Der Psalm "Miserere"

 

(aus dem XII. Jahrhundert)

 

Herre Gott, erbarme dich

durch deine Gnade über mich.

 

Herre, nach deinen Hulden,

nicht nach meinen Schulden!

 

Die alte Schuld mir neue

mit des Herzens Reue.

 

Meine Sünden, die erkenne ich,

sie reden täglich wider mich.

 

Wider sie sei mein Helfer und Schlichter,

mein gnadenreicher Herr und Richter!

 

Gesündigt habe ich an dir alleine,

gib, dass ich das beweine.

 

In Sünden bin ich gewirket gar,

in Sünden mich meine Mutter gebar.

 

Wasche mich, dass ich entsündigt geh`,

so bin ich weißer als der Schnee.

 

Herre von den himmlischen Chören,

wollt meine Bitte gnädig hören.

 

Dieweil du ladest alle zugleich

in das ewige Himmelreich.

 

So lass mich ihrer einen sein,

bewahre mich vor der ewigen Pein.

 

Gib mir ein Herze reine,

einen Geist, der dich meine.

 

Wirf mich von deinem Antlitz nit,

wie den Verworfenen geschieht.

 

Raff` mich nicht hin in deinem Zorn,

anders wär` ich verlorn.

 

Verleih` mir ein so reines Leben,

dass ich den Leuten möge geben

 

gutes Vorbild, rechte Lehre,

das, o Herr, mir du gewähre.

 

Herre, wahrer Mensch und Gott,

dein Lob und dein Gebot

 

reinige mir Mund und Mut

mit des Heiligen Geistes Flut.

 

Begehrst ein Opfer du von mir,

Herre, gern gäb` ich es dir:

 

Dein Opfer aber ist die Treue,

das Herz in wahrer Reue.

 

Geruh` dies Opfer anzusehn,

wollst auch das meine nicht verschmähn!

 

Behüt` mich vor des Teufels Neid

und vor des Abgrunds ew`gem Leid.

 

Nach diesem Elend uns bereit

einst dort die ewige Seligkeit.