Die Hoffnung

 

Es wandelt auf Erden ein himmlisches Kind,

Doch lässt es sein Antlitz nicht sehen;

Gleich lenzigen Lüften, balsamisch und lind

Ist seines Fittiges Wehen –

Es schwebet hernieder, vom Himmel gesandt,

Und „Hoffnung“ wurde sein Name genannt.

 

So wie, wenn der Tau von dem Himmel sich senkt,

Die Blumen und Halme sich heben,

So nahet das himmlische Kindlein und tränkt

Das matte irdische Leben;

Es labt dann und kräftigt das wankende Rohr,

Und facht das sterbende Flämmchen empor.

 

Wo heimlich die Träne des Seufzenden fällt

Und gräberwärts blicket der Jammer,

Erhebt es das Antlitz des Kummers und hellt

Die dunkle schweigende Kammer;

Es sendet hernieder den tröstlichen Schein,

Wohl muss das Kindlein ein himmlisches sein.

 

Dem Säemann zeigt es im Furchen-Gefild

Die wallenden Ähren von ferne;

Dem nächtlichen Wandrer das liebliche Bild

Der Heimat im blinkenden Sterne;

Und über des Säuglings mildlächelnd Gesicht

Ergeußt es sein rötlich himmlisches Licht.

 

Du, Hoffnung! begleitest auf dornigem Pfad

Den Pilger zu himmlischen Höhen;

Du stärkst auch die Liebe, die heilige Saat

Der ewigen Ernte zu säen;

Dem Auge, von zitternden Tränen erfüllt,

Erscheint das himmlische Ährengefild.

 

Den heiligen Glauben verlässest du nicht –

Mag toben der Erde Getümmel!

Er stehet und lächelt, das Dunkel wird Licht –

Und aufgetan glänzt ihm der Himmel;

Dann hebest auf sternenbesäeter Bahn

Du den Verklärten zum Himmel hinan!

 

Friedrich Adolph Krummacher