Das sterbende Kind

 

Alles schweigt im stillen Tal.

Kein Auge wachet mehr,

Der Mond nur streut den matten Strahl,

Still lächelnd rings umher.

 

Kein Laut, nur der des Turmes hoch,

Regt sich in stummer Nacht.

Ein einzig Flämmchen zittert noch,

Nur eine Mutter wacht.

 

Sie wacht in nächtlich zwölfter Stund

Beim kranken Kind allein.

Und kühlt den fieberheißen Mund,

Und träufelt Honig ein.

 

Das Kindlein wälzt sich hin und her

Und wimmert bang und heiß.

Es findet keine Lind´rung mehr,

Es ringt im Todesschweiß.

 

Die Mutter kost und küsst und weint

Und möcht vor Schmerz vergeh´n;

Was sie gehofft, was sie geträumt

Sieht sie zu Grabe gehn.

 

Die Mutter wacht, die Mutter weint,

Beim kranken Kind allein;

Der Mond, er lacht, der Mond, er scheint,

Durchs Fenster still hinein.

 

Da schwebt vom Himmel, sanft und mild,

Beim ersten Morgenrot,

Ein Engel küsst sein Ebenbild –

Und sieh! – Das Kind war tot.

 

Die Mutter wacht, die Mutter weint,

Beim toten Kind allein;

Der Mond, er lacht, der Mond, er scheint,

In´s Totenkämmerlein.

 

Zu Gott

Nach dem Gemälde von W. Kaulbach