Der glorreiche Rosenkranz

 

I. Geheimnis

 

Jericho- oder Auferstehungsrose

 

Ihr Frauen auf nächtlichen Pfaden.

Mit Spezereien beladen,

Ihr eilet zum Quell aller Gnaden!

 

Die Sonne geht auf und – o bebet –

Der Stein von dem Grabe sich hebet,

Und Gott, euer Jesus, er lebet!

 

Ihr wollet ihn einbalsamieren,

Um ihn noch im Tode zu zieren,

Nun sollt ihr ihn gänzlich verlieren;

 

Denn öde und leer ist die Stätte,

Wo er in dem felsigen Bette

Im Tode zu ruhen nun hätte.

 

Der Engel gibt euch davon Kunde,

Doch heilt nicht die schmerzliche Wunde

Die Nachricht aus englischem Munde.

 

Ihr möchtet ihn selbst gerne haben,

Den trauernd ihr hier einst begraben;

Nichts kann außer ihm euch ja laben.

 

Geduldet, er kommet, er kommet;

Er weiß, was das Warten euch frommet;

 

Er ruft euch zum ewigen Leben,

Wenn alle vom Grab` sich erheben!

 

II. Geheimnis

 

Sonnen- oder Goldrose

 

Seh`t, der Himmel sich nun öffnet,

Seinen König einzulassen!

Könnt` ich dich bei deinem Saume

Goldumkränzte Wolke fassen!

 

Seh`t, wie leuchten seine Wunden!

Alles Leid ist nun verschwunden,

Aufwärts geht`s der Heimat zu!

 

Drunten die Apostel stehen,

Traurig auf zum Himmel sehen,

Der des Ew`gen Sohn verbirgt.

 

Sonnenstadt, in deinen Toren

Hab` ich meinen Gott verloren!

Engel, sagt: Wo find ich ihn?

 

Hochverkläret ihr ihn kennet,

Der Mariä Sohn sich nennet,

Der in Fleisch und Blut erschien.

 

Bittet ihn im Sternenglanze,

Dass im heiligen Rosenkranze

Ich sein Beispiel treu verehr`,

Und wenn einst der Auffahrt Stunde

Schlägt, er ew`gen Lohn gewähr`!

 

III. Geheimnis

 

Pfingstrose

 

Ganz erglüht von heil`ger Liebe

Zieh` mich Geist mit starkem Arm`;

Dass ich folgend höherm Triebe

Wird` für Gottes Sache warm!

 

Preisen ihn mit neuen Zungen

Will ich stets als Gotteskind;

Will, von seiner Gnad` durchdrungen,

Fortan göttlich sein gesinnt!

 

Feurig mal` ich seine Taten

Durch mein Leben eifrig aus;

Sammle durch des Geistes Saaten

Reiche Ernte in mein Haus,

 

Dass, wo immer ich seh` darben,

Was der Seele Nahrung schafft,

Überall ich streu` die Garben,

In des heil`gen Geistes Kraft.

 

Gott geschenkt sei all mein Streben,

Ganz mein Dasein hingegeben,

Bis der Tod hinweg mich rafft!

 

IV. Geheimnis

 

Herbstrose

 

Man fand einst nur Lilien und Rosen,

Maria, wohl in deinem Sarg;

Doch du, du wardst nirgends gefunden! –

Was ist es, das dich uns verbarg?

 

Der Himmel ist`s, der dich verbirgt;

Dort thronst du in strahlender Pracht,

Dort wirst du von seligen Geistern

Mit Augen der Liebe bewacht;

 

Es dienen dir Engel voll Freude,

Nachdem du dem Tod obgesiegt.

Die Magd ist erhöht nun zum Lohne,

Die hier sich in Demut geschmiegt.

 

Du süße, du wonnige Rose,

Du zarte, du himmlische Braut!

Du wirst jetzt im Reiche der Himmel

Von deinen Verehrern geschaut,

 

Die hier deinen Kranz sich erwählten

Zum täglichen Wonnegenuss,

Andächtig so oft dich begrüßten

Mit gnadenvoll englischem Gruß!

 

V. Geheimnis

 

Königsrose

 

Schönste Rose, Königin

Des geheimnisvollen Kranzes,

Nimm mein ganzes Herze hin!

Blume voll des Himmelsglanzes

 

Netze mich mit deinem Tau,

Hilf durch seinen Strahlenglanz

Mir die Seligkeit erwerben,

 

Dass er mir die Rettung schafft

In des Lebens Sturm und Wogen,

Dass mein Anker durch die Kraft

Dieser Kette werd` gezogen;

 

Dass der Kranz so perlenreich

Als geheimnisvolle Krone

Schmücke mich im Himmelreich,

Königin, vor deinem Throne!