Ich schau Ihn an und Er sieht mich an

 

Einfältig Wort! Und doch so stark an Glauben;

So fest im Hoffen und so warm an Lieb;

So groß an Macht, sich jenes Herz zu rauben,

Das stets im Tabernakel unser blieb.

 

„Ich schau Ihn an!“ Und alle Erdengröße

Zerrinnt vor Ihm wie Eis im Sonnenstrahl,

In Seinem Licht erscheint die eigne Blöße

So tief beschämend klar mit einemmal.

 

„Ich schau Ihn an!“ Und läg der Glanz und Schimmer

Von tausend Welten zwischen Ihm und mir,

Seh ich nur Ihn, des Vaters Abglanz immer,

Kein Blick, o Eitelkeit, gilt ferner dir.

 

„Ich schau Ihn an!“ Ihr sel`gen Himmelsscharen,

Habt ihr ein größres Glück? – O sagt:

Kann ich dort oben Süßeres erfahren,

Wenn einst der ewig neue Morgen tagt?

 

„Er sieht mich an!“ Nun kann ich`s leicht ertragen,

Dass ich der Welt so ganz verborgen bin;

Kein Aug mich sieht, kein Herz für mich will schlagen;

Blickt nur Sein Aug und Herz auf mich noch hin.

 

„Er sieht mich an!“ Ich lass dir deine Wonne

Und deinen Sinnenrausch, o Welt, nun gern;

In meines Heilands Blick will ich mich sonnen:

Er ist mein Licht, Er ist mein Freudenstern.

 

„Er sieht mich an!“ Und bin ich arm an Habe,

An Geisteszierde noch so bar und leer,

Des Höchsten Blick erschließt mir jede Gabe,

Gießt mir in Geist und Herz ein Freudenmeer.

 

„Er sieht mich an!“ Denn Simon von Cyrene

Schuf dieser Blick das Kreuz in Freude um.

Auch mir verwandelt er die Schmerzensträne

In Süßigkeit, die Schmach in Ruhm.

 

„Er sieht mich an!“ Solls je mich maßlos kümmern,

Dass Lust und Wohlergehn mir abhold sind?

Kein Schicksalsschlag kann ja das Glück zertrümmern,

Das ich im Blick des besten Freundes sind.

 

„Er sieht mich an!“ Nun mögen Krieg und Stürme

Und hohe Wasserfluten mich bedrohn:

Sein Allmachtsblick erbaut mir sich`re Türme;

Er stillt die wilde Flut als Gottessohn.

 

„Er sieht mich an!“ Soll ich das Glück besingen,

Das einen Himmel schließt in sich?

O nein! Es könnt mir Armen nicht gelingen,

Und säng ich Jubellieder ewiglich.