Das Meer des Lebens

 

Euch, die noch Lenz und Liebe froh umblühen,

In deren Locken noch der Zephir spielt,

Die nie geahnt des Sommers heißes Glühen,

Die nie des Herbstes kaltes Wehn gefühlt –

 

Euch werden auch noch einstens Stürme kommen,

Gleicht doch das Menschenleben einem Meer:

Heut kommt das Schifflein ruhig hergeschwommen

Und morgen treibt es unstet hin und her.

 

Heut spielt die Welle sanft um seine Flanken

Und morgen hemmt sie schäumend seinen Lauf,

Heut fühlt ihr nur ein angenehmes Wanken

Und morgen stürzt es furchtbar ab und auf!

 

Jedoch ihr könnt getrost vom Lande stoßen,

Nehmt nur „Vernunft“ zum Kapitäne an!

„Frohsinn und Fleiß“, das seien die Matrosen,

Und „Gott im Himmel“ euer Steuermann!

 

Die „Hoffnung“ sei das Schiff, sie mög` euch tragen,

Wie auch des Lebens Nebel ringsum graut!

Hoch auf dem Maste lasst die Flagge ragen,

Die Worte drauf: Auf Gott vertraut!“

 

So schifft dahin, mag auch die Woge brausen,

Nur frisch voran nach alter Seemannsart!

Mag auch der Sturm in euren Locken sausen,

Nur mutig fort auf eurer Lebensfahrt!

 

Und wenn am Ziele eurer Fahrt ihr stehet,

Wenn ihr euch sehnt nach stiller, ew`ger Ruh:

Wenn grau das Haar um eure Scheitel wehet,

Und euer Auge lacht dem Himmel zu:

 

Dann kommt ein Hafen auf dem Meer des Lebens,

Den man die „bessre Welt“ hienieden nennt;

Dann lohnt euch Gott am Ziele eures Strebens

Mit jenem Frieden, den man hier nicht kennt!

 

Christian Lewalter