Der Muttergottesbrunnen

 

Eine Mariensage

 

Tief in Waldeseinsamkeit

Liegt in ew´gem Frühlingsprangen,

Von der Sonne weich umfangen,

Eine Lichtung groß und weit.

Kosend durch die Lenzesluft

Weht ein wundersamer Duft.

 

Fremde Zauberblumen blühn

Farbenprunkend, duftumflossen,

Von des Himmels Tau begossen,

In der Wiese hellem Grün,

Die aus sel´ger Heimat Schoß

Ward versetzt ins Waldesmoos.

 

Keinem Menschen ward noch kund,

Wo der Wunderort gelegen;

Seinen Zauber, seinen Segen,

Pries nur frommer Dichter Mund.

Selbst das Wild mit leichtem Schritt

Nie durch diese Lichtung glitt.

 

Mitten in der Wiese quillt

Wundersam ein lichter Bronnen,

Spender sel´ger Himmelswonnen,

Der des Herzens Dürsten stillt.

Aber statt des Wassers klar

Strömet Milch draus wunderbar.

 

Muttergottesbrunnen heißt

Diese weiße Wunderquelle,

Weil an dieser heil´gen Stelle

Oft Maria hold sich weist:

Nächtens steigt vom Sternenkreis

Sie hernieder licht und leis.

 

Engel sendet dann sie aus;

Kinderchen, die mutterlosen,

Tragen sie mit süßem Kosen

Hin zu ihr aus manchem Haus

Und sie neiget mütterlich

Zu den armen Kleinen sich.

 

Aus kristallner Schale beut

Sie des Brunnens Milch den Lippen,

Die begierig davon nippen.

Darauf spielen hocherfreut

Mit den Engeln, bis es graut,

Jene Kleinen lieb und traut.

 

Wunderblumen seltner Pracht

Pflücken sie beim Sternenglanze,

Winden sie zu buntem Kranze,

Bis zu Ende geht die Nacht –

Bis die Engel sie im Arm

Tragen heim, ins Bettchen warm.

 

Früh am Morgen siehst du blühn

Süßen Lächelns holdes Prangen,

Himmelsrosen auf den Wangen

All der Kleinen lieblich glühn.

Und aus ihren Augen lacht

Noch das sel´ge Spiel der Nacht.

 

Max Kuschel