Die sieben Schmerzen der hl. Jungfrau

 

Christi Leiden hast du vorgelitten,

Als dein lieberfülltes Mutterherz

Simeon mit scharfem Schwert durchschnitten,

Dir verkündend seinen Todesschmerz:

Lasse meine Schuld mich tief beklagen,

Die so schwere Wunden dir geschlagen!

 

Musstest aus der lieben Heimat fliehen

In die Fremde, in Ägypterland,

Mit Sanct Josef, mit dem Kindlein ziehen

Einsam durch der Wüste heißen Sand:

Lass mich gehen, o Mutter, dir zu Seiten,

Wolle du durchs Leben mich geleiten!

 

Deinen Sohn verlorst du ohne Schulden;

Deine Liebe suchte ihn so lang,

Musste harren, musste schmerzlich dulden,

Schmachten ohne Trost drei Tage lang:

Sei, Maria, mir zum Stern erkoren,

Hab` ich ihn durch meine Schuld verloren.

 

Mit der Dornenkrone hart geschlagen

Sahst du ihn zur Leidensstätte geh`n,

Sahst das schwere Kreuz ihn blutend tragen

Und die Feinde höhnend ihn umsteh`n:

Wolle, Jungfrau, du mein Herz erquicken,

Will die Last der Leiden mich erdrücken!

 

Schmerzensreiche, die das Kreuz umfangen,

Deren Herz der schärfste Dolch durchschnitt,

Als die Hammerschläge dumpf erklangen,

Als sein heilig Blut herniederglitt:

Lass mich mit Johannes bei dir weilen,

Lass als Sohn mich deine Liebe teilen!

 

Deines Heilands, deines Sohnes Leiche

Wund, zerrissen, blutend, kalt und bloß,

Nahmen sie vom Kreuz; o Jammerreiche,

Du, o Jungfrau, nahmst ihn auf den Schoß

Habe meiner vor dem Tod Erbarmen,

Lass mich ihn im Sakrament umarmen!

 

Die getrauert, ach! so tief im Herzen,

Eine Rose, von dem Sturm entlaubt,

Als das Grab die Mutter voll der Schmerzen

Ihres höchsten Gutes, ach! beraubt:

Keine Sünde soll mir ihn entreißen,

Ewig will ich dich im Himmel preisen!

 

Guido Görres