Der schmerzhafte Rosenkranz

 

I.

 

In des Gartens stillen Gründen

Lag der Heiland im Gebete.

Ach, er weint um uns`re Sünden,

Gnade er für uns erflehte!

 

Und die Leidensfluten Steigen

Bei Erwägung uns`rer Sünden:

In der Ferne schon sich zeigen,

Die sich gegen ihn verbünden.

 

Jetzt mit Todesangst und Zittern,

Blutgebadet, hör ihn flehen:

„Vater, nimm den Kelch, den bittern;

Doch dein Wille soll geschehen!“

 

Und es tönt im Herzen wieder

Seiner Mutter; auch sie betet:

„Sieh, o Vater, auf ihn nieder,

Wie sein Blut die Erde rötet!“

 

II.

 

An die Marmorsäul` gebunden

Steht der Schöpfer bloß und mild,

Und aus tausend bitt`ren Wunden

Sein hochheilig Blut schon quillt.

 

Marmorstein! du möchtest weinen,

Weil die Menschen wurden Stein,

Wie du musst den einzig Einen

Halten fest zu größ`rer Pein.

 

Wie? Fühlt kein`s von allen Herzen

Mitleid mit dem süßen Herrn?

Mutterherz! Du fühlst die Schmerzen

Deines Sohnes, ob auch fern.

 

Mutter! lass uns mit dir weinen,

Höre unser reuig Fleh`n:

Gib uns Teil an deinen Peinen,

Lehr uns deinen Schmerz versteh`n!

 

III.

 

Durch der ersten Sünde Fluch

Dornen diese Erde trug,

Unsern Stolz zu brechen.

Spitzer Dorn, o halte ein;

Hüte dich, dies Haupt so rein

Grausam zu durchstechen!

 

Bringe einen Blütenflor

Roter Rosen rasch hervor,

Jesu Haupt zu schmücken!

Doch er trägt der Sünde Pein:

Dorn ritzt blut`ge Rosen ein,

Sünder zu beglücken.

 

„Ecce homo!“ schallt`s von fern,

Und Maria naht den Herrn,

Naht dem lieben Sohne.

Ach, der einzig sündenlos,

Trägt der Sünde bitt`res Los,

Trägt die Dornenkrone!

 

IV.

 

Süße Jungfrau, heut vergebens

Such ich dich im Kämmerlein;

Wirst der Hoffnung deines Lebens,

Wirst des Sohn`s du dich erfreu`n?

 

Sieh dort jene Menschenmenge!

Krönet sie zum König ihn?

Werfen sie in dem Gedränge

Zweige dem Propheten hin?

 

Hörst du sie „Hosanna“ rufen,

„Hochgelobt sei Davids Sohn“? –

Weh`, er naht! – Die Palaststufen

Hallen dumpf von wildem Hohn.

 

Schwere Last des Kreuzes tragend,

Auf dem Haupt die Dornenkron`,

Sieht die Mutter bang und zagend

Ihren vielgeliebten Sohn.

 

Und sie betet tief im Herzen:

Heil`ger Gott, o halte ein!

Denn es ist genug der Schmerzen

Und genug der bitt`ren Pein.

 

Zögernd bleibt er bei ihr stehen,

Mitleidsvoll schaut er sie an,

Und das Mutteraug` muss sehen

Ihren Sohn – als Schmerzensmann!

 

V.

 

Von dem Himmel wie verstoßen,

Von der Erde Fluch bedeckt,

Hat er all sein Blut vergossen,

An dem Kreuze ausgestreckt.

 

Hat sein Vater nicht Erbarmen,

Mitleid seine Brüder nicht,

Da mit ausgespannten Armen

Er am Kreuze klagend spricht?

 

Sieh, mit beiden vollen Händen

Gießt er Segen aus im Blut,

Dass des Satans Macht muss enden

In der neuen Segensflut.

 

Und, das Herz von Schmerz durchbohret,

Steht die Mutter bei dem Sohn,

Tränenschwer das Aug umfloret;

Ist das ihrer Liebe Lohn?

 

Ja, die Liebe lebt vom Leiden,

Und im Leid wird sie bewährt;

Doch durch Leid führt sie zu Freuden,

Nach dem Schmerz wird sie verklärt!