Erwartung des Erlösers

 

In Nächten lag die Welt und stöhnte,

Umloht von fahler Blitze Schein,

Kein heil´ges Friedenswort ertönte

In ihres Elends große Pein.

Nur manchmal aus den dumpfen Kissen

Hob sie das Haupt, von Mohn so rot: -

„Hat noch kein Stern die Nacht zerrissen?

Ist denn das heil´ge Licht verloht?“

 

Doch nur noch wirrer, dumpfer hallten

Die fahlen Stürme übers Land.

Noch blasser, geisterhafter wallten

Die Schatten in der Nacht Gewand.

Und nur noch müder aus den Gründen

Klang es zur Welt von Qual umdroht:

„Die Hoffnung brach im Rausch der Sünden,

Die Liebe starb, das Licht ist tot!“

 

Und auf den dunklen, sturmumwehten,

Den Bergen all in Frost und Wind,

Da standen schauernd die Propheten

Und riefen nach dem heil´gen Kind.

Von Hoffnung heiß ihr Arm sich spannte

Zum Himmel auf im Schrei nach Licht,

Und weinend schauten alle Lande

Ihr totenbleiches Angesicht.

 

Und die Sybillen mit den Rollen,

Worin die heil´ge Weisheit stand,

Sie schritten in der Stürme Grollen

Hin übers hoffnungsleere Land.

Hinflatterte in grauen Nächten

Ihr Kleid durch Wind und Regensprüh´n,

Und mit den welken, fahlen Rechten

Ihr Heimweh wies zum Himmel hin.

 

- Da, sieh! Durch alle Nächte strahlte

Von fern ein wunderbares Licht!

Ein heil´ger Hoffnungsschimmer malte

Der Welt verhärmtes Angesicht;

Und aufgeschreckt vom Sturmestosen,

In heil´gen Schauern tief gebannt,

Warf sie von sich den Kranz der Rosen

Und starrte übers fahle Land. –

 

Denn schau! Hoch über aller Wolke

Und über allen Nächten wild,

Da zeigte sich dem müden Volke

Ein wunderbares Frauenbild.

Tief ihr zu Füßen Engel sangen,

Ihr beugte sich des Mondes Glanz,

Und Millionen Sterne schlangen

Sich um ihr Haupt zum Strahlenkranz.

 

Und aus der Sünde dumpfen Hallen,

Wo sie geruht so lang, so lang,

Schrak auf die Welt und musste lallen

Den feierlichen Jubelsang;

Der wiederbrauste, hell erglommen,

In allen Höhen fern und nah:

„Nun wird die große Sonne kommen –

O – in excelsis gloria!“

 

Lorenz Krapp (Arno von Walden)