Gottesleugners Brust;

Und wer verstrickt in schwarzer Schuld und Sünde,

Ahnt dunkel noch, dass ihm nur Rettung künde

Jesus, salvator mundi.

 

Im Glorienglanz ja der Erlöser steht;

In seinem Zeichen steht allein die Welt.

Ob hier, ob dort des Aufruhrs Fahne weht,

Jählings ein Reich zerbricht, ein Thron zerschellt,

Ob auch erschüttert alle Stützen wanken:

Es stehet fest ohn´ Weichen, ohne Wanken,

Jesus, salvator mundi.

 

Die tiefste Nacht verliert ihr banges Grauen,

Der schärfste Todesstachel seinen Schmerz,

Verzweiflung wandelt still sich in Vertrauen,

Und sanfte Hoffnung füllt jedwedes Herz!

Wie drohend immer Wind und Wogen schwellen,

Zur rechten Zeit gebietet Halt den Wellen

Jesus, salvator mundi.

 

A. Jüngst